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Frankfurter Westhafen : Darf es ein bisschen mehr sein?

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Wahrzeichen am Main: Der Westhafen-Tower ist wegen der Struktur seiner Glasfassade auch als „Geripptes“ bekannt. Die Marina zu seinen Füßen bietet rund hundert Liegeplätze für Jollen und Motorboote. Bild: Maria Klenner

Das Neubauquartier Westhafen ist mit seiner Marina in Frankfurt einzigartig. Dass dort nur Reiche leben, halten Anwohner für ein Vorurteil.

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          Eckhard Mikulski ist Herr über etwas, über das nur wenige in Deutschland verfügen, das aber viele gern hätten. Wer mit einem Segel- oder Motorboot von der Donau an den Rhein fährt oder umgekehrt, meldet sich mit hoher Wahrscheinlichkeit bei ihm, ebenso wie Frankfurter Segler mit eigenem Boot, die einen Anlegeplatz suchen. Denn Mikulski führt das hiesige Segel-Center, bei dem man Kurse belegen und Ausrüstung kaufen kann – und einen Gästeplatz für Yachten und Jollen am Westhafen mieten. Zwölf solcher Plätze hat er zu vergeben, einige davon nutzt er selbst für seine Schulungsboote. Die übrigen vermietet er ab 19 Euro je Nacht. Die Nachfrage übersteige das Angebot um ein Vielfaches, sagt er.

          In der Mainmetropole ist der Westhafen mit seiner Marina einzigartig. Das Neubauquartier wurde in den neunziger Jahren unter dem Motto „Wohnen und Arbeiten am Fluss“ um einen Binnenhafen konzipiert. Bis ins späte 19. Jahrhundert befand sich dort der Winterhafen, in dem Schiffe vor Eis geschützt waren. Dann ließ die Stadt an der Stelle den Handelshafen errichten, der rund 100 Jahre erhalten blieb. Eckhard Mikulski – Goldkette, Brusthaar unter dem geöffneten Poloshirt und Frankfurter Dialekt – erinnert sich noch gut daran, wie es dort in den achtziger Jahren aussah. „Das war ein Drecksloch, der Sand ist überall gewesen. Da konnte man eigentlich nur hin, wenn kein Wind war“, sagt er.

          „Ich wohne nun mal nicht im Wald“

          Dennoch sah er Potential in dem Areal und wollte seine Segelschule und die Lehrboote, die zu jener Zeit in Niederrad ankerten, an den Westhafen verlegen. Er wandte sich mit seinem Anliegen an die Stadt – und hörte fast 20 Jahre lang nichts. Erst als das Gebiet rund um den Binnenhafen erschlossen wurde, erinnerte man sich an ihn. 2006 zog er mit der Segelschule ins Gutleutviertel und verlegte die Boote an den Westhafen.

          Weil das Areal in der Planungsphase wenig einladend war, zögerte Antje Herweling lange, bevor sie und ihre erwachsene Tochter sich schließlich doch für den Kauf von Eigentumswohnungen im Westhafen entschieden. Auf dickem Papier bewarb eine Immobiliengesellschaft in einem Prospekt die geplanten Apartments mit den Worten „Luxuswohnen am Yachthafen“, denn „eine Traumwohnung muss nicht immer am Meer liegen“. Herweling gefiel die Idee. Sie stammt aus Kiel und sagt, ihre Familie habe einfach Spaß am Wasser. Damals aber sei unter Interessenten die Rede vom Bahnhofs- und Junkieviertel gewesen, weil der Hauptbahnhof nur wenige Minuten zu Fuß entfernt liegt. „Wir dachten: Das könnte auch schiefgehen.“

          Gut besucht: An sonnigen Tagen sitzen Gäster der „L’Osteria“ im Freien.
          Gut besucht: An sonnigen Tagen sitzen Gäster der „L’Osteria“ im Freien. : Bild: Maria Klenner

          2003 war Herweling, eine sorgfältig geschminkte Frau mit Hochsteckfrisur und einer Halskette aus großen Perlen, eine der Ersten, die die neuen Häuser bezogen. Sie ist Immobilienmaklerin und verkaufte später selbst Wohnungen auf der Mole. In ihrer eigenen 86 Quadratmeter großen Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kamin und Terrasse blickt sie durch eine bodentiefe Fensterfront auf den Main. „Irre“ sei es, hier zu wohnen, sagt sie und meint das positiv. Dabei gab es nach ihrem Einzug noch viele Baustellen, und als in der ersten Nacht die Züge über die Main-Neckar-Brücke fuhren, hatte sie das Gefühl, sie donnerten durch ihr Schlafzimmer. Das höre sie mittlerweile gar nicht mehr, sagt sie. Stört sie sich auch nicht an den Rettungswagen und -hubschraubern, die zur Uni-Klinik am anderen Ufer wollen, an den ankommenden und abfliegenden Flugzeugen, die man bei Südwind hört, und den Disco-Schiffen mit ihren feiernden Gästen? Sie sagt: „Ich wohne nun mal in der Großstadt, nicht im Wald.“

          Wenig Hobbysegler in der Nachbarschaft

          Darüber, ob der Westhafen makellos schön ist oder steril, gehen die Meinungen auseinander. Die Originalgebäude des Handelshafens sind weitgehend verschwunden, nur das Druckwasserwerk steht noch. Darin befindet sich heute ein Restaurant. Die Straßen sind picobello und tragen Namen wie „Karpfenweg“ und „Zanderstraße“. Einzig eine Bauruine auf der Molenspitze, die drei Jahre lang brach lag, störte das Bild und ärgerte die Bewohner. Eigentlich hätte dort ein Wellness-Center entstehen sollen, mittlerweile gibt es einen neuen Bauherrn, der Appartements für Geschäftsleute plant. Seit 2016 wird auf der Baustelle wieder gearbeitet, auf die Eckhard Mikulski durch die Fenster seines Büros am Hafen schaut. „Vorher war das echt ein Schandfleck. Jetzt sieht es schön aus, da kann der Bauherr von mir aus auch pleitegehen“, scherzt er.

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