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Zeit für eine Liebeserklärung : So schön ist Frankfurt!

Kleines Dönerboot mit großer Skyline dahinter

Weil die meisten Leute zum Arbeiten in die Stadt gekommen sind und nicht, weil sie schon immer eine Zeit ihres Lebens in Frankfurt verbringen wollten, beäugt man sich nicht kritisch (Wer ist kreativer? Wer kennt die coolsten Clubs?), sondern offen. Freunde in Frankfurt zu finden ist wunderbarerweise ein sehr leichtes Unterfangen. Das kulturelle Angebot in Frankfurt ist groß, aber nicht so groß, dass man das Gefühl hat, es nicht überschauen zu können. Von Frankfurt aus braucht man eigentlich in keine Stadt Deutschlands länger als vier Stunden mit dem Zug. Und dank des Flughafens ist man auch schnell weiter weg. Frankfurt ist auf eine entspannte Art nicht sonderlich hipp. Aber es ist hipper als etwa das geleckte München, wo das einzige Szeneviertel aus drei Straßen besteht, in dessen Kneipen man selbst am Tresen reservieren muss.

Klar: Fahrradfahren in Frankfurt ist lebensgefährlich, die S-Bahn hat gefühlt jeden Tag wegen einer Stellwerksstörung Verspätung, und die Mietpreise sind eine Katastrophe. Als ich einmal eine neue Wohnung suchte und man mir zum Beispiel eine gruselige Ein-Zimmer-Wohnung, der man ein Bad und eine Küche (beide ohne Fenster) abgetrotzt hatte, als „traumhafte Wohnung mit Mainblick“ für 800 Euro Kaltmiete andrehen wollte, zweifelte ich an meiner Liebe zu dieser Stadt. Aber manchmal ist es eben kompliziert. Inzwischen wohne ich in Bornheim und erfreue mich jeden Tag an meinem Balkon. Und überhaupt: Zu einer echten Liebe gehört, zu jemandem oder etwas nicht nur wegen, sondern auch trotz bestimmter Eigenschaften zu halten.

Die Frankfurt-Verachtung um mich herum hat mich immer wieder einmal ins Grübeln gebracht: Vielleicht haben die anderen ja doch recht? Deshalb bin ich immer etwas nervös, wenn ich Besuch bekomme. Und hoffe, dass meine Gäste meine Begeisterung teilen werden. Neulich waren zwei spanische Freundinnen bei mir. Wir sind Boot gefahren im Palmengarten, haben die Gründerzeitvillen im Westend bewundert und Aperol Spritz getrunken im „Fein“, einem bezaubernden zu einem Park-Café umgebauten Kiosk in den Wallanlagen. Wir haben die Basquiat-Ausstellung in der Schirn angeschaut, haben Flammkuchen gegessen am Affentorplatz, sind am Museumsufer entlangspaziert und auf den Dom gestiegen, um die Aussicht auf kleine Gassen und gewaltige Bürotürme zu genießen.

Grüne Soße und Apfelwein

Wir haben Bier bei „Yok Yok“ im Bahnhofsviertel und Kaffee im Café „Coo Coo“ getrunken, das versteckt in einer Kleingartenanlage hinter dem Günthersburgpark neben einer Gärtnerei liegt, weshalb man seinen Kuchen dort mit Blick auf Gießkannen, Blumen und Schubkarren genießen kann. Danach gab es Apfelwein auf dem Lohrberg und abends Grüne Soße in der „Sonne“, Frankfurts schönstem Apfelweinlokal. Die beiden Freundinen waren begeistert. Die Stadt sei so grün, so entspannt, so vielseitig. Und das für mich schönste Kompliment kam von Maria: „Ich mag es immer, Städte zu besuchen, bei denen ich mir vorstellen könnte, in ihnen zu leben.“ Warum kann sich eine Galizierin, die immerhin in Meeresnähe aufgewachsen ist, nach einem Wochenende mit dem Gedanken anfreunden, in Frankfurt zu leben, aber Menschen aus dem Ruhrgebiet oder einer schwäbischen Kleinstadt gelingt das angeblich nach Jahren nicht? Ich werde es nie verstehen.

In Frankfurts Apfelweinkneipen treffen sich jung und alt.

Ach ja: Mit meinem Besuch war ich nicht auf dem Friedberger Platz und nicht bei Eis Christina. Zwei Orte, die gern als Beispiel dafür genannt werden, dass die schönen Ecken von Frankfurt überlaufen sind. Ich war einmal freitags am Friedberger Platz. Was soll ich sagen? Es war überfüllt und unangenehm, und deshalb bin ich seither nie wieder dorthin gegangen. Warum auch? Es gibt so viele andere schöne Dinge, die man an einem Freitagnachmittag in Frankfurt tun kann. Zum Beispiel Eis essen bei „Marie“ in Bornheim.

Meine Vermutung zum Einstieg hat sich bestätigt: Seit ich angefangen habe, zu schreiben, ist bloß eine gute Stunde vergangen. Dieser Text hat sich wie von selbst geschrieben. Frankfurt kann es einem sehr leichtmachen. Man muss sich nur darauf einlassen.

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