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Abisag Tüllmann : Porträt einer leisen Großen

Damals lernte sie Tüllmann kennen. Nach Jahren in Paris, wo sie 1968/69 die Dokumentation „Das ist nur der Anfang – der Kampf geht weiter“ drehte, kam sie zurück, nach Frankfurt. „Ich kannte ja Abisag – und ich wollte eine Filmgruppe gründen, die politische Dokumentarfilme machen wollte.“ Das Projekt fand nie statt: „Wie üblich zerstritt man sich“, sagt Alemann und lacht, „ich bin 18 Jahre geblieben und liebe Frankfurt immer noch.“ Umso wichtiger ist ihr die Frankfurter Erstaufführung am Sonntag, die von der Kinothek Asta Nielsen im Kino Mal Sehn veranstaltet wird. Es wird auch ein Treffen vieler, die im Film zu sehen sind.

Ein Film auch über das Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre

So vorsichtig ihre Freunde auch über Tüllmann und ihr Leben sprechen: Man kommt der jungen Frau aus Wuppertal, die für das Fotografieren als Beruf brennt, die sich entscheiden muss, ob das mit einer Familie vereinbar ist, die an der deutsch-jüdischen Geschichte und an persönlichen Schicksalsschlägen arbeitet und in ihren Fotos gesellschaftliche und politische Umbrüche in den Blick rückt, sehr nah.

Alemann beschränkt sich zwar bewusst auf einen persönlichen Blick und, mit Ausblicken auf die vielen Interessen Tüllmanns, auf das Frankfurt der sechziger und siebziger Jahre, das sie gemeinsam erlebt haben. Doch die engen künstlerischen und intellektuellen Verbindungen dieser bewegten Epoche führen dazu, dass Alemanns Film auch zu einer Zeitgeschichte wird, mit Tüllmann mittendrin.

„Ich wollte bewusst kein Fernsehmaterial nehmen, sondern Ausschnitte aus Filmen, vor allem von Freunden“, sagt Alemann. Günther Hörmann, Helke Sander, Alexander Kluge und andere haben ihr Ausschnitte überlassen. So sieht man, in Kluges „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ Abrissbirnen das Haus Bockenheimer Landstraße 111 zerstören, im Block 111–113 hat auch Alemann selbst gewohnt: „Ich zucke immer noch zusammen, wenn ich das sehe“, sagt sie. Eine zarte, etwas sperrige Musik von José Luis de Delàs scheint Fotografien, Erinnerungen und die Filmausschnitte zu verbinden. In manchen sieht man dann wiederum – die Frau mit der Kamera.

Eine Hommage an die Freundin

Abisag Tüllmann, die am 7.Oktober 80 Jahre alt geworden wäre, hätte sie eine Krebserkrankung nicht schon früh, kurz vor ihrem 61.Geburtstag 1996, aus dem Leben geholt, hat fast ihr ganzes Berufsleben von Frankfurt aus und in der Stadt gearbeitet. Kurz vor ihrem Tod verkaufte sie ihre Arbeit: Alle Theaterfotografien gingen an das Deutsche Theatermuseum in München, der Rest ins Bildarchiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin. Mehr als 600.000 Negative und etwa 70.000 Abzüge gibt es – Tüllmann war nicht nur früh eine der bekanntesten Fotografinnen ihrer Zeit, sie war auch ungeheuer arbeitsam. Und präzise.

Das war auch in der großen Ausstellung und dem dazugehörigen Katalog zu sehen, die 2010/11 im Frankfurter Historischen Museum stattgefunden hat. Schon damals hätte Claudia von Alemann ihren Film fertigstellen wollen. Doch ein Unfall und dessen Folgen machten ihre Pläne mehrfach zunichte. Unterdessen hat sie selbst eine Ausstellung mit Tüllmann-Fotos kuratiert, zur Premiere ihres Films in Paris. Nun ist, endlich, die Hommage an die Freundin und die Erinnerung an eine prägende Zeit in Frankfurt zu sehen.

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