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„Neue Antibiotika-Moleküle“ : Ein Lob für Höchst aus Paris

„Wir sind mit Frankfurt sehr zufrieden“: Sanofi-Konzernchef Olivier Brandicourt Bild: Reuters

Der Pharmakonzern Sanofi verliert mit seinem in Frankfurt hergestellten wichtigsten Medikament merklich an Umsatz. Dennoch lobt der neue Chef in Paris den Standort am Main.

          Olivier Brandicourt muss nicht lange nachdenken. „Wir sind mit Frankfurt sehr zufrieden - und Deutschland bleibt ein Schlüsselland für uns“, sagt er auf die Frage, welche Rolle der Industriepark Höchst für Sanofi spiele. Also für den Arzneimittelhersteller mit Sitz in Paris, den Brandicourt seit nicht einmal einem Jahr führt und dessen größter Standort das Werk im Frankfurter Westen ist. Mit seiner Aussage verabreicht der Konzernchef den knapp 7400 Mitarbeitern so etwas wie eine Beruhigungspille. Schließlich geht mit einem Wechsel auf dem Chefsessel nicht selten auch ein Strategiewandel einher.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das ist bei Sanofi nicht anders. Zwar hat auch der neue Chef dem Konzern schon seinen Stempel aufgedrückt, indem er die Organisationsstruktur geändert hat. Auch will er die Tierarzneisparte verkaufen und das Geschäft mit zum Teil auch in Höchst hergestellten Nachahmerarzneien (Generika) womöglich ebenso. Doch an dem von seinem Vorgänger Chris Viehbacher vorangetriebenen und für Frankfurt so wichtigen Geschäft mit Mitteln für Zuckerkranke rüttelt er nicht, im Gegenteil.

          Neue Antibiotika in der Forschung

          „Diabetes ist ein breites Gebiet, auf dem wir führend bleiben wollen“, hat er eingangs seiner Ansprache aus Anlass der Vorlage der Jahresbilanz 2015 gesagt. Auf Nachfrage lobt er die Leistungen der Mitarbeiter in Höchst rund um die Produktion des langjährigen Kassenschlagers, des in Höchst entwickelten und hergestellten Langzeitinsulins Lantus, und des neuen Produkts Toujeo, das ebenfalls aus dem Industriepark kommt. Und Brandicourt hebt die Bemühungen von Sanofi hervor, in Frankfurt neue Antibiotika zu erforschen (siehe Kasten).

          Die Geschäftszahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr zeigen aber: Lantus hat seinen Umsatzhöhepunkt hinter sich gelassen. Im vergangenen Jahr erlöste der Arzneimittelhersteller mit dem in der Regel einmal am Tag verabreichten Medikament noch knapp 6,4 Milliarden Euro - ein Minus von gut einem Zehntel im Vergleich zum Vorjahr.

          Besonders im Schlussquartal büßte das Mittel an Umsätzen ein. Sie sanken um ein Fünftel auf 1,53 Milliarden Euro. Dabei beklagt Sanofi in Höchst keine mangelnde Nachfrage nach Lantus, an dem gut 3000 Arbeitsplätze im Industriepark hängen. Vielmehr steigen die hergestellten Mengen weiter, wie zu hören ist. Die Umsatzeinbußen sind zum großen Teil einem Rückgang in den Vereinigten Staaten von Amerika, dem wichtigsten Pharmamarkt der Welt, geschuldet. Dort sackten die Erlöse im vierten Quartal um 31,6 Prozent auf noch 933 Millionen Euro ab. Das lag, wie Sanofi in Paris mitteilte, an verstärkten Preisnachlässen, die das Unternehmen amerikanischen Krankenkassen gewähren musste, weil Mitte 2015 der Patentschutz für Lantus abgelaufen ist.

          Priesdrücker in Amerika

          Darüber hinaus sei die Nachfrage nach Langzeitinsulinen in den Vereinigten Staaten nicht mehr so stark gewachsen wie in den Jahren zuvor. Drittens verwies Sanofi auf „unvorteilhafte“ Bemühungen der Amerikaner, die Kosten zu Lasten des öffentlichen Gesundheitssystems zu senken. Zudem seien Zahlungen verspätet eingegangen.

