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Logistikstandort Frankfurt : Gründer-Treff mit Bar-Anschluss

Im Handumdrehen: Im Haus 61 treffen Unternehmer auf Gründer Bild: Wonge Bergmann

Im Bahnhofsviertel haben Spediteure und ein Gründerpreis-Sieger ein Start-up-Zentrum eröffnet. Damit wollen sie den Logistikstandort Frankfurt stärken.

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          Natürlich, ein Kicker darf nicht fehlen. Und er steht gleich neben dem Eingang, damit Besucher auch sofort daran erkennen können: Dies ist ein Gründerzentrum. Ansonsten scheint sich das „Haus 61“ nur wenig zu unterscheiden von den vielen anderen Start-up-Zentren und Coworking-Büros, die in den vergangenen Jahren in Frankfurt entstanden sind: ein paar freie Schreibtische, eine Lounge-Ecke mit Sofas, eine Kaffeeküche und eine Terrasse.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Doch dass das Haus 61 – der Name verweist auf die Adresse Kaiserstraße 61 – anders ist, zeigt sich gerade am Kickertisch. Dort stehen neben Gründern auch Manager großer Logistikunternehmen wie Quick Cargo Service, Sovereign Speed, Logistics4Pharma und Fraport. Haus 61 sei ein Ort des Austauschs, damit etablierte Spediteure und innovative Start-ups voneinander profitieren, erläutert Murat Karakaya, einer der Initiatoren von Haus 61 und Mitgründer von Cargosteps.

          Gründer treffen Entscheider

          Die Idee, Unternehmer und Gründer zusammenzubringen, ist nicht neu, sie wird etwa seit Jahren im riesigen und öffentlich geförderten House of Logistics and Mobility (Holm) ausprobiert. „Wir haben aber die viel bessere Lage“, findet Karakaya, mitten im Frankfurter Bahnhofsviertel. „Das macht viel aus, denn die Gründer sollen sich ja wohl fühlen.“ Im selben Haus ist ein mexikanisches Restaurant, nach Feierabend geht es in die Bars um die Ecke. Das Wichtigste aber sei, sagt Fraport-Manager Shiva Adhikari, dass Gründer hier auf Entscheider träfen und nicht nur auf Delegierte aus Konzernen. Wenn man schnell etwas umsetzen wolle, werde das einfach gemacht. „Hierher kommen die Köpfe der Unternehmen“, bestätigt Nico Haltmayer, Leiter der Frankfurter Niederlassung von Quick Cargo Service, einer Luft- und Seeefrachtspedition.

          Eine solche Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem ist für Logistiker durchaus ungewöhnlich. Spediteure gelten nicht gerade als innovativ und kooperativ. In der Branche herrscht scharfe Konkurrenz, neben einigen großen Konzernen gibt es viele familiengeführte Betriebe, die sich auf ihre Erfahrung und die Tradition verlassen. Das hat Cargosteps-Mitgründer Karakaya selbst erlebt. Das vier Jahre alte Unternehmen hat eine Software entwickelt, mit der Firmen Lieferungen anderer Speditionen auf Rückfahrten mitnehmen können und so Leerfahrten vermeiden – quasi eine Mitfahrzentrale für Pakete. Cargosteps wurde dafür 2017 mit dem Gründerpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet und in diesem Jahr in einer Abstimmung zum „Start-up of the Year“ Frankfurts gewählt. Die Spediteure, sagt Karakaya, habe das aber wenig interessiert. „Die wollen immer erst mal sehen, ob wir uns bewähren und uns am Markt halten können.“

          Damit es andere Gründer leichter haben, sei das Haus 61 gegründet worden. Die großen Speditionen beteiligen sich als Berater für die Gründer, aber auch finanziell an dem Projekt, über die Höhe der Summe schweigen sie. Auf die Idee gekommen, solch ein Gründerzentrum aufzubauen, waren die Spediteure und Cargosteps beim gemeinsamen Projekt „Smart Air Cargo“ am Frankfurter Flughafen, bei dem kurze Transporte zwischen Spediteuren und Luftfrachtabfertigern besser ausgelastet werden sollen.

          78 Unternehmen aus aller Welt hatten sich im ersten Durchgang um die mietfreien Büroplätze beworben. Vier Start-ups haben sie bekommen. Geld gibt es für sie nicht, dafür aber Kontakte zu Unternehmen. „Die sind in der Branche ohnehin fast mehr wert“, findet Karakaya. Zwei der Mieter kommen aus Deutschland, einer aus Paris und einer aus dem Silicon Valley in Kalifornien.

          Es gehe in erster Linie darum, Innovationen zu entdecken, zu fördern und zu nutzen, erläutert Hendrik Bender, Managing Director beim Expressspediteur Sovereign Speed, der allein in Frankfurt 200 Beschäftigte hat. „Und hier können unsere Auszubildenden lernen, auch mal quer zu denken.“ Sich später an Start-ups zu beteiligen sei nicht ausgeschlossen, aber nicht das Hauptziel.

          Den Logistikstandort Frankfurt stärken

          An einem der Schreibtische hat Anzar Kamdar seinen Laptop aufgeschlagen. Er ist Chefinformatiker bei Throughput, einem Start-up aus Kalifornien, das an Künstlicher Intelligenz für Logistikunternehmen arbeitet, durch die Lieferketten effizienter werden sollen. Der 31 Jahre alte Mann aus Pakistan arbeitet meist in Berlin, nach Frankfurt kommt er ein- bis zweimal im Monat, um mit potentiellen Kunden zu sprechen, darunter mit den Spediteuren im Haus 61. Berlin sei für Logistik-Start-ups schwierig, erzählt er. „Dort erwarten die Investoren ein exponentielles Wachstum, aber das ist in dieser fragmentierten Branche kaum möglich.“ Hier brauche Wachstum Zeit, Kontakte müssten aufgebaut und gepflegt werden, und es werde lange getestet, bis es zum Vertragsabschluss komme. Im Haus 61 erhalte er Kontakte und könne mit Spediteuren fachsimpeln. „Und das bei einer Zigarette auf dem Balkon“, sagt er. Das zum Beispiel sei in Japan, wo Throughput viele Kunden habe, undenkbar.

          Die Spediteure und die Cargosteps-Gründer sehen das Projekt daher auch als Chance, den Logistikstandort Frankfurt zu stärken. Denn viele Start-ups entwickelten ihre Software lieber in Berlin oder auch Hamburg. Dort also, wo sie mehr Großstadt-Atmosphäre spüren, wenn sie das Büro verlassen. Und wo sie auf deutlich mehr potentielle Investoren treffen als in der Rhein-Main-Region, wo Finanzmanager meist nur konservativen Anlagen vertrauen. Darunter könne der Verkehrsknotenpunkt Frankfurt auf Dauer leiden, fürchtet Spediteur Nico Haltmayer. Das dürfe nicht passieren: „Hier wurde schließlich die Logistik geboren.“

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