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Ein Somali auf der Flucht : Die Reise der Wanderratte

  • -Aktualisiert am

Warteposition: Das Boot ist Teil einer Theater-Inszenierung. Warten gehört zu Guuraas Leben, seit er in Deutschland lebt und auf eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis hofft. Bild: Fiechter, Fabian

Seit zweieinhalb Jahren ist Guuraa auf der Flucht. Von Mogadischu nach Frankfurt war es ein weiter und gefährlicher Weg für den 16 Jahre alten Somali. Ob er bleiben darf, ist noch immer nicht entschieden. Dabei fühlt er sich längst zu Hause.

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          Ein dunkelhäutiger Junge in einem goldenen Anzug läuft über die Kreuzung am Frankfurter Börneplatz und zieht ein Ruderboot hinter sich her. „Sara“ heißt es, vom Regen des Nachmittags sind seine Planken noch ganz nass. Die Junggesellenverabschieder, die vorbeiziehen, gucken verdutzt. „Sieht aus wie ein Sklave“, sagt einer mit der Dummheit, die ein paar Flaschen Bier wecken können. Aber der Sklave ist ein Künstler, ein Schauspieler, um genau zu sein. An den Wochenenden spielt er für das Theater Willy Praml in einer Mammut-Inszenierung, die sich den öffentlichen Raum zu eigen macht. Sie handelt von Heinrich Heine, dem letzten echten Romantiker. Der junge, dunkelhäutige Schauspieler mit den Rastalocken nennt sich Guuraa. Er stammt aus Somalia, ist 16 Jahre alt und heißt eigentlich anders. Sein echter Name soll nicht in der Zeitung stehen. Guuraa mag kein Mitleid. Er will nicht, dass jeder an seine schreckliche Geschichte denkt, wenn er ihn auf der Bühne sieht, sondern an das, was er kann, und an das, was er will. Er will eine echte Chance bekommen in diesem Land, das er vor gut anderthalb Jahren betreten hat, das aber noch immer nicht entschieden hat, ob es ihn haben will.

          Trotz der Ungewissheit geht es ihm gut. Zu warten ist besser als das, was er in seiner Heimat erlebt hat und was ihm auf seiner Reise widerfahren ist, die ihn vorläufig in eine Wohngruppe in der Wetterau geführt hat und auf diese Kreuzung, die zurzeit an Wochenenden zur Theaterbühne wird. Von Mogadischu auf den Börneplatz war es ein weiter Weg. Drei Daten waren für ihn entscheidend. Guuraa wird sie nicht vergessen.

          Milizen stehen vor der Tür

          In Somalia ist Krieg. Das Viertel von Mogadischu, aus dem Guuraa stammt, heißt übersetzt „Fluss aus Blut“. Und Guuraas richtiger Name ist der Name einer Waffe. So ist das, wenn eine Handvoll Verwandte kurz vor seiner Geburt das Leben lässt, weil Rebellen sie mit ebenjener Kanone angegriffen haben. „Ist ganz normal“, sagt Guuraa. „Ist es nicht“, sagt jeder, der das Glück hat, in den vergangenen Jahrzehnten in einem Land wie Deutschland großgeworden zu sein.

          Dass Guuraas Vater als Übersetzer für die Vereinten Nationen arbeitete, machte das Leben nicht sicherer, weder für ihn noch für seine sechs Kinder. Am 25. März 2011 stehen Milizen vor der Tür, nehmen ihn und Guuraa mit. Tagelang werden sie gefoltert, vegetieren mit anderen Gefangenen in einem Container vor sich hin. Die Elektroschocks haben Spuren an Guuraas Fingerknöcheln hinterlassen. Schließlich ermorden die Rebellen den Vater, vor den Augen des Sohnes. Menschenleben zählen in Somalia nicht viel. Für Milizen wie al Schabaab ist das Leben eines Jungen nur dann etwas wert, wenn sie es in ihrem Krieg ausbeuten können.

          Als Illegaler im Gefängnis

          Guuraa kann fliehen. Während er wegrennt, schießen die Kämpfer auf ihn und treffen. Er fällt ins Koma. Die Verwandten heben ihm schon ein Grab aus. Als Guuraa acht Tage später aufwacht, glaubt er, er sei im Himmel. Der Engel ist aber eine Krankenschwester und der Himmel ein Zimmer in Istanbul. Dorthin hat Guuraas Onkel ihn ausfliegen lassen. Heraus aus dieser Hölle von einem Land, in dem sie Stadtteile nach Schlachten und Jungen nach Kanonen benennen. Heraus aus dem Land, in dem ein Junge, der den Milizen davongelaufen ist, keine Sicherheit, keine Ruhe und keinen Frieden mehr finden wird.

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