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Besuch beim Mäster : Ein Schweinestall muss kein Saustall sein

Kindergarten: Kathrin und Peter Seeger mit Ferkeln in ihrem Aufzuchtstall Bild: Helmut Fricke

Peter und Kathrin Seeger mästen jährlich Tausende Schweine und erfahren deshalb teils harte Kritik, vor allem im Internet. Nun halten sie mit der Kampagne „Frag doch mal den Landwirt“ dagegen.

          5 Min.

          Kathrin Seeger schätzt den Kurznachrichtendienst Twitter. „Schön finde ich, dass man sich auf 140 Zeichen beschränken muss - da wird es mit dem Beleidigen schwieriger“, sagt sie. Und die Bäuerin aus Otzberg weiß, wovon sie spricht. Weil sie mit ihrem Mann Peter im Ortsteil Nieder-Klingen in größerem Stil Ferkel aufzieht und Muttersauen hält und zudem in Groß-Umstadt regelmäßig Tausende Schweine mästet, müssen sich die beiden entweder als Tierquäler oder als Umweltverschmutzer beschimpfen lassen. Die Vokabel „Massenmörder“ bekommen sie auch zu lesen, wie Kathrin Seeger berichtet. Besonders in Internetforen, in denen so mancher Nutzer gerne auskeilt, sei das der Fall: „Wenn man liest, was Leute in den sozialen Medien so von sich geben, das ist erschreckend.“ Sie sagt das alles recht unaufgeregt und ohne ihre Stimme zu heben - vielleicht, weil das Ehepaar noch Deftigeres erlebt hat.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ostern 2003: An Gründonnerstag entdecken die Seegers in einem ihrer Ställe ein verendetes Tier. Weil die Mitarbeiter von der Tierkörper-Beseitigungsanlage erst wieder am Dienstag vorbeischauen können, tragen sie das tote Schwein in die Kadavertonne. Aus einem Beitrag im Privatfernsehen erfahren sie später, dass jemand über Ostern den Kadaver aus der Tonne zurück in den Stall getragen haben muss - denn auf dem Bildschirm ist das Tier zwischen lebendigen Schweinen zu sehen. „Es sah so aus, als habe das tote Tier die ganze Zeit zwischen gesunden gelegen“, so berichtet es Kathrin Seeger rückblickend. Die Amtstierärztin habe die Vorwürfe, die danach auf die Otzberger Bauern niederprasselten, zwar umgehend widerlegt - „aber die Bilder waren in der Welt“. Zudem habe sich herausgestellt, dass Tierschützer die gestellten Bilder dem Fernseh-Team zur Verfügung gestellt hatten. Gegen Bares.

          Durch die Lüftungsklappe eingestiegen

          Auf der Suche nach der Antwort, wie die Tierschützer überhaupt in den Stall gekommen waren, den Besucher sonst aus hygienischen Gründen nur mit einem Overall und Gummistiefeln aus dem Hause Seeger betreten dürfen, stießen sie auf eine Lüftungsklappe. „Die müssen dort mit einer Leiter eingestiegen sein und über ein halbes Jahr lang immer wieder gefilmt haben“, meint Peter Seeger. Das gesammelte Bildermaterial sei letztlich zusammengeschnitten worden. So habe der Filmbeitrag gewirkt, als zeige er einen Tag im Stall und mutmaßliche Missstände. Zudem seien nicht alle Bilder auch dem Stall der Seegers zuzuordnen gewesen. Das war der Anlass für die Seegers, sich nicht nur einen Medienanwalt zu nehmen („Wir mussten ja die Bilder wegbekommen“). Es war gleichzeitig ihr Einstieg in Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache. Zumal kein Tierschützer zuvor bei ihnen anklopfte, wie Kathrin Seeger mit bitterem Unterton berichtet.

          Denn mit der bösen Überraschung aus dem Privatfernsehkanal reifte auch ihre Erkenntnis: „Wir können uns hier nicht abschotten, wir müssen was erklären - wir müssen kommunizieren, was wir tun“, sagt die aus Oberbayern stammende Bäuerin, die der Liebe wegen nach Südhessen kam und drei Kinder mit Peter Seeger hat.

          Mit der Erkenntnis liegt das Paar auf einer Linie mit Friedhelm Schneider, dem Präsidenten des hessischen Bauernverbands. Auch der in Gründau ansässige Landwirt mit dem größten Milchviehbetrieb in Hessen sieht die Notwendigkeit, dass seine Berufsgruppe über die Verbandsarbeit hinaus laut sagt, was sie so alles macht und was nicht.

          Laien in der Eigen-PR

          Doch in der Öffentlichkeitsarbeit sind viele Landwirte schlicht Laien und haben einiges aufzuholen. Etwa aus Sicht der Otzberger Schweinehalter haben sie die sozialen Medien „verpennt“. Mittlerweile aber können Interessierte per QR-Code an Bauernhöfen und mit Smartphones zumindest indirekt in einige Ställe in Hessen schauen. Auch twittert der Bauernverband hin und wieder - und Kathrin Seeger erst recht. Sie zwitschert online auch nachts, wenn sie mal nicht schlafen kann, und schaltet sich in Debatten ein.

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