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EZB-Präsidentin : Ein neuer Anfang mit Lagarde

Christine Lagarde soll die neue Chefin der Europäischen Zentralbank werden und Mario Draghi nachfolgen. Bild: AFP

Christine Lagarde ist bereit, die Komfortzone zu verlassen. Die Beziehung zwischen Frankfurt und EZB könnte mit ihr als Präsidentin einen neuen Weg einschlagen.

          Das ist doch mal eine Personalie, die zu den schönsten Hoffnungen berechtigt. Welche Geldpolitik auch immer Christine Lagarde als Präsidentin der Europäischen Zentralbank machen mag – sie ist diejenige gewesen, die einst spitz bemerkte, dass die Welt vielleicht anders aussehen würde, wenn es 2007 nicht die Lehman Brothers, sondern die Lehman Sisters gewesen wären, die zu ihrer eigenen Karriere trocken meinte, es werde halt immer dann eine Frau geholt, wenn die Lage wirklich schlecht sei, und die, von der zu lesen ist, sie habe in ihrem Büro lauter Karikaturen über sich selbst hängen. Lagarde setzt sich sogar in amerikanische Comedy-Shows, zuletzt war sie dort vor zwei Wochen zu Gast.

          Mit dieser weltläufigen Juristin also, die so ganz anders daherkommt als die große Mehrheit der Spitzen- und Notenbanker, die bereit ist, die Komfortzone zu verlassen, könnte die schwierige Beziehung zwischen Frankfurt und ihrer stolzesten Behörde einen neuen Anfang nehmen. Denn dass Lagarde, wenn sie von Washington nach Frankfurt umzieht, von der Hauptstadt eines Staates zu der eines Kontinents wechselt, weil die Mainmetropole angesichts der Bedeutung der EZB längst mit Brüssel und Straßburg gleichgezogen hat, wird hier nicht so empfunden, weil sich die Zentralbank abschottet und zuletzt die meisten Brücken, die überhaupt bestanden, hochgezogen wurden.

          Europäische Kulturtage

          Die von der EZB organisierten Europäischen Kulturtage sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, die bei der Bevölkerung beliebten Exkursionen in die Obergeschosse des EZB-Hochhauses wurden gestrichen. Stattdessen wird das Publikum auf eine mittelspannende Ausstellung im Foyer verwiesen. Und dass man Mario Draghi oft in der Stadt gesehen hätte, wird auch niemand behaupten. Das jüngste Beispiel ist die dürre Stellungnahme, wie man sich auf die Bombenentschärfung nebenan am Sonntag vorbereitet: Am liebsten wäre man nicht gefragt worden.

          Aber vielleicht wird das ja bald anders. Jemand, der Washington ertragen hat, müsste doch dem Charme Frankfurts erliegen, wer sich in Comedy-Shows setzt, müsste doch auch den „Tigerpalast“ mögen, wer sich spitz über Investmentbanker äußert und über Karrierechancen von Frauen, der müsste doch Lust verspüren, darüber mit der diskussionsfreudigen Bevölkerung der Mainmetropole zu reden. Christine Lagarde soll Frankfurt willkommen sein. Im Verhältnis der Stadt zur EZB kann es mit ihr nur besser werden.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

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