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Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst : Wartelisten für die Bewerber

  • -Aktualisiert am

Marco Häfner leistet Bundesfreiwilligendienst in den AWO-Werkstätten in Offenbach Bild: Wohlfahrt, Rainer

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein Jahr alt. Die Bilanz kann sich sehen lassen, es gibt in Hessen mehr Bewerber als Plätze. Aber mehr Geld gibt es nicht

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          Dass der neue Dienst ein Erfolg wird, damit hätte fast niemand gerechnet. Schleppend lief der Bundesfreiwilligendienst vor einem Jahr an. „Dass es anfangs ruckelt, gehört zum Prozess“, gibt eine Sprecherin des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) zu. „Solange zum Beispiel nicht klar war, ob das Kindergeld weiterhin ausgezahlt würde, gab es viel Widerstand bei den Freiwilligen“, sagt Axel Eppich von Volunta, der Freiwilligenabteilung des Deutschen Roten Kreuzes in Hessen. Inzwischen seien diese und andere Schwierigkeiten aber behoben.

          Rein zahlenmäßig ist er ein Erfolg. In ganz Deutschland nehmen 35.000 am Bundesfreiwilligendienst teil. In Hessen sind es nach Angaben des Bundesamtes rund 1500. Allein in Frankfurt engagieren sich rund 200 Männer und Frauen, in Darmstadt 70 und in Offenbach 38. Doch genau dieser Erfolg ist das große Problem des Bundesfreiwilligendienstes. Der Andrang ist nicht mehr zu bewältigen. Alle Plätze sind besetzt, und mehr Geld gibt es nicht.

          „Eine politische Entscheidung“

          Das hat ein kompliziertes Hin und Her um Plätze zur Folge, das vor allem die großen Träger kritisieren. Die 19 Zentralstellen des Bundesamtes in Deutschland genehmigen den Wohlfahrtsverbänden Plätze. Diese werden an Einsatzstellen vergeben. Doch das können die Träger derzeit nicht. Im Januar wurde bekannt gegeben, dass die für 2012 anvisierten 35.000 Stellen in ganz Deutschland bereits erreicht seien. Geld für weitere sei in diesem Bundeshaushalt nicht geplant. „Das ist eine politische Entscheidung“, so eine Sprecherin des Amtes in Köln.

          Die Wohlfahrtsverbände müssen mit den Plätzen für die Einsatzstellen jonglieren. Und sich auf die neuen Freiwilligen einstellen, die anders sind als die „Zivis“. So auch Marco Hafner, Bundesfreiwilliger seit September. Der 20 Jahre alte Mann arbeitet in den Offenbacher Werkstätten Hainbachtal zusammen mit behinderten Menschen in einer Schreinerei. Dort bewarb er sich gezielt wie die meisten anderen Dienstleistenden auch. „Ich will mit Menschen in Kontakt sein“, sagt Hafner. Sonst hätte er ja auch einfach jobben können. Hausmeistertätigkeiten, wie die „Zivis“ sie oft erledigten, sind heute unattraktiv. Die Einsatzstellen mussten sich an neue Anforderungen der Freiwilligen anpassen. „In den Dienststellen hat ein Lernprozess stattgefunden“, sagt Eppich von Volunta.

          Die Kritik der Träger an der Haushaltspolitik ist groß. Zwar beenden bald die Teilnehmer der ersten Generation ihren Dienst - aber das heißt nicht, dass die Stelle sofort wieder besetzt wird. Das hängt davon ab, ob der jeweilige Träger noch Plätze im zugewiesenen Kontingent hat. Planungssicherheit wie im Zivildienst, die gibt es momentan nicht. In Frankfurt hat vor allem der größte Träger, die Werkstatt Frankfurt mit 60 Freiwilligen, Probleme damit. Allein bei „Ffm Tipptopp“, einem Betrieb der Werkstatt, stehen etwa 60 Freiwillige auf der Warteliste. „Seit April können wir keinen mehr einstellen“, sagt Henning Wolpers, Leiter von „Ffm tipptopp“. Ähnliches berichtet auch die Sprecherin der Parität Hessen. „Wir dachten, dass die uns genehmigten Stellen auch finanziert seien“, sagt Heike Lange. Wie andere Träger auch bewarb die Parität den neuen Dienst von Beginn an intensiv. Der Einstellungsstopp im Januar traf sie überraschend. Derzeit beschäftigt die Parität 146 Bundesfreiwillige. Absagen habe sie etwa genauso viele verschicken müssen. „Das ist eine schreckliche Situation für uns.“ Die Verbände fordern, dass die Kontingentierung aufgehoben werde. Sie rechnen damit, immer mehr Freiwillige abweisen zu müssen.

          Freiwilligendienst gleich welcher Art ist in Deutschland sehr beliebt: Insgesamt arbeiten mehr als 80 000 Menschen als Bundesfreiwillige oder leisten ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) ab. Eppich von der Volunta bemängelt: „De facto sind FSJ und BFD doch das Gleiche.“ Für die Träger bedeuten die parallelen Dienste einen großen bürokratischen Aufwand. Einen Unterschied gibt es aber. Erstmals dürfen Ältere einen Freiwilligendienst ableisten. „BFDplus“ richtet sich an Menschen im Alter von mehr als 27 Jahren. Laut Bafza engagierten sich besonders in den neuen Bundesländern gerade die mehr als 50 Jahre alte Männer und Frauen stark. In Hessen ist das nach Angaben des Bafza jeder Fünfte, also etwa 300 über 27 Jahre alte Bundesfreiwillige.

          Ein „Taschengeld“ als Vergütung

          Diese Regelung hat einen Nebeneffekt: Auch Langzeitarbeitslose arbeiten als Freiwillige wie bei „Ffm tipptopp“. Dort arbeiten 13 Bundesfreiwillige, die meisten mehr als 50 Jahre alt. „Sie haben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“, erklärt Wolpers. Natürlich hofften sie, sich so für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. „Rumsitzen“, das wollen weder die Älteren noch die Jüngeren. Als Hafner keine Ausbildungsstelle bekam, entschied er sich für ein Jahr Freiwilligendienst. Dafür bekommt er ein „Taschengeld“, wie es offiziell heißt, höchstens 336 Euro im Monat. Natürlich sei es gut, seinen Eltern nicht ganz auf der Tasche liegen, erzählt Hafner. Aber ihm sei wichtiger, dass er von den Menschen so viel zurückbekäme. „Es macht so unheimlich Spaß“, sagt er. So sehr, dass er verlängert hat. Anders als im FSJ können im Bundesfreiwilligendienst statt zwölf Monaten auch eineinhalb oder zwei Jahre abgeleistet werden - wenn es das Kontingent zulässt. Hafner arbeitet statt bis September noch bis Februar in der Behindertenwerkstatt. Was danach kommt, wisse er noch nicht. Auch eine Ausbildung im sonderpädagogischen Bereich schließt er nicht aus.

          Einen großen Freiwilligendienst für ganz Deutschland statt paralleler Systeme, das wünschen sich die Wohlfahrtsverbände. Den Freiwilligen selbst ist es egal, ob sie nun ein FSJ oder BFD ableisten. Oft arbeiten sie ohnehin zusammen in den Einrichtungen. Auch Hafner erkennt keinen großen Unterschied zwischen den Diensten. „Ich bin einfach Freiwilliger.“

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