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Abisag Tüllmann : Porträt einer leisen Großen

Ein Stuhl im Spiegel. Kunst von Abisag Tüllmann Bild: Foto Abisag Tüllmann

Die Frankfurter Fotografin Abisag Tüllmann ist so etwas wie eine Legende. Regisseurin Claudia von Alemann hat ihrer Freundin einen Film gewidmet. Nun ist er in Frankfurt zu sehen.

          4 Min.

          Da sieht man Leute im Dunkeln zur Arbeit gehen, fast huschen, in einer halbdunklen feuchten Straße irgendwo in Frankfurt. Sie scheint überhaupt gar nicht aufzuhören, die Straße in diesem diffusen Licht. Natürlich gibt es Straßen, die nicht aufhören, nirgendwo und schon gar nicht in Frankfurt. Aber Abisag Tüllmanns Fotografien haben die merkwürdige Eigenschaft, den Raum, den sie zeigen, sehr weit und sehr tief zu öffnen. Selbst dann, wenn sie die Beschränkungen zeigte, denen der Mensch unterliegt – und das tut er oft. Und ebenso oft wächst er über sie hinaus. So düster und angsteinflößend wie die südafrikanischen Minen, in denen sie die dramatischen Arbeitsbedingungen der Bergleute aufnahm, so aufmerksam und zugewandt wie die Frankfurter Obdachlosen, so klar und leuchtend hat Tüllmann auch die Schauspieler in ihren Theaterfotografien gezeigt.

          Eva-Maria Magel
          Leitende Kulturredakteurin Rhein-Main-Zeitung.

          Mehr als 500 dieser wunderbaren Fotografien, die meisten davon schwarzweiß, sind in Claudia von Alemanns Film „Die Frau mit der Kamera“ nun zu sehen. „Jeden Schwenk über ein Foto, jeden Zoom habe ich abgelehnt. Das entspricht nicht meiner Ästhetik – und das hätte Abisag auch nicht gewollt“, sagt die 1943 geborene Regisseurin. Was Abisag Tüllmann gewollt hätte, kann sie gut einschätzen: Von 1965 bis zum Tod der Fotografin waren die beiden befreundet, Tüllmann war die Patin von Alemanns Tochter, die beiden haben an verschiedenen Projekten, etwa Alemanns erstem Spielfilm „Die Reise nach Lyon“ (1978/80), zusammen gearbeitet.

          Denkfaulheit konnte Abisag Tüllmann nicht ertragen

          Viele Jahre hatte sie einen Film über Tüllmann drehen wollen. Als die Freundin schon von der Krankheit gezeichnet war, wollte sie ihr ein solches Anliegen nicht zumuten, berichtet Alemann, die heute in Köln lebt. Nun beginnt der Film, der unter anderem für den Hessischen Filmpreis nominiert war, drei Tage nach Tüllmanns Tod, in deren verwaisten Räumen. „Die Wohnung war so ungewöhnlich und so beseelt von ihr, ich wollte das unbedingt festhalten, bevor es weggeräumt wird“, erinnert sich Alemann an den Herbst 1996. So spaziert nun die Kamera vorsichtig durch die Räume, bleibt an Details hängen.

          „Wer nicht denkt, fliegt raus“, steht da auf einem handgeschriebenen, angegilbten Zettel, der an die Wand gepinnt ist. Und nach 90 Minuten Film kann man zwar immer noch nicht ganz glauben, dass die zarte schöne Frau hinter der Kamera handgreiflich geworden wäre. Dass Abisag Tüllmann Denkfaulheit nicht ertragen konnte und Humor, vor allem Ironie, schätzte, wohl.

          „Sie hat es immer auf den Punkt gebracht“, sagt ihre Kollegin Barbara Klemm in Alemanns Film und stellt fest, dass sie beide einen ähnlichen Blick haben. Und die Einstellung, sich selbst lieber so zu verhalten, dass man nicht wahrgenommen wird während des Fotografierens. Oft sind sie bei denselben Ereignissen gewesen: Studentendemos, Debatten, Häuserkampf. Auch Alemann war da, oft genug als Akteurin, etwa bei der Gründung des Frankfurter Weiberrats. „Abisag war mehr die Beobachterin, sie war immer dabei, es wurde ihr oft als Einzige gestattet zu fotografieren, zum Beispiel im legendären Hörsaal6, wo man normale Pressefotografen rausgeschmissen hätte“, erinnert sich Alemann.

