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Einbrecherjagd : Digitaler Kommissar bald hessenweit einsatzbereit

  • Aktualisiert am

Wissen, wie der Würfel fällt: die Software dient zur Prognose von Einbrüchen und Täterprofilen. Bild: dpa

Einbrüche verhindern, bevor sie geschehen: Eine moderne Analysesoftware soll den Tätern das Handwerk legen. Ab Herbst setzt die hessische Polizei im ganzen Land auf „Predictive Policing“.

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          In der dunklen Jahreszeit gibt es pro Tag etwa 70 Einbrüche in Hessens Ballungsgebieten. Die professionellen Täter kommen oft, wenn die meisten Menschen noch arbeiten, die Dunkelheit aber schon langsam herein bricht. „Nachts wird sehr selten eingebrochen, das ist die große Ausnahme“, berichtet Kriminalhauptkommissar Daniel Anbau vom Landeskriminalamt (LKA) in Wiesbaden. Zwischen 14 und 17 Uhr seien Einbrecher meist unterwegs. Und denen wollen die Ermittler mit einer selbst entwickelten Prognose-Software noch besser das Handwerk legen.

          Ab Herbst diesen Jahres, zum Start der dunklen Jahreszeit, soll das neue Programm unter Federführung des LKA landesweit auf den Rechnern in den Dienststellen und auf den Smartphones der Beamten zum Einsatz kommen. „KLB-operativ“, wie die Software intern mit Verweis auf das „Kriminalitätslagebild“ getauft wurde, war im Herbst 2015 erstmals in fünf Polizeidirektionen getestet und nun für den hessenweiten Rollout für gut befunden worden.

          Rund 60.000 Wohnungseinbrüche der vergangenen Jahre wurden dabei auf Verhaltensmuster der Täter analysiert: Welches Werkzeug wird benutzt, zu welcher Uhrzeit finden die Einbrüche statt, was wird bevorzugt gestohlen, in welchen Regionen sind die Täter überwiegend unterwegs? Mit diesen Daten wurde das System gefüttert und eine extra dafür konzipierte App mit unterschiedlichen, speziell auf die Arbeit der ermittelnden Einsatzkräfte zugeschnittenen Filtern entwickelt.

          Kartenansicht und Täterprofile

          Das Prinzip funktioniert ähnlich wie ein Kartendienst im Internet: Die Einbrüche der vergangenen Tage werden auf der Hessenkarte in verschiedenen Farben als Punkte dargestellt, berichtet Kriminalhauptkommissar Anbau, der zum Entwickler-Team beim LKA gehört. Diese Punkte erzeugen dann Risikogebiete, die nochmals farblich von rot nach grün eingestuft werden. Möglich ist auch, einen Kreis um den Tatort zu ziehen, um etwa Serienzusammenhänge oder mögliche Reisewege der Täter zu untersuchen.

          Anhand der verschiedenen Filter und einer Schlagwortsuche kann dann schnell ein scharfes Profil erarbeitet werden: War es ein Profi mit gezieltem Vorgehen oder etwa ein Drogenabhängiger, der wahllos ohne Plan vorgegangen ist? Die Beamten vor Ort können auch selber Informationen in das System eingeben und so den Datenbestand sofort aktualisieren. Ausgewertet und gepflegt werden die Daten jeden Morgen von den LKA-Spezialisten. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

          Ziel des Softwareeinsatzes ist es vor allem, schneller und effektiver die zuständigen Streifen, aber auch die Bereitschaftspolizei einzusetzen. „Es werden künftig nicht mehr Beamte im Einsatz sein, wie ohne „KLB-operativ“. Personal soll nicht aufgestockt werden“, erklärt Anbau, der mit seinen Kollegen in der LKA-Abteilung organisierte und schwere Kriminalität angesiedelt ist. „Wir gehen aber nicht mehr mit der Gießkanne über die Landkarte, sondern die Beamten werde gezielt dort eingesetzt, wo es auch nötig ist.“

          Weder Allheilmittel noch Personalersatz

          Hessen ist nicht alleine mit einer solchen Herangehensweise unterwegs. Das sogenannte „Predictive Policing“ (deutsch: vorhersagende Polizeiarbeit) ist auch in anderen Bundesländern im Einsatz, unter anderem in Baden-Württemberg. Dort begleitet das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg die Testphase in Stuttgart und Freiburg.

          Hessen Landesvorsitzender der Polizei-Gewerkschaft GdP, Andreas Grün, äußert sich positiv zum Einsatz der neuen Software. „Sie ist aber bestimmt kein Allheilmittel“, sagt der GdP-Chef. Außerdem müssten auch ausreichend Beamte da sein, um letztendlich auch gegen die Einbrecher zu ermitteln. An der personellen Ausstattung der hessischen Polizei mangele es aber weiterhin.

          „Die Bürger wollen die Präsenz der Polizei auf der Straße, gerade in der Fläche.“ Wegen der vielen Sondereinsätze etwa beim G20-Gipfel in Hamburg oder bei Krawallen am Rande von Fußballspielen rücke aber die Aufklärungsarbeit der Alltagskriminalität immer weiter nach hinten, erklärte Grün. „Wir können unser Personal immer nur einmal einsetzen.“ Die Einsatzstärke von Hessens Polizei müsse deshalb weiter ausgebaut werden, fordert der Gewerkschafter.

          Innenminister Peter Beuth (CDU) verspricht sich derweil viel von dem selbstentwickelten Prognosetool: „Die Software kann ein wichtiger Aspekt werden, um künftig polizeiliche Kontroll- und Fahndungsmaßnahmen täterorientierter auszugestalten.“ Der Probelauf sei sehr erfolgversprechend.

          Zahl der Einbrüche rückläufig

          Im Vorjahr war die Zahl der Wohnungseinbrüche in Hessen um zehn Prozent auf 10.405 zurückgegangen. Zuvor musste aber ein jahrelanger Anstieg verzeichnet werden. 2015 lag die bundesweite Zahl der aufgeklärten Fälle bei gerade mal 15 Prozent. Hessen reagierte unter anderem mit stärkeren Kontrollen an den Autobahnen in den Ferien und der dunklen Jahreszeit, um organisierte Banden aus Osteuropa dingfest zu machen, sowie mit einer länderübergreifenden Kooperation mit Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

          Ob die Prognose-Software nun ganzjährig zum Einsatz kommt oder nur in der dunklen Jahreszeit, ist noch offen. Geprüft wird, ob „KLB-operativ“ auch beim Kampf gegen andere Delikt-Gruppen wie Raub helfen kann, berichtet LKA-Mann Anbau. „Ich fürchte aber, dass wir eine so strukturierte Datenerfassung wie bei den Wohnungseinbruchsdelikten nicht hinbekommen werden.“

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