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Karl der Große in Frankfurt : Ein Laserstrahl blendet den steinernen Kaiser

Bis ins kleinste Detail: Mit einem Laser scannen Fachleute die Statue Kaiser Karls Bild: Wonge Bergmann

Europäische Zentralbank oder Dom und Römer: Auf wen soll Karl der Große blicken, wenn seine Statue wieder auf der Alten Brücke in Frankfurt steht? Die Frage ist knifflig.

          Im nächsten Jahr kehrt der große Kaiser zurück an jenen Platz in Frankfurt, von dem er kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs verbannt worden war. Der Plan der zuständigen Frankfurter Dezernenten Stefan Majer (Die Grünen) und Felix Semmelroth (CDU) sah bisher vor, die Statue Kaiser Karls, die jahrelang vor dem mittlerweile abgerissenen Bau des Historischen Museums stand, auf der Frankfurter Seite der Alten Brücke in einer Nische auf deren Westseite, also stromabwärts, zu plazieren. Karl hätte dann auf die Europäische Zentralbank und das Ostend geschaut.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die beiden Stadträte hätten diese Wahl durchaus mit dem starken Argument verteidigen können, dass Karl der Große der Schöpfer einer neuen Währung war, einer Art Vorläufer des Euro. Auf seinen auf der Synode von Frankfurt im Jahr 794 gefällten Beschluss hin wurden im karolingischen Riesenreich neue Münzen wie der Silberdenar eingeführt. Doch recht eigentlich hatten Majer und Semmelroth die Westseite der Brücke für Karl auserkoren, weil die Nische auf der Seite gegenüber schon vom Brickegickel besetzt war.

          Ein Urteil ist gefällt

          Diese Standortwahl hat die Freunde des alten Frankfurts auf den Plan gerufen. Sie sprachen von einem Schildbürgerstreich und verlangten, dass Karl wieder seinen alten Platz stromaufwärts auf der Ostseite erhalte. Daraufhin beriefen der Verkehrs- und der Kulturdezernent einen Arbeitskreis ein, in dem sich der historische Sachverstand der Stadt in Person von Evelyn Brockhoff, der Leiterin des Instituts für Stadtgeschichte, von Jan Gerchow, dem Direktor des Historischen Museums, von Andrea Hampel, der Leiterin des Denkmalamtes, und von Björn Wissenbach vom Brückenbauverein versammelte.

          Die Damen und Herren haben beraten und ein Urteil gefällt: Karl soll an seinen alten Platz zurückkommen. Vermutlich von Ende nächsten Jahres an wird der Kaiser auf einem etwa zweieinhalb Meter hohen Sockel stromaufwärts auf der Ostseite der Alten Brücke stehen und seinen Blick über den Kern des alten Frankfurts mit Pfalz und Dom schweifen lassen. Wobei es zu Karls Zeit natürlich noch keinen Dom und auch nicht jenen Rundbau an der Ostseite des Historischen Museums gegeben hat, der von der Kaiserpfalz übriggeblieben ist. Denn dieser Herrschersitz wurde erst nach Karl von den Staufern errichtet.

          Derzeit blickt Karl aber auf ganz andere Altertümer: auf antike Säulen, auf einen farbigen Mithras-Altar aus der Römer-Zeit und viele andere historische Steinrelikte, die das Archäologische Museum und das Historische Museum im Depot an der Borsigallee lagern. Seit gestern blendet den alten Herrn zwei Tage lang immer wieder ein Laserstrahl. Denn die Firma Format 4 Plus erstellt einen Scan des Standbildes, auf dessen Grundlage danach die Steinspezialisten vom Bamberger Natursteinwerk und der Berliner Bildhauer Andreas Artur Hoferick eine Kopie erstellen werden.

          Auch ein Bildhauer legt Hand an

          Den roten Main-Sandstein dafür soll ein Steinbruch in Kreuzwertheim liefern. Genauer gesagt: Von dort sollen mehrere Steine im Format 3,5 Meter auf 1,5 Meter auf 1,5 Meter kommen. Denn bei der Bearbeitung solcher Kolosse stellt sich, wie Martin Graser vom Natursteinwerk erzählte, oft heraus, dass der gewählte Stein im Innern eine Unregelmäßigkeit aufweist, die von außen nicht zu erkennen war. Dann müssen die Handwerker einen anderen Stein nehmen.

          Zuerst sägen sie den Brocken in die richtige Form, dann schneiden oder schlagen sie die grobe Form der Statue heraus. Je näher sie der endgültigen Form kommen, desto feiner müssen laut Graser die Werkzeuge fürs Fräsen sein. Die letzten Millimeter übernimmt ein gelernter Bildhauer, in diesem Fall der Berliner Andreas Hoferick: Per Hand vollendet er die Statue in all ihren Feinheiten. Ein gutes halbes Jahr, so schätzt Graser, wird Meister Hoferick an Kaiser Karl Hand anlegen müssen.

          Die Kopie Karls ist nicht billig, sie wird etwa 110 000 Euro kosten. Das Geld dafür hat der Brückenbauverein mit dem Architekten Christoph Mäckler an der Spitze gesammelt. Beziehungsweise, er sammelt noch und ist froh über jeden gespendeten Euro. Stadtrat Majer sprach gestern von einem großartigen bürgerschaftlichen Engagement der Brückenbauer, für das die Stadtregierung dankbar sei.

          Der Verein übernimmt auch die Kosten von 30 000 Euro, die die Sanierung des Brickegickels kostet. Diesen Hahn hat der Sage nach einst der Baumeister der Alten Brücke über das neue Bauwerk gejagt. Denn er hatte dem Teufel als Lohn für dessen Mithilfe beim Bau die erste Seele versprochen, die die Brücke überquert. Um sein eigenes Heil zu retten, hatte der Brückenbauer schlauerweise dann einen Gickel vorgeschickt. Dieser Brickegipfel wird jetzt stromaufwärts auf der Brückenmitte auf einem Sockel aufgepflanzt. Er wird also dort krähen, wo er dies tat, als noch Kaiser Karl von seinem Podest aus über Frankfurt wachte.

          Weshalb stellt man nicht den Original- Karl, sondern eine Kopie auf? Weil, wie Mäckler erklärte, steinerne Originalfiguren und -ornamente von Domen und Münstern inzwischen fast überall ins Museum gebracht worden sind. Im Freien würden sie zu sehr unter den Umweltgiften und der Witterung leiden. So wird denn auch in Frankfurt der richtige Karl künftig im Historischen Museum den Besuchern den Weg zur Abteilung Frankfurt als Kaiser- und Krönungsstadt weisen.

          Der steinerne Karl hat übrigens im Zweiten Weltkrieg seinen Kopf verloren - und zwar unwiederbringlich. Als das Standbild 2008 vor dem Historischen Museum aufgestellt wurde, hatte man es mit einem neuen Kopf ausgestattet. Den will der Brückenbauverein aber nicht kopieren lassen. Vielmehr soll Bildhauer Hoferick nach alten Fotos den Originalkopf nachschaffen.

          Mäckler hat übrigens mit seinem Brückenbauverein noch manchen weiteren Plan. So möchte er gerne die Rathaus-Türme „Langer Franz“ und „Kleiner Cohn“ originalgetreu wiederherstellen. Von diesem Projekt wird man noch hören.

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