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Belastete Frankfurter Bäche : Eine trügerische Idylle

Idyllisch: Der Erlenbach ist hübsch anzusehen, aber nicht unbedingt so sauer, wie er wirkt Bild: Cornelia Sick

Frankfurter Bäche sind schwer mit Keinem belastet und nicht zum Baden geeignet. Die Kläranlagen können nicht alles filtern.

          Es mutet an wie eine Idylle, wie sich der Eschbach, der sich aus mehreren Quellbächen des Taunus speist, von der Stadtgrenze im Norden Frankfurts durch Nieder-Eschbach schlängelt, durch grüne Landschaft, um bei Harheim in die Nidda zu münden. Spätestens seit das Gesundheitsamt in dem Bach nach dem lebensbedrohlichen multiresistenten Keim Klebsiella pneumoniae gesucht hat, steht aber fest, dass die Idylle trügt. Am Freitag kam nun zwar in diesem Punkt die Entwarnung: Der spezielle Erreger wurde nicht entdeckt. Dafür aber fanden sich viele andere resistente Bakterien. Denn es ist kein reines Quellwasser, das der Bach in Frankfurt mit sich führt. Oberhalb der Stadtgrenze steht die Kläranlage von Bad Homburg.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Eschbach wie auch der Erlen- und der Urselbach, an denen auch Kläranlagen liegen, enthalten so viele Fäkalkeime, dass sie vom Gesundheitsamt, das vierteljährlich Wasserproben aus allen Gewässern nimmt, die schlechteste von vier „Eignungsstufen“ bekommen. Mit dem Wasser dürfen nicht einmal Sportplätze bewässert werden.

          „Warum gibt es keine Schilder?“

          Die meisten Frankfurter wissen nicht um den Zustand der Bäche ihrer Stadt. „Warum gibt es an den sanierten und zum Verweilen anregenden Uferstellen des Eschbachs keine Hinweisschilder auf die hohe Keimbelastung?“, fragt deshalb der Stadtverordnete Luigi Brillante von der „Europaliste“. Er beobachte, wie Familien mit Kindern an Bächen unterwegs seien und der Nachwuchs im Wasser spiele.

          Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) hält vom Aufstellen solcher Warnschilder allerdings nichts. „Zu Ende gedacht“ müssten in einem ganz geringen Abstand Schilder stehen, sagt er, „das ist absurd“. Die Stadt weise immer wieder darauf hin, dass es sich bei den Bächen und Flüssen um keine Badegewässer handele. Das Spielen darin sei mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden.

          Um die Gewässer freigeben zu können, müsste die von der EU vorgegebene Badegewässerrichtlinie eingehalten werden. Das erreicht in Deutschland nur die Isar bei München. Die davorliegenden Kommunen wurden verpflichtet, ihre Kläranlagen so auszustatten, dass das Abwasser mit ultraviolettem Licht behandelt wird. Das tötet die Keime fast vollständig ab. Doch das Verfahren ist teuer und bisher nur in kleinen Kläranlagen ausprobiert worden. Und es sind nicht allein Kläranlagen, die Bakterien in die Gewässer bringen. Sie stammen auch von Tierkot und Landwirtschaft. In der Massentierhaltung werden großzügig Antibiotika eingesetzt, die über die als Dünger eingesetzte Gülle auf Felder und in Gewässer gelangen.

          Reste von Waschmitteln

          Doch für Abwasserexperten sind Keime nicht das größte Problem. Ihre Themen sind Medikamentenrückstände sowie Reste von Wasch-, Reinigungs- und Pflanzenschutzmitteln im Abwasser, aber auch Mikroplastikteilchen, die aus Kleidung und Kosmetik stammen. Sie können nicht herausgefiltert werden.

          Aus diesem Grund diskutieren die Abwasserexperten und Umweltpolitiker derzeit über eine sogenannte vierte Reinigungsstufe, die dann bundesweit für alle Kläranlagen gelten würde. In dieser Diskussion könnte das verstärkte Auftreten von resistenten Keimen in Bächen und Flüssen berücksichtigt werden. Ein vom Bund aufgelegtes Forschungsprojekt soll Klarheit bringen, woher die Erreger stammen. Dass sie, einmal im Wasser, auch andere Keime resistent werden lassen, steht offenbar schon fest.

          „Wir werden nicht alles herausholen können“

          Fachleute wie Ernst Appel und Werner Kristeller, die gemeinsam die Stadtentwässerung Frankfurt leiten, warnen jedoch davor, Kläranlagen als „Reparaturbetriebe“ zu sehen. „Wir werden nicht alles herausholen können“, sagen sie und fordern ein Umdenken in der Gesellschaft. Dazu gehöre, abgelaufene Medikamente nicht in die Toilette zu schütten. Und die Vorstellung, die neue Reinigungsstufe bringe schnelle Abhilfe, sei unrealistisch. Vom Beschluss bis zur Verwirklichung brauche es mindestens ein Jahrzehnt.

          Und der Bürger? Muss er, wenn er am Höchster Wehr an die dort renaturierte Nidda geht, wissen, was sich alles im Wasser befindet? Braucht er nicht doch ein Hinweisschild? Oder soll er vielleicht gerade dort seine Kinder dort baden lassen, damit sie im Leben jedem Keim trotzen können? Die Fachleute geben dazu noch keine Auskunft. Die erforderliche Zusammenarbeit zwischen Umwelt-, Hygiene- und Abwasserexperten gibt es bisher noch nicht.

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