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Eineinhalb Jahre nach Insolvenz : Der rätselhafte Investor vom Neckermann-Gelände

  • -Aktualisiert am

Platz für Neues: Wo einst Neckermann saß, versucht nun die OSWE neue Mieter anzulocken. Bild: Dieter Rüchel

Eine türkische Investorengruppe will auf dem ehemaligen Gelände von Neckermann in Frankfurt-Fechenheim wieder Leben einziehen lassen. Das hat sie andernorts aber auch schon versprochen, ohne dass etwas geschehen wäre.

          Auf dem Empfangstresen hat ein Optimist das Schildchen aufgestellt: Bitte warten, bin gleich zurück. Doch das dürfte nun schon mindestens ein Jahr her sein. Denn seit das traditionsreiche Versandunternehmen Neckermann.de vor eineinhalb Jahren Insolvenz angemeldet hat und die letzten Mitarbeiter die Gebäude Anfang 2013 verlassen haben, hat sich auf dem riesigen Gelände an der Hanauer Landstraße in Fechenheim nicht mehr allzu viel getan.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zumindest das langgezogene Hauptgebäude liegt dunkel und verwaist, so wie die allermeisten der vielen Lagerhallen und Bürohäuser auf dem weitläufigen Gelände. Die Parkhäuser drum herum sind weitgehend leer.

          Teil der Fläche vermietet

          Dass sich auf dem riesigen Areal an der Hanauer Landstraße in Fechenheim bald wieder etwas tun soll, das merkt man erst, wenn man in die Hugo-Junkers-Straße einbiegt. An einem Bungalow hat der neue Eigentümer einige Schilder mit seinem Namensschriftzug OSWE Ost West Handelszentrum GmbH angebracht, vor dem großen Verwaltungsbau an der Adam-Opel-Straße wehen hoffnungsvoll ein paar Fahnen. Ein Schild weist daraufhin, dass hier Büros, Hallen und Lager zu mieten sind.

          Davon gibt es hier wahrlich jede Menge: 180 000 Quadratmeter Lager- und Logistikfläche und 130 000 Quadratmeter Büroräume umfasst das ehemalige Versandimperium. Laut Sebahattin Özkan von OSWE ist ein Drittel davon an 20 verschiedene Unternehmen vermietet. Größter Mieter dürfte die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft sein, die von hier unter anderem die Filialen von Blume 2000 mit frischen Pflanzen beliefert und für regen Lastwagenverkehr in einem hinteren Teil des Geländes sorgt. In einem neueren Bürogebäude direkt an der Hanauer Landstraße brennt in einigen Büros Licht, ein Schild davor verweist auf die Kanzlei Neumeyer und die Inkasso-Gruppe Universum.

          Stadtverwaltung irritiert über OSWE

          Wie die OSWE den Rest des Geländes füllen will, dazu ist von Özkan noch nicht allzu viel zu erfahren. Ein Handelszentrum wolle man aufbauen, über das verschiedene Unternehmen aus aller Welt ihre Waren „im Herzen Europas und Deutschlands“ lagern und verteilen könnten, sagt Özkan. Dazu wolle die OSWE die bestehenden Gebäude nutzen und sie offensiv vermarkten. Nicht zuletzt durch den Umzug der Europäischen Zentralbank ins Ostend hoffe man auf mehr Nachfrage nach Büro- und Lagerflächen.

          In der Stadtverwaltung ist man irritiert über das Vorgehen von OSWE. Hier hatte man nach der Neckermann-Insolvenz gehofft, dass ein so großes Areal in einem der wichtigsten Gewerbegebiete der Stadt im Sinne der Stadtplanung weiterentwickelt würde. Weder im Wirtschafts- oder Planungsdezernat noch bei der städtischen Wirtschaftsförderung weiß man nun aber so recht, was der neue Eigentümer auf dem Gelände vorhat. Ist es normalerweise üblich, dass sich ein Investor vor dem Kauf eines so großen Objektes Informationen darüber einholt, welche Art von Bebauung und Weiterentwicklung damit möglich ist, so haben die Türken offenbar erst gekauft und informieren sich nun.

          Erst kaufen, dann überlegen

          Damit folgen sie einem Muster, das andernorts schon für Ärger sorgt. In Usingen im Hintertaunus haben Özkan und der Rechtsanwalt Bilgiç Ertürk im Herbst 2012 ebenfalls im Namen der Investorengruppe das Schloss Kransberg gekauft, in Balduinstein bei Limburg das Schloss Schaumburg. Von der Errichtung einer internationalen Business-School war damals beiderorts die Rede, von Restaurants und Räumen für Hochzeitsfeiern. Auch heute, auf die Pläne mit den Schlössern angesprochen, redet Özkan von Bildungseinrichtungen, die dort geplant seien. Passiert ist seit der Ankündigung allerdings hier wie dort noch nichts. Zumindest nichts Positives: Eine Straße am Schloss Kransberg musste kürzlich gesperrt werden, weil die Mauern bröckeln und ein Balkon abzustürzen droht. In Balduinstein ärgern sich die Bürger, weil das einst beliebte Ausflugsziel vom neuen Eigentümer geschlossen wurde.

          Stillstand: Auf Schloss Kransberg tut sich unter den neuen Besitzern nichts.

          Erst kaufen, dann überlegen - diese Devise, nach der die Investoren offenbar vorgehen, ist zumindest aus deutscher Sicht eher ungewöhnlich. Allerdings gibt es nicht wenige Ausländer, die in diesen Zeiten auf der Suche nach einem sicheren Hafen für ihr Geld in deutsche Immobilien investieren. Zumindest bei der alten Neckermann-Fläche ist im boomenden Frankfurt mit seinen knapper werdenden Flächen kaum zu erwarten, dass sie weiter an Wert verlieren wird. Angesichts der knapp 200 Millionen Euro, die die englische Segro-Gruppe vor fünf Jahren für das damals noch voll von Neckermann benutzte Gelände gezahlt hat, wirken die 46 Millionen Euro, die OSWE nun gezahlt hat, geradezu wie ein Schnäppchen. Bleibt nur zu hoffen, das dort nicht ähnlich schnell der Verfall einsetzt wie an Schloss Kransberg.

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