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Zeit für eine Liebeserklärung : So schön ist Frankfurt!

Ein schöner Anblick: Frankfurt hat für viele Geschmäcker was zu bieten. Bild: dpa

Manch einer braucht Jahre, um Frankfurt schätzen zu lernen. Bei anderen springt der Funke nie über. Warum nur?

          Mit manchen Texten tut man sich schwer. Wird man der Hauptperson gerecht? Gelingt es, eine Szene so lebendig zu schildern, wie man sie erlebt hat? Wird die knappe Darstellung dem komplexen Sachverhalt gerecht? Und manche Texte schreiben sich wie von selbst. Dieser Text wird so einer werden. Da bin ich mir sicher. Denn es soll darum gehen, warum Frankfurt eine tolle Stadt ist. Und das ist nun wirklich leicht zu begründen.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          An dieser Stelle schrieben zuletzt zwei Kollegen. Carsten Knop schilderte, warum er 15 Jahre gebraucht hat, um sich in Frankfurt zu verlieben. Christian Palm, warum es ihm nie so recht gelungen ist. Ich habe keine 15 Tage gebraucht.

          An meinem ersten Wochenende in Frankfurt, im April 2014, ging ich zum Flohmarkt am Mainufer, um mir ein Fahrrad zu kaufen. Flohmarkt in Berlin, wo ich mehr als 20 Jahre meines Lebens verbracht habe, bedeutet: Hippe junge Menschen aus aller Welt sind bereit, 70 Euro für eine gebrauchte Sonnenbrille zu zahlen, weil sie „vintage“ ist und aus Berlin. Flohmarkt in Frankfurt heißt: Frankfurter aus aller Welt verscherbeln Möbel, Kuriositäten und Fahrräder für geringe Beträge. Niemand findet irgendetwas allein deshalb cool, weil es aus Frankfurt kommt, und das ist sehr angenehm.

          Mehr Lokalpatriotismus wäre schön

          Allerdings würde der Stadt etwas mehr Lokalpatriotismus wirklich guttun. Berlin toll zu finden, gehört zum guten Ton für Berliner, Neu-Berliner, Australier und Israelis. Frankfurt findet niemand toll. Warum nur?

          Von jenem Tag auf dem Flohmarkt an fuhr ich mit dem Fahrrad zur Arbeit, erst durch Sachsenhausen, dann über die Untermainbrücke. Vorbei am Dönerboot, dem kleinen Schiff auf dem Main, aus dem heraus gegrillter Fisch im Fladenbrot verkauft wird. Auf der Wiese davor sitzen Menschen auf Decken an kleinen Klapptischen und trinken Tee. Der türkische Besitzer verleiht die Tische und die Decken in Deutschland-Farben und säubert sie nach Gebrauch penibel. Sein Boot sieht im Vergleich zu der Skyline dahinter noch goldiger aus. Diese Kontraste, dieser breite Fluss mitten in der Stadt, das Internationale und zugleich irgendwie Provinzielle: Spätestens da war es um mich geschehen.

          Frankfurt ist auf eine entspannte Art nicht sonderlich hip, sehr international, aber irgendwie auch provinziell.

          Ich erkundete die Stadt und ihre Kneipen. In den Apfelweinschänken treffen sich Jung und Alt, und auch wenn das klingt wie ein Klischee, so ist es doch wahr. In Berlin gibt es diese Durchmischung nicht. Es ist eine alterssegregierte Stadt, in der es Bars und Restaurants für Leute unter und für Leute über vierzig gibt. Geraten meine Eltern einmal aus Versehen in ein Exemplar der ersten Kategorie, fühlen sie sich unwohl.

          Stadtviertel mit eigenem Charakter

          Um eins klarzustellen: Natürlich ist Berlin eine großartige Stadt. Was Frankfurt zum Beispiel mit ihr gemeinsam hat, sind die Stadtviertel, die einen eigenen Charakter haben. Das Westend hat mit Bornheim so wenig gemeinsam wie Kreuzberg mit Charlottenburg. Dort Parkanlagen, Ruhe und Feinkostläden, hier Fachwerkhäuser, trubeliger Markt, Eckkneipen mit Kegelbahn im Keller. Der angenehme Unterschied zur Hauptstadt: Während man dort von einem Kiez in den anderen teils eine knappe Stunde mit S- und U-Bahn braucht, reichen in Frankfurt 15 Minuten auf dem Rad. Frankfurt ist die kleinste echte Großstadt, die ich kenne.

