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Eichel-Rekordernte : Samenflut trotz Hitzesommer

Eicheln satt: Der trockene Sommer hat die Samenernte bei Eichen, Weißtannen und Douglasien nicht beeinträchtigt. Bild: Rainer Wohlfahrt

Nicht jeder kann über das trockene Wetter klagen: Die Staatsdarre in Hanau verzeichnet Rekordernten. Eicheln gibt es in Hülle und Fülle. Und ein bestimmter Nadelbaum wird immer beliebter.

          In der Samendarre in Hanau-Wolfgang ist in diesen Tagen viel zu tun. Eingebracht und verarbeitet wird dort vom landeseigenen Betrieb Hessen-Forst eine Rekordernte, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Im Wald des Forstamts Wolfgang liegt die einzige Samendarre des Landes Hessen. Dort werden seit dem Jahr 1826 qualitativ hochwertige Baumsamen für den Verkauf oder den Eigenbedarf hergerichtet und, je nach Sorte, bis zu mehrere Jahre gelagert.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Gut beschäftigt sind die Mitarbeiter und Erntehelfer vor allem mit der Frucht der Eichen im Forstamtsbezirk, zu dem neun Forstreviere rund um Hanau mit rund 13.560 Hektar Wald gehören. Dort wachsen überdurchschnittlich viele Stiel- und Traubeneichen. Sie bilden mehr als 20 Prozent des Baumbestands, in Hessen liegt der Durchschnitt zwischen zehn und zwölf Prozent.

          Wenn die Eichen gut tragen, gibt es auch deshalb viel zu tun, weil die Eicheln nicht über längere Zeit gelagert werden können, ohne ihre Keimfähigkeit zu verlieren. Deshalb müssen die Früchte geerntet, gereinigt, sortiert, verpackt und möglichst schnell an den Kunden, in die eigene Erde des Staatswalds oder in den Boden der eigenen Baumschule von Hessen-Forst in Wolfgang gebracht werden. Forstamtsleiter Christian Schaefer rechnet damit, dass rund 30 Tonnen Eicheln in diesem Herbst geerntet werden können, eine Menge, die bisher kaum übertroffen worden sei.

          Der Nachwuchs steht gut im Futter

          Grund für den Rekordertrag ist nach Schaefers Schilderungen aber nicht der lange, warme Sommer. Vielmehr habe die Eiche den vielen Dürretagen tapfer getrotzt. Sie trage erst nach einer Wachstumszeit von 40 bis 50 Jahren. Dann reichten die Wurzeln so weit in die Erde, dass sie auch tiefes Grundwasser noch erreichen könnten. Wie viele Eicheln ein Baum trage, hänge vom Hormonhaushalt der Eichen im Jahr zuvor ab. Dann entscheide sich, welche Knospen zu Blüten und welche zu Blättern würden. In diesem Jahr sei die Blüte bei fast allen Baumarten sehr ausgeprägt gewesen, und weil es, wie in vielen Jahren zuvor, keinen Frost gegeben habe und der März noch feucht gewesen sei, habe es bis April hervorragende Bedingungen für das Wachstum der Früchte gegeben.

          Natürlich landen längst nicht alle Eicheln in der Darre, das Volumen der Eichelernte hängt auch von der Nachfrage ab. Aus einem Kilogramm können etwa 100 Bäumchen gezogen werden. Der Bedarf ist Schaefer zufolge derzeit sehr hoch, da sich die Eiche als robust in der Trockenheit und daher für die Aufforstung von heiklen Flächen als besonders geeignet erwiesen hat. Vor allem in Nordhessen, wo viele Fichten von Stürmen gefällt wurden und der Borkenkäfer die Baumbestände gelichtet hat, sind die Eichen als Nachwuchs willkommen.

          Die Fülle an Eicheln hat laut Schaefer aber auch einen Nachteil, denn sie sind das Lieblingsfutter der Wildschweine. Deren Tafel ist jetzt überreich gedeckt, so dass die seit langem schon zu große Population weiter wachsen wird. Selbst wenn es einen sehr harten Winter geben sollte, können die gut genährten Schweine eine Kälteperiode locker überstehen. Gut im Futter stehen im Gebiet des Forstamts Hanau sämtliche Wildtiere, auch die Eichhörnchen. Es gibt hitzebedingt zwar nur wenige Bucheckern, doch können sich die Tiere mit den massenhaft vorhandenen Eicheln einen mehr als ausreichenden Wintervorrat anlegen, wie Schaefer sagt.

          Folgt der finanzielle