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Van-Gogh-Ausstellung im Städel : Das Genie ohne Sinn für Gesichter

Gut besucht: Für Führungen sind schon keine freien Plätze mehr verfügbar Bild: Francois Klein

Die Van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel zieht große Massen an Besuchern an. Ohne eine Führung fühlt man sich schnell in der Bilder- und Menschenmenge verloren.

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          Es gibt keine freien Plätze bei Führungen mehr. Wohl dem, der rechtzeitig eine gebucht hat. Denn allein auf sich gestellt steht der Kunstfreund in der Van-Gogh-Ausstellung im Frankfurter Städel alsbald auf verlorenem Posten. Orientierungslos im Dickicht der Mitmenschen, die sich ständig vor ihn drängen, die Sicht auf Bilder und Texte verstellen, nach einer geheimnisvollen Choreographie durch die Räume wogen, scheinbar nur darauf aus, das kunstsinnige Individuum von den wirklich wichtigen Werken in dieser Schau fernzuhalten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Das sind die wahren, die echten, die vom Meister grandios auf die Leinwand geworfenen Bilder. Mit gelegentlich direkt aus der Tube auf den Malgrund gequetschten Farben. Dabei sei er doch nicht der einzige Künstler seiner Zeit, der genialisch gewirkt habe, womöglich sei er nicht einmal der beste, sondern nur einer von vielen, man denke an Monet, Manet, Cézanne, sagt der Mann, der es auf wunderbare Weise schafft, Sichtschneisen in die staunende Menge zu schlagen.

          Mit einer Führung gut informiert

          Das Publikum weicht zurück. Es ergibt sich der Autorität des – darf man das noch sagen? – Führers. Und seines Gefolges. Denn so eine Gruppe hat etwas Offizielles, und was der, nennen wir ihn sicherheitshalber Guide, wo der Ausgang doch schon Exit heißt und der Museumsladen Shop, was also der Guide von sich gibt, das hat etwas Erleuchtetes. Er weiß, wo es langgeht, gedanklich und beim Parcours durch die Schau, da macht das Publikum ihm und seinen Zuhörern ehrerbietig und willig Platz. Es wittert Deutungskraft. Ein paar, die nicht von Anfang an dabei waren, schließen sich mit leicht verunsichertem Blick an, um zu erhaschen, was ihnen entgehen könnte im Trubel dieser Blockbuster-Show, wie derartige Ausstellungen heute genannt werden. Die Teilnehmer der Führung erfahren allerdings, dass sie es bei Vincent mit einem Mythos zu tun haben, einem überaus deutschen Ideal vom zu Lebzeiten verkannten, selbstredend verrückten Genie. So irre sei er aber gar nicht gewesen, zumindest nicht immer und überall, ziemlich gewiss aber sei, dass er ein unangenehmer Zeitgenosse war, der mit niemandem auskam.

          Eng: Die ’Blockbuster’-Ausstellung bietet wenig Freiraum zwischen den Werken. Bilderstrecke

          Uwe Grodd, selbst Künstler, vermittelt den Menschen, die ihm lauschen, aber auch, warum van Gogh nun doch ein ganz besonderer Maler war. Er verweist auf die ausgewogenen Kompositionen, die komplementären Farben, die brillanten Kontraste, darauf, wie ein einziger Pinselstrich ein Bild in der Balance hält. Und er zeigt ganz nebenbei, wie die Nachahmer und vom niederländischen Farbform-Zauberer nachhaltig beeinflussten deutschen Künstler es eben doch nicht so draufhatten wie der von ihnen Verehrte. Keine überzeugende Farbzusammenstellung, unmotivierte Pinselführung, blasse Motive.

          Van Gogh selbst sei freilich nicht in der Lage gewesen, Gesichter darzustellen, wenn er nicht Gelegenheit gehabt habe, sie am lebendigen Subjekt zu studieren, erfährt die wissbegierige Runde. Und jetzt sehen es alle: Bauern ohne Gesichtszüge, Figuren ohne Antlitz. Es ist nur ein kleiner Teil der Exponate, der während einer Führung ins Blickfeld gelangen kann. Aber immerhin. Und wieder etwas gelernt.

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