          Kleines Dönerboot mit großer Skyline dahinter

          Weil die meisten Leute zum Arbeiten in die Stadt gekommen sind und nicht, weil sie schon immer eine Zeit ihres Lebens in Frankfurt verbringen wollten, beäugt man sich nicht kritisch (Wer ist kreativer? Wer kennt die coolsten Clubs?), sondern offen. Freunde in Frankfurt zu finden ist wunderbarerweise ein sehr leichtes Unterfangen. Das kulturelle Angebot in Frankfurt ist groß, aber nicht so groß, dass man das Gefühl hat, es nicht überschauen zu können. Von Frankfurt aus braucht man eigentlich in keine Stadt Deutschlands länger als vier Stunden mit dem Zug. Und dank des Flughafens ist man auch schnell weiter weg. Frankfurt ist auf eine entspannte Art nicht sonderlich hipp. Aber es ist hipper als etwa das geleckte München, wo das einzige Szeneviertel aus drei Straßen besteht, in dessen Kneipen man selbst am Tresen reservieren muss.

          Klar: Fahrradfahren in Frankfurt ist lebensgefährlich, die S-Bahn hat gefühlt jeden Tag wegen einer Stellwerksstörung Verspätung, und die Mietpreise sind eine Katastrophe. Als ich einmal eine neue Wohnung suchte und man mir zum Beispiel eine gruselige Ein-Zimmer-Wohnung, der man ein Bad und eine Küche (beide ohne Fenster) abgetrotzt hatte, als „traumhafte Wohnung mit Mainblick“ für 800 Euro Kaltmiete andrehen wollte, zweifelte ich an meiner Liebe zu dieser Stadt. Aber manchmal ist es eben kompliziert. Inzwischen wohne ich in Bornheim und erfreue mich jeden Tag an meinem Balkon. Und überhaupt: Zu einer echten Liebe gehört, zu jemandem oder etwas nicht nur wegen, sondern auch trotz bestimmter Eigenschaften zu halten.

          Die Frankfurt-Verachtung um mich herum hat mich immer wieder einmal ins Grübeln gebracht: Vielleicht haben die anderen ja doch recht? Deshalb bin ich immer etwas nervös, wenn ich Besuch bekomme. Und hoffe, dass meine Gäste meine Begeisterung teilen werden. Neulich waren zwei spanische Freundinnen bei mir. Wir sind Boot gefahren im Palmengarten, haben die Gründerzeitvillen im Westend bewundert und Aperol Spritz getrunken im „Fein“, einem bezaubernden zu einem Park-Café umgebauten Kiosk in den Wallanlagen. Wir haben die Basquiat-Ausstellung in der Schirn angeschaut, haben Flammkuchen gegessen am Affentorplatz, sind am Museumsufer entlangspaziert und auf den Dom gestiegen, um die Aussicht auf kleine Gassen und gewaltige Bürotürme zu genießen.

          Grüne Soße und Apfelwein

          Wir haben Bier bei „Yok Yok“ im Bahnhofsviertel und Kaffee im Café „Coo Coo“ getrunken, das versteckt in einer Kleingartenanlage hinter dem Günthersburgpark neben einer Gärtnerei liegt, weshalb man seinen Kuchen dort mit Blick auf Gießkannen, Blumen und Schubkarren genießen kann. Danach gab es Apfelwein auf dem Lohrberg und abends Grüne Soße in der „Sonne“, Frankfurts schönstem Apfelweinlokal. Die beiden Freundinen waren begeistert. Die Stadt sei so grün, so entspannt, so vielseitig. Und das für mich schönste Kompliment kam von Maria: „Ich mag es immer, Städte zu besuchen, bei denen ich mir vorstellen könnte, in ihnen zu leben.“ Warum kann sich eine Galizierin, die immerhin in Meeresnähe aufgewachsen ist, nach einem Wochenende mit dem Gedanken anfreunden, in Frankfurt zu leben, aber Menschen aus dem Ruhrgebiet oder einer schwäbischen Kleinstadt gelingt das angeblich nach Jahren nicht? Ich werde es nie verstehen.

          In Frankfurts Apfelweinkneipen treffen sich jung und alt.

          Ach ja: Mit meinem Besuch war ich nicht auf dem Friedberger Platz und nicht bei Eis Christina. Zwei Orte, die gern als Beispiel dafür genannt werden, dass die schönen Ecken von Frankfurt überlaufen sind. Ich war einmal freitags am Friedberger Platz. Was soll ich sagen? Es war überfüllt und unangenehm, und deshalb bin ich seither nie wieder dorthin gegangen. Warum auch? Es gibt so viele andere schöne Dinge, die man an einem Freitagnachmittag in Frankfurt tun kann. Zum Beispiel Eis essen bei „Marie“ in Bornheim.

          Meine Vermutung zum Einstieg hat sich bestätigt: Seit ich angefangen habe, zu schreiben, ist bloß eine gute Stunde vergangen. Dieser Text hat sich wie von selbst geschrieben. Frankfurt kann es einem sehr leichtmachen. Man muss sich nur darauf einlassen.

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