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Voreingenommene Geister : Der Ratherr, der Politiker und der Koch

Aluhut: Verschwörungstheoretiker gibt es nicht erst seit der Corona-Pandemie. Bild: dpa

Der Konflikt zwischen Forschern und Verschwörungsmythologen besteht nicht erst seit Corona. Gewisse Parallelen lassen sich zwischen einem Ratsherrn, der an Geister glaubt, und einem deutschen Koch, der an dunkle Mächte glaubt, ziehen.

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          Das alte Wort ist wahr, dass eine voreingenommene Meinung die Erforschung der Wahrheit hindert. Klingt vernünftig. Stammt aber von einem „hochansehnlichen und wohlweisen Herrn“, wie Spinoza ihn anredet, der sich von dem Philosophen unbedingt bestätigen lassen will, dass es Gespenster gibt. Der Ratsherr Hugo Boxel erhofft sich von dem Gelehrten noch ein paar gute Argumente mehr für die Existenz leibloser Wesen, dabei hat er doch selbst schon einige triftige, wie er annimmt, entdeckt. Der Raum zwischen Erde und Sternen könne doch nicht leer sein, meint er, und weil es da oben so luftig sei, fühlten sich die Geister dort wohl. Außerdem seien derart viele Geschichten von merkwürdigen Erscheinungen überliefert, dass etwas dran sein müsse. Doch zweifelt Herr Boxel am Dasein weiblicher Gespenster.

          Mit jedem Brief, in dem Spinoza die Ansichten seines entfernten Bekannten weiter zerpflückt, wird dieser ungehaltener: Der Philosoph wolle einfach nicht sehen, was doch offenkundig sei. Spinoza gibt schließlich auf, er merkt, es hat keinen Sinn, den Mann auf den Weg der Wissenschaft zu führen. Boxel glaubt weiter an Gespenster und mit ihm das ganze 17. Jahrhundert. Auch wenn er dem ältesten Aberglauben der Welt anhängt, hält er nicht etwa sich selbst für voreingenommen, sondern den kritischen Geist, der nach Beweisen fragt und von Erfahrungen aus dritter Hand nichts hält.

          Spinoza war ein Wegbereiter des rationalen Denkens. Den Forschern in seiner Tradition stehen heute viele Boxels gegenüber, die Wahrheiten kennen, von denen die Wissenschaft keinen Schimmer hat, Einsichten besitzen, denen sich die Vernünftigen widersetzen, die in den Augen der Verschwörungsmythologen allerdings die Verblendeten sind. Weil sie sich Denkverbote auferlegen. Statt hinter die Dinge zu blicken.

          Schon mal aufgefallen, fragte jüngst ein italienischer Politiker, dass in der Lombardei, wo das G-5-Netz mittlerweile recht gut ausgebaut ist, die meisten Corona-Fälle zu verzeichnen sind? Kein zeitgenössischer Spinoza, der dem nachgehen würde. Aber vielleicht der eine oder andere Koch oder Rapper.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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