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Ein Spätheimkehrer erinnert sich : Gefangener 120454

  • -Aktualisiert am

Werner Minkenberg aus Bebra braucht keine Bilder, um sich an die Schrecken der russischen Kriegsgefangenschaft zu erinnern. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Vor fast 60 Jahren kamen die letzten Kriegsgefangenen aus Russland zurück. Sie mussten erst lernen, was Freiheit heißt und wie man in ihr lebt. Wie Werner Minkenberg.

          Ein Zug hält, die Bremsen quietschen. Werner Minkenberg steht am Fenster und sagt kein Wort. Doch seine Erinnerung wird wach. Sie spricht so laut zu ihm, dass er sich wegdrehen muss und in den Sessel fallen lässt. Werner Minkenberg will nur ganz ruhig hier sitzen, erzählen, wie es war.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Juni 1944. Minkenberg war auf Fronturlaub daheim in Biesenthal bei Berlin. An der Grünstraße stand das Haus, morsch in den Fugen, und davor die Mutter. Sie hatte die Hände gefaltet und weinte. Der Sohn nahm sie in den Arm. Er, gerade einmal 18Jahre alt, musste zurück in den Krieg. Minkenberg war Landser, einer der jüngsten in der Truppe. Nur einen Monat später hatte sich Minkenbergs Bataillon in kleine Gruppen aufgeteilt, die Salven der Maschinenpistolen der Russen hatten sie getrennt. Minkenberg schlich sich mit ein paar Kameraden auf einen Hof, sie hatten Durst. Ein Dutzend Partisanen sprang aus den Büschen und setzte die Gruppe fest. Die Deutschen mussten sich bis auf die Unterhose ausziehen, sich umdrehen. Sie erwarteten den Tod. Aber die Russen konnten sich auf keinen Ort für die Erschießung einigen. Ein sowjetischer Offizier kam vorbei und sammelte sie auf. Es ging nach Lemberg, in das erste Lager von vielen, die der Gefangene Minkenberg noch sehen sollte. Auf dem Weg bespuckten und beschimpften ihn russische Soldaten. Sie riefen: „Gitlärr kaputt, Germanski kaputt.“

          Minkenberg geht zum Bücherregal. Er ist klein, beweglich, obwohl schon 87Jahre alt. Im Regal stehen der Brockhaus in 20Bänden und viele Bücher mit Berichten aus dem Krieg. Solschenizyn ist sein Lieblingsautor, „Der Archipel Gulag“, das hat er oft gelesen.

          Viele Kriegsgefangenen haben nur sehr wenig über die Vergangenheit gesprochen. Warum hat Minkenberg immer wieder davon erzählt und alles aufgeschrieben? „Ich möchte nicht gelebt haben, um alles zu vergessen.“

          Opfer von Hitler. Und von Stalin.

          Er kam nach Kiew. Nackt musste er vor einer Kommission antreten. Sie kniffen ihm in den Hintern. Minkenberg wurde in die Kategorie zwei eingeteilt, für harte Arbeit geeignet. „Zavtra na raboti, shakhty“ - morgen zur Arbeit in den Schacht. Der Stollen war nur 70 Zentimeter hoch, die Kumpel mussten auf Knien die Hacke in die Wände hauen. Die Aufseher riefen: „Ugol, ugol, dawai, dawai“ - Kohle, Kohle, los, los. Die Norm musste erfüllt werden. Nach zwölf Stunden Arbeit ohne Pause sangen die Deutschen auf dem Rückweg zur Baracke mit letzter Kraft und aus Trotz: „Die Roten, sie wurden geschlagen, im Kampfe bei Tag und bei Nacht, die Fahne zum Siege getragen.“ Nach ein paar Tagen übersetzte einer den Text für die Russen, dann war es vorbei mit der Singerei. Bald war für solche Späße sowieso keine Luft mehr übrig. Es gab die ersten Toten im Stollen. Die Lebenden mussten sie auf ihren Schultern zurück ins Lager tragen.

          Minkenberg fiel auf die Pritsche. Er dachte an zu Hause, an seine Mutter. Dann fiel Minkenberg ein, dass er vor ein paar Tagen 19 Jahre alt geworden war. In der ersten Gefangenenakte, die 1945 für ihn angelegt wurde, war sein bisheriges Leben so zusammengefasst: acht Jahre Volksschule, drei Jahre Berufsschule. Militärische Ausbildung: keine. Sie fotografierten ihn mit einer Nummer auf der Brust. Gefangener 120454.

          Minkenberg ist wieder in den Sessel gesunken. Stehen strengt ihn an. Er sagt: „Erst einmal bin ich Opfer von Hitler. Und dann das Opfer von Stalin.“ Für ihn ist das alles, auch nach fast 70 Jahren, noch ganz nah. „Wenn die Leute sagen, vergiss das doch, das ist doch so lange her, denke ich immer, so etwas kann nur jemand sagen, der es nie erlebt hat.“

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