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Ritterspektakel : Eine Rampensau und die Schwerter der Freiheit

  • -Aktualisiert am

Hoch zu Ross und hoch das Schwer: Sandra Strietz in Aktion bei ihrer Mittelalter-Show Bild: Hedwig, Victor

Beim Ritterspektakel in Dieburg ist Horst Bulheller schwarzer und rosaroter Ritter zugleich. Drehbuchautor und Veranstalter ist er auch noch. Und dann passiert während der Show sogar ein Unfall.

          3 Min.

          Prinz Luitpold von Rosengarten stolziert aufgebracht in die Arena. „Scheiß doch auf das Drehbuch“, ruft er und wirft seine blonde Perücke in den Sand, das rosa Kleid fliegt direkt hinterher. Der rosarote Ritter ist wütend: Nur wenige Sekunden nach seinem Abgang sollte der schwarze Ritter Adrigon von Avalon auf den Kampfplatz kommen. Weil aber beide Charaktere vom selben Schauspieler gespielt werden, fehlt Luitpold die Zeit zum Umziehen. Die rosarote Tracht tauscht er deshalb vor den Zuschauern gegen die schwarze aus.

          „Die Szene gehört natürlich zum Drehbuch“, verrät Horst Bulheller. In „Die Schwerter der Freiheit“ spielt er sowohl den exzentrischen Luitpold als auch den Bösewicht Adrigon. Als der Dreiundfünfzigjährige seinen schwarzen Helm ablegt, erscheinen zerzauste dunkelgraue Haare, ein Dreitagebart und eine blutverkrustete Nase. Die hat er sich nicht etwa beim Schwertkampf zugezogen, sondern am Morgen im Bad. Außer seiner Rolle als doppelter Hauptdarsteller ist Bulheller auch noch Drehbuchautor und Veranstalter des Ritterspektakels.

          „Kurz vor den Tränen“

          Nach dem Auftakt am vergangenen Wochenende findet es an diesem Wochenende zum zweiten Mal auf seinem Reiterhof in Dieburg statt. Bulheller sagt zwar, dass er das Fest organisiert, um Geld zu verdienen, aber seine Leidenschaft für das Reiten und die Showbühne ist unüberhörbar: „Ich will, dass die Zuschauer kurz vor den Tränen stehen und dass sie Adrenalin und Begeisterung spüren.“

          Bulheller tritt seit mehr als 30 Jahren als reitender Schauspieler auf. Er wuchs auf dem Bauernhof auf und saß schon als kleiner Junge im Sattel. „Wer einmal Pferdescheiße gerochen hat, kommt nicht mehr davon los“, sagt er. Früher sei er ein „einsamer Wolf“ gewesen und als Söldner von Show zu Show gezogen. Vor fünf Jahren lernte er während eines Ritterfestivals seine Lebensgefährtin Sandra Strietz kennen. Die beiden pachteten den Großwiesenhof in Dieburg und veranstalten mittlerweile gemeinsam das Ritterspektakel.

          Strietz ist Dressurreiterin und spielt die Prinzessin Amera. In „Die Schwerter der Freiheit“ will sie gemeinsam mit den

          drei sagenumwobenen „Chevaliers de la Liberté“, den Rittern der Freiheit, ihre Schwester Gabriela aus Adrigons Fängen befreien. Vor der Show sitzt Strietz unter einem Baum und geht noch einmal ihren Text durch. Auch die anderen Darsteller bereiten sich vor. Bulheller zieht sein schwarzes Gewand an, eine Knappin flicht Prinzessin Gabrielas Haare, der Harlekin gießt kühles Wasser über seine bunte Mütze.

          Dann beginnt die Vorstellung. Zunächst läuft alles wie geplant. Adrigon beschimpft seine Diener und das Publikum buht ihn aus. Die „Chevaliers de la Liberté“ bekommen hingegen kräftigen Beifall und Luitpold schäkert mit den Zuschauern. Es folgt das Turnier, in dem die Ritter sich beim Tjost mit ihren Lanzen gegenseitig aus dem Sattel stoßen. Als Adrigon jedoch vom Hengst auf den Streitwagen wechselt, gerät er zu nahe an die in der Mitte stehende Stechbahn heran. Ein Rad bleibt an einer Planke hängen und wirft die Stechbahn um. Eines der hölzernen Bretter zersplittert und die Pferde tippeln nervös über den Sand. Dieser Teil gehört offensichtlich nicht zum Drehbuch.

          Mann gegen Frau: Show-Kampf in neo-mittelalterlichem Umfeld in Dieburg
          Mann gegen Frau: Show-Kampf in neo-mittelalterlichem Umfeld in Dieburg : Bild: Hedwig, Victor

          Kurz herrscht Chaos auf dem Kampfplatz, dann eilen die Knappen herbei und stellen die Stechbahn wieder auf. Das Holzbrett wird hinter die Kulissen getragen, die Ritter setzen die Show fort.

          Trotz des Malheurs ist Bulheller hinterher zufrieden. Den Zuschauern habe die Show gefallen. Team und Pferde hätten gut reagiert, alle seien wohlauf. Dass bei den waghalsigen Stunts ab und an jemand verletzt wird, lässt sich laut Bulheller nicht vermeiden. Früher sei er beim Tjost wie ein Weltmeister vom Pferd geflogen und habe sich mehrere Bänderrisse in den Schultern zugezogen. Auch am Finger hat er eine zentimeterlange Narbe, ein Kollege habe ihn mit dem Schwert getroffen. Dessen ungeachtet sei er einige Stunden später mit dickem Verband wieder als schwarzer Ritter aufgetreten. „Das ist ein knochenharter Job“, sagt Bulheller, aber er erfülle ihn. „Ich glaube, ich mache das, weil ich eine Rampensau bin und die Leute begeistern will“, sagt er: „Wenn sie dir danach die Hände drücken, geht das runter wie Öl.“

          Bulheller veranstaltet nicht nur die Ritterspektakel auf dem Reiterhof. Im bürgerlichen Leben leitet er außerdem eine Firma, die Metallteile fertigt. Manchmal arbeite er mehr, als ihm guttue. „Die sagen alle, ich hätte sie nicht mehr alle. Wahrscheinlich habe ich sie auch nicht mehr alle“, sagt er.

          Damit seine Shows einzigartig bleiben, schweißt und zimmert Bulheller viele Requisiten selbst zusammen. An seinem imposanten Streitwagen sind beispielsweise Besenstiele und Fassdauben angebracht. „Den gibt es kein zweites Mal, und da bin ich richtig stolz drauf.“ Wenn bei so viel Eigenarbeit einmal etwas schiefläuft, sieht er das nicht so eng. Schließlich sei seine Veranstaltung keine teure Fernsehproduktion, für die alle Beteiligten zwei Monate trainieren könnten. Trotzdem sagt Bulheller: „Was die Zuschauer hier zu sehen bekommen, ist keine Vereinsmeierei.“

          Wie er sind die meisten seiner Ritter absolute Profis, die von Show zu Show ziehen und sich so ihre Sporen verdienen. Deshalb verspricht Bulheller allen Zuschauern ein Ritterspektakel, das seinen Namen auch verdient. Und das liefert er. Selbst wenn der Streitwagen in die Stechbühne kracht.

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