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Buchmesse 2018 : Die Ansichten der anderen

Schwindendes Interesse am gedruckten Wort: Die Frankfurter Buchmesse ist wichtiger denn je. Bild: EPA

Die Lesekultur gerät zunehmend in den Hintergrund. Denn zwischen Netflix und Facebook bleibt für die gedruckte Zeile kaum noch Zeit und Interesse. Doch es gibt Grund zur Hoffnung. Ein Kommentar

          Dieser Widerspruch begleitet die Buchmesse seit ihren Anfängen. Das Lesen ist ein weltabgewandter Vorgang, der Mensch versinkt allein in einem Buch, die Wirklichkeit um ihn herum macht fiktionalen Räumen Platz. Schon als großes Literaturbetriebsfest war die Buchmesse jedoch ein Ereignis, wo es bei Empfängen und Disputen laut, bei den Lizenzverhandlungen in den Kojen dagegen geschäftsmäßig zuging, während stets die Hauptsorge etlicher Besucher war, wie sie sich ohne Einladung bei den wirklich wichtigen Verlagspartys einschleichen können. Rummel, Trubel, Müdigkeit. Und Business.

          Mittlerweile spielt die Literatur im engeren, strengeren Sinn des Wortes nur noch eine untergeordnete Rolle, und die Zeiten, als Suhrkamp-Kultur und intellektuelle Großautoren Diskussionen und Stimmungen prägten, sind vorbei. Anfang der sechziger Jahre fand Adorno noch Bilder auf Buchumschlägen marktschreierisch. Wo es doch um die Inhalte gehe. Den Geist. Die Poesie. Mittlerweile hat man das Gefühl, dass auch alteingesessene belletristische Verlage weniger Wert aufs Lektorat als auf ausgefuchste Marketing-Strategien und den ganz dicken Unterhaltungs-Hammer legen. Kein Wunder: Zwischen Netflix-Abo und Facebook-Dauerkontrolle passt immer seltener ein Blatt Papier. Und wenn, muss schon etwas Spektakuläres darauf stehen. Mord geht immer, bei experimenteller Lyrik wird es schwierig.

          Es gibt noch gute, schöne, wahre Texte

          Doch es gibt sie noch, die guten, schönen, wahren Texte. Auch die bösen, widerborstigen, anregenden. Und viele Ansichten und Einsichten, wie man anderswo die Dinge sieht. Aufklärung, ein offensichtlich unabgeschlossenes und vielerorts bedrohtes Projekt, dem sich die Buchmesse nach den Verheerungen des Nationalsozialismus mit Emphase verschrieben hatte, bedeutet vor allem, die anderen zu Wort kommen zu lassen und sich mit ihren Argumenten und Sprechweisen zu beschäftigen.

          Die Formen mögen sich vom ersten Taschenbuch 1950 über das E-Book, das längst verebbte Schockwellen auslöste, bis zur Aufbereitung von Romanen als Games ändern – die Buchmesse fühlt sich noch immer und heute womöglich mehr denn je der Aufgabe verpflichtet, die Freiheit des Worts und die Menschenrechte zu befördern.

          So hat sie die Veranstaltungszone ausgeweitet und etwa beim „Bookfest“ aktuelle Themen auf die Tagesordnung gesetzt. Sie ist, gewiss, ein Markt. Aber einer der Ideen. Und das ist und bleibt etwas Besonderes.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

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