          In Westeuropa dagegen konnte Sanofi die Verkäufe von Lantus noch leicht um 0,4 Prozent auf 231 Millionen Euro im vierten Quartal steigern; das schließt Umsätze mit dem ebenfalls in Höchst entwickelten und produzierten Lantus-Nachfolger Toujeo ein. Dieses leichte Wachstum erzielte das Unternehmen, obwohl in mehreren Ländern mittlerweile ein Nachahmermittel zu Lantus, ein sogenanntes Biosimilar, eingeführt worden ist, anders als in Amerika, wie ein Sanofi-Sprecher hervorhob. Dass Sanofi mit Lantus trotz aufkommender Konkurrenz bei Langzeitinsulinen noch merkliche Zuwächse erzielen kann, zeigte sich in aufstrebenden Märkten: In den Schwellenländern einschließlich China, Russland und der Türkei kletterten die Erlöse um gut 17 Prozent auf 304 Millionen Euro.

          Mit dem 2015 erst eingeführten Toujeo erlöste man 164 Millionen Euro, davon entfielen 98 Millionen Euro auf das Schlussquartal. Brandicourt zeigte sich angetan vom Wachstum, das der Neuling in Amerika erzielt. „Dort verdoppeln wir die Erlöse.“ Toujeo werde ein wichtiges Medikament für Sanofi werden, fügte er hinzu. Das heißt unausgesprochen: Noch kann es die Umsatzeinbußen bei Lantus nicht auffangen, zumal das bewährte Mittel auch Erlöse an das neue Medikament verliert, wie der schlanke Manager mit dem locker in die Stirn fallenden graumelierten Haar zugesteht.

          Weiter aufwärts, wenn auch nur milde, zeigt die Tendenz bei dem Kurzzeitinsulin Apidra. Das ebenfalls aus Höchst stammende Medikament spielte im vergangenen Jahr 376 Millionen Euro ein und damit knapp fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Noch sehr klein sind dagegen die Erlöse mit dem Höchster Diabetesmittel Lyxumia, das zwar zuletzt auf Jahressicht um 37 Prozent wuchs, aber nur 38 Millionen Euro einbrachte. Das Mittel ist in Deutschland nicht erhältlich, weil sich Sanofi mit der Gesundheitsbürokratie nicht auf einen für das Unternehmen auskömmlichen Abgabepreis einigen konnte.

          Steigende Umsätze mit Uralt-Arznei

          Letztlich zeigt die neue Sanofi-Bilanz aus Frankfurter Sicht auch eines: Selbst mit längst aus dem Patent gelaufenen Medikamenten, die sich preisdämpfender Konkurrenz gegenübersehen, erzielt das Unternehmen nach wie vor namhafte Umsätze.

          Ein gutes Beispiel für diesen Umstand ist das in Frankfurt produzierte Allergiemittel Allegra, das in Deutschland unter dem Namen Telfast vertrieben wird. Mit Umsätzen von 424 Millionen Euro, einem Plus von acht Prozent, war es zuletzt das wichtigste freiverkäufliche Mittel des Konzerns. Dazu spielte es 194 Millionen Euro als verschreibungspflichtige Variante ein.

          „Schon einige neue Antibiotika-Moleküle“

          Olivier Brandicourt war erst wenige Wochen im Amt, da besuchte der Sanofi-Vorstandschef schon das Werk in Höchst. Er nahm eine neue Produktionsanlage für Insuline in Betrieb - zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Zuvor hatten sich beide über die Herausforderungen unterhalten, neue Antibiotika zu entwickeln. Dabei geht es auch und gerade um Mittel gegen Bakterien, die von herkömmlichen Antibiotika nicht mehr abgetötet werden, weil sie Resistenzen entwickelt haben. Pharmakonzerne haben dieses Forschungsgebiet lange vernachlässigt, weil sie mit solchen Mitteln kein Geld mehr verdienen konnten und kaum noch Innovationen zustande brachten. Nun aber arbeitet Sanofi in Frankfurt mit der Fraunhofer-Gesellschaft an neuen Antibiotika aus Naturstoffen wie Pilzen, Bakterien und Insekten. Und: Die Arbeitsgruppe kommt offenbar voran: „Wir haben schon einige Moleküle“, sagte Konzern-Forschungsvorstand Elias Zerhouni auf Nachfrage und lobte die Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft als in ihrer Art einzigartig in Europa. Allerdings dauert es in der Pharma-Forschung und -Entwicklung nicht selten mehrere Jahre, bis dann ein Wirkstoff entwickelt und auch zugelassen ist. So wagte denn auch weder Brandicourt noch Zerhouni, eine Vorhersage darüber zu machen, wann ihr Unternehmen ein Antibiotikum der neuen Art auf den Markt wird bringen können. (thwi.)

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