https://www.faz.net/-gzg-9znn8

Ein neuer Alltag in der Krise : Schule auf Abstand

Saubermann: In der Leibnizschule in Höchst gilt nun ein ausgefeiltes Hygienekonzept. Bevor die Masken abgesetzt werden, waschen die Schüler ihre Hände. Bild: Esra Klein

Es wird wieder unterrichtet in Frankfurt – doch unter ganz anderen Vorzeichen. Masken und Wegepläne bestimmen den Tag.

          3 Min.

          Das Erste, was die Schüler von Vanessa Jespers hören, ist ein deutliches Räuspern. Die junge Lehrerin holt die Hälfte ihrer Klasse im Pausenhof der Leibnizschule in Höchst ab und muss erst mal für Abstand sorgen – selbst wenn alle Jugendlichen eine Maske vor Mund und Nase haben, stehen sie zu eng beieinander. Dass sie die Neuntklässler persönlich im Hof einsammelt und ins Klassenzimmer bringt, ist ungewöhnlich.

          Theresa Weiß

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist eine der Maßnahmen, die mit der Erlaubnis verbunden sind, die Schulen in Hessen während der Corona-Pandemie wieder zu öffnen. Seit Montag werden auch Kinder der Sekundarstufe I wieder unterrichtet. Die Schulen mussten ein Hygienekonzept erarbeiten, durch das Abstand gewahrt wird. Keine einfache Aufgabe bei Hunderten Schülern, die sich wochenlang nicht gesehen haben.

          Völlig durchgeplanter Aufenthalt in der Schule

          An der Leibnizschule in Höchst haben Thomas Strauch und Benjamin Metz sich überlegt, wie das funktionieren kann. Strauch, stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums, und Metz, Mitglied der Schulleitung, haben in den vergangenen zwei Wochen Laufwege getestet, Abstände in Klassenzimmern gemessen und in den Bänken Probe gesessen. Herausgekommen ist ein völlig neuer Stundenplan. Die Klassen sind geteilt oder sogar gedrittelt, die Lehrer unterrichten also doppelt und dreifach. Die Kinder haben so jede Woche acht Stunden Präsenzunterricht in den Hauptfächern, einen festen Sitzplatz in jedem Raum und tragen auf den Fluren und dem Hof Maske. Es gibt für jede Klasse ein festes Areal im Pausenhof und einen Zugangsweg zur Schule. Schilder weisen den Weg, damit sich keiner zu nahe kommt. Oder sich am besten gar nicht über den Weg läuft, wer nicht in der gleichen Klasse ist. Sogar die Route in den Klassenraum ist durchgeplant: Alle Schüler haben vorher per Mail erfahren, ob sie zur blauen oder grünen Gruppe gehören. Grün geht zuerst ins Zimmer, dann Blau. Wenn alle sitzen, treten die Kinder einzeln ans Waschbecken und säubern ihre Hände, am Platz können die Masken dann abgenommen werden.

          Als die Neuntklässler von Vanessa Jespers endlich alle sitzen, werden die neuen Verhaltensregeln noch einmal erklärt. Die Schüler legen los: Wie ist das mit den Fahrradständern? Wann wird gegessen? Wie ist die Toilettenregelung? Auf fast alles hat Jespers eine Antwort – der Plan der Leibnizschule ist ziemlich ausgetüftelt. Für die Toiletten gibt es nun zum Beispiel ein „Besetzt“-Schild, damit die Schüler gewarnt sind, dass schon jemand im Raum ist, und sie vor den Kabinen nicht die anderthalb Meter Sicherheitsabstand unterschreiten. Die Jugendlichen entdecken kleine Widersprüche und Kompromisse sofort. Ein Schüler in der zweiten Reihe fragt: „Wie ist das eigentlich mit draußen treffen? Wir haben uns ja dann alle in der Schule gesehen, dürfen wir dann auf dem Heimweg zusammen laufen?“ Jespers muss ihn enttäuschen: Draußen gilt weiter die Verordnung des Landes Hessen, also die Kontaktbeschränkung. „Ich wusste schon, dass ich heute viele kritische Fragen bekomme“, sagt sie zu ihrer Klasse.

          „Eltern sind das Rückgrat der Gesellschaft“

          Beim Essen gibt es einen Kompromiss, den die Schüler nach kurzem Murren aber akzeptieren. Da sie ihre Masken tragen müssen, sobald sie ihren Sitzplatz verlassen, dürfen sie nur in der Fünf-Minuten-Pause im Klassenzimmer essen. Die Kantine hat derzeit ohnehin geschlossen. Schulleiter Strauch findet das nicht gut, aber noch geht es eben nicht anders. Er sagt: „Wir müssen langfristig zum Ganztag zurückkehren, die Eltern brauchen die Betreuung ihrer Kinder. Die Eltern sind das Rückgrat der Gesellschaft.“

          Der Unterricht nach Corona unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von dem, wie er zuvor ablief. Jespers muss vorne bleiben, darf nicht durch die Reihen gehen. Gruppenarbeiten fallen flach: „Das wird jetzt erst mal Frontalunterricht vom Feinsten“, sagt sie. Die Kinder nehmen es gelassen. Es scheint, dass sie sich freuen, überhaupt wieder in der Schule zu sein.

          Ein Schritt in Richtung Normalität

          Viel Zeit verbringen sie trotzdem nicht dort: Durch den Schichtunterricht und Kollegen, die zu ihrem eigenen Schutz zu Hause bleiben müssen, gibt es in manchen Fächern nur noch wenige Stunden bis zu den Ferien. Die Kollegen, die zu Hause bleiben, kümmern sich um den digitalen Unterricht für Nebenfächer und Kinder, deren Familie oder die selbst zur Risikogruppe gehören und nicht kommen. Klassenarbeiten werden nicht mehr geschrieben. Der nun versuchte Neubeginn ist nicht mit „normalem“ Unterricht gleichzusetzen. Das ist auch der Schulleitung klar. Strauch sagt trotzdem: „Ich finde es gut, einen Schritt Richtung Normalität zu machen. Es gibt viele Situationen, in denen die Lehrkraft als Person nicht zu ersetzen ist.“ Außerdem werde das Homeschooling immer mehr zu einer sozialen Frage: Die Elternhäuser unterstützten ihre Kinder ganz unterschiedlich, manche hätten nicht mal Handys, um die Online-Aufgaben zu machen.

          In Jespers dünn besetzter Klasse fliegen immer wieder Hände nach oben, es gibt viele Fragen. Etwa zum digitalen Unterricht: „Das Schulportal funktioniert manchmal nicht“, sagt eine Schülerin. Sie könne dann die geforderten Aufgaben nicht auf die Plattform des Landes hochladen. Jespers sagt: „Ich melde das zurück. Wir sind alle keine Profis in dieser Situation, wir müssen kommunizieren.“

          Gegen Ende der Doppelstunde schwindet die Konzentration. Es wird mehr gequatscht, und Jespers muss einen Jungen mit dunklem Kurzhaarschnitt ermahnen, die anderthalb Meter Abstand zum Jungen hinter ihm einzuhalten, mit dem er plauscht. Er dreht sich um, aber kurz darauf muss er seinem Schulkameraden doch noch mal einen Kommentar zuraunen. Als Jespers die Stunde beendet hat, läuft sie zu ihrer neunten Klasse, Teil zwei. Alles noch mal von vorne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ist das Homeoffice Teil der „neuen Normalität“?

          Arbeiten nach der Pandemie : Präsenzkultur, ade!

          Die Corona-Krise hat in der Arbeitswelt einen Schub für die Digitalisierung ausgelöst. Viele Deutsche werden wohl auch danach im Homeoffice sitzen. Aber nicht alle finden das gut.
          Das Sicherheitsgesetz diene dazu, das Prinzip ‚ein Land, zwei Systeme‘ aufrechtzuerhalten, sagte Chinas Ministerpräsident Li Keqiang am Donnerstag.

          Volkskongress in Peking : China lässt alle Fragen offen

          Der Volkskongress bringt ein Sicherheitsgesetz für Hongkong auf den Weg. Doch was darin stehen soll, ist weiter unklar. Die Aktivisten in Hongkong sehnen eine Wirtschaftskrise als Druckmittel gegenüber Peking herbei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.