          „Wie üblich zerstritt man sich“

          So sieht man Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, den irritierten Adorno und den jungen Habermas auf ihren Fotos, erregte Reden von einst hat Alemann als Tondokumente in den Film gebracht, heute geradezu schräg erscheint etwa jene Pressekonferenz der Oberhausener Filmtage 1965. „Rollkragen-Rossellinis“, „Überformte Jünglinge“ müssen sich die Filmstudenten der Hochschule für Gestaltung Ulm da gefallen lassen, unter ihnen, junge Studienanfängerin, Alemann selbst.

          Damals lernte sie Tüllmann kennen. Nach Jahren in Paris, wo sie 1968/69 die Dokumentation „Das ist nur der Anfang – der Kampf geht weiter“ drehte, kam sie zurück, nach Frankfurt. „Ich kannte ja Abisag – und ich wollte eine Filmgruppe gründen, die politische Dokumentarfilme machen wollte.“ Das Projekt fand nie statt: „Wie üblich zerstritt man sich“, sagt Alemann und lacht, „ich bin 18 Jahre geblieben und liebe Frankfurt immer noch.“ Umso wichtiger ist ihr die Frankfurter Erstaufführung am Sonntag, die von der Kinothek Asta Nielsen im Kino Mal Sehn veranstaltet wird. Es wird auch ein Treffen vieler, die im Film zu sehen sind.

          Ein Film auch über das Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre

          So vorsichtig ihre Freunde auch über Tüllmann und ihr Leben sprechen: Man kommt der jungen Frau aus Wuppertal, die für das Fotografieren als Beruf brennt, die sich entscheiden muss, ob das mit einer Familie vereinbar ist, die an der deutsch-jüdischen Geschichte und an persönlichen Schicksalsschlägen arbeitet und in ihren Fotos gesellschaftliche und politische Umbrüche in den Blick rückt, sehr nah.

          Alemann beschränkt sich zwar bewusst auf einen persönlichen Blick und, mit Ausblicken auf die vielen Interessen Tüllmanns, auf das Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre, das sie gemeinsam erlebt haben. Doch die engen künstlerischen und intellektuellen Verbindungen dieser bewegten Epoche führen dazu, dass Alemanns Film auch zu einer Zeitgeschichte wird, mit Tüllmann mittendrin.

          „Ich wollte bewusst kein Fernsehmaterial nehmen, sondern Ausschnitte aus Filmen, vor allem von Freunden“, sagt Alemann. Günther Hörmann, Helke Sander, Alexander Kluge und andere haben ihr Ausschnitte überlassen. So sieht man, in Kluges „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ Abrissbirnen das Haus Bockenheimer Landstraße 111 zerstören, im Block 111–113 hat auch Alemann selbst gewohnt: „Ich zucke immer noch zusammen, wenn ich das sehe“, sagt sie. Eine zarte, etwas sperrige Musik von José Luis de Delàs scheint Fotografien, Erinnerungen und die Filmausschnitte zu verbinden. In manchen sieht man dann wiederum – die Frau mit der Kamera.

          Eine Hommage an die Freundin

          Abisag Tüllmann, die am 7.Oktober 80 Jahre alt geworden wäre, hätte sie eine Krebserkrankung nicht schon früh, kurz vor ihrem 61.Geburtstag 1996, aus dem Leben geholt, hat fast ihr ganzes Berufsleben von Frankfurt aus und in der Stadt gearbeitet. Kurz vor ihrem Tod verkaufte sie ihre Arbeit: Alle Theaterfotografien gingen an das Deutsche Theatermuseum in München, der Rest ins Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Mehr als 600.000 Negative und etwa 70.000 Abzüge gibt es – Tüllmann war nicht nur früh eine der bekanntesten Fotografinnen ihrer Zeit, sie war auch ungeheuer arbeitsam. Und präzise.

          Das war auch in der großen Ausstellung und dem dazugehörigen Katalog zu sehen, die 2010/11 im Frankfurter Historischen Museum stattgefunden hat. Schon damals hätte Claudia von Alemann ihren Film fertigstellen wollen. Doch ein Unfall und dessen Folgen machten ihre Pläne mehrfach zunichte. Unterdessen hat sie selbst eine Ausstellung mit Tüllmann-Fotos kuratiert, zur Premiere ihres Films in Paris. Nun ist, endlich, die Hommage an die Freundin und die Erinnerung an eine prägende Zeit in Frankfurt zu sehen.

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