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„Ein Käfig voller Narren“ : Erste Begegnung auf dem Eisernen Steg

Nicht nur Familiengeschichte, sondern auch Travestieshow: Szene aus „Ein Käfig voller Narren“ im Frankfurter Volkstheater

Nicht nur Familiengeschichte, sondern auch Travestieshow: Szene aus „Ein Käfig voller Narren“ im Frankfurter Volkstheater Bild: Stu Gra Pho

Zwei Männer lieben sich auf Hessisch: Das Musical „Ein Käfig voller Narren“ im Frankfurter Volkstheater. Die Premiere war trotz EM-Konkurenz ausverkauft, auch dank „Bäppi“.

          2 Min.

          Das Publikum war schon zur Ouvertüre in Hochstimmung. Rund um den Großen Hirschgraben summten die Fernseher in den Cafés und übertrugen Spiele der Fußball-Europameisterschaft. Das Frankfurter Volkstheater war trotzdem ausverkauft. Die Zuschauer wussten offenbar, dass sie sich auf den Star des Abends verlassen konnten. Tatsächlich schaffte es Thomas Bäppler-Wolf, sie auf dem Laufenden zu halten. Als er nach der Pause das erste Fussballergebnis extemporierte, verlor sein Partner Wolff von Lindenau vor Schreck den Faden. Der „Hänger“ führte zu jenem Ausnahmezustand, den jeder Schauspieler am meisten fürchtet: lachend aus der Rolle zu fallen. Doch nach allgemeinem Amüsement nahm der Schauspieler den Faden professionell wieder auf und ließ sich bei den nächsten sportlichen Improvisationen nicht mehr aus der Fassung bringen.

          Claudia Schülke
          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch wenn das im Musical von Jerry Herman und Harvey Fierstein vielleicht nicht vorgesehen war: „Ein Käfig voller Narren“ lebt von dergleichen Narreteien. Sylvia Hoffman, künstlerische Leiterin des Hauses, freute sich nach den Standing Ovations am Ende, dass ihr Plan aufgegangen war. Das Pariser Kultstück von Jean Poiret aus den frühen siebziger Jahren, das nach erfolgreicher Verfilmung 1983 als Musical am Broadway wiederauferstand, scheint mit seiner riesigen Besetzung nicht prädestiniert zu sein für die intime Bühne des Volkstheaters. Mit seinem gesellschaftspolitischen Plädoyer für homosexuelle Partnerschaft und Familie auch nicht für das eher bürgerliche, in die Jahre gekommene Publikum. Doch was vor 30 Jahren im prüden Amerika noch ein Wagnis war, rannte in Frankfurt jetzt offene Türen ein.

          Grandiose Travestieshow-Nummern

          Der amerikanische Regisseur Gains Hall hat das Beste aus der räumlichen Beschränkung gemacht: eine bewegende Ehe- und Familiengeschichte zweier Männer. Die Liebe und die Konflikte zwischen Albert und Schorsch stehen im Mittelpunkt der Aufführung, ohne sich von den grandiosen Travestieshow-Nummern dominieren zu lassen. In der Show tritt Albert als voluminöse „Zaza“ auf, sein Privatleben teilt er seit 20 Jahren mit Schorsch und dessen Sohn Michael. „Unser Kind will heiraten, was haben wir falsch gemacht?“ Das klingt noch komisch. Aber als Albert für einen Abend verschwinden soll, weil sich die Eltern der Schwiegertochter in spe angesagt haben, wird es ernst: Michaels künftiger Schwiegervater ist ein moralinsaurer Politiker, der alle Nachtclubs schließen lassen will.

          Es gibt Szenen an diesem Abend, die sich nachhaltig einprägen. Etwa die, wenn auch etwas sentimentale Erinnerung Schorschs an die erste Begegnung mit Albert auf dem Eisernen Steg. Bäppler-Wolf, in seinem eigenen Theater im Nordend als Bäppi La Belle bekannt, hat gemeinsam mit dem Regisseur die Handlung an den Main verlegt und die deutsche Übersetzung von Erika Gesell und Christin Severin in hessische Mundart übertragen. Auf Hessisch wirkt es ganz besonders komisch, wenn Schorsch seinem Lebensgefährten beibringen will, wie man sich als Mann bewegt, einen Zwieback mit Butter bestreicht oder eine Tasse Tee ohne abgespreizten kleinen Finger trinkt. Albert soll sich den Besuchern nämlich als Onkel vorstellen. Stattdessen platzt er als Michaels verschollene „Mutti“ in Merkel-Outfit herein.

          Rolle seines Lebens

          Trotz seiner einfühlsamen Homestory hat der Regisseur die Show nicht vernachlässigt, zumal er selbst die Choreographie übernommen hat. Zwar treten bei ihm nur sechs statt zwölf Travestie-Tänzer auf, doch damit ist die Bühne voll. Rainer Schöne hat sie mehr rot als rosa, jedenfalls opulent ausgestattet und mit einer Empore versehen, auf der im Hintergrund das Orchester-Quartett unter der Leitung von Cordula Hacke an den Keyboards thront. Bärbel Klaesius hat die luxuriösen Kostüme für „Zaza“ entworfen, die der anderen stammen von Bärbel Christ-Heß und Claudia Rohde. Wolf von Lindenau spielt als Schorsch die Rolle seines Lebens. Auch freut man sich über ein Wiedersehen mit den Volkstheater-Matadoren Steffen Wilhelm und Sabine Roller als bigotten Schwiegereltern. Heute Abend um 20 Uhr kann „Bäppi“ weiter extemporieren.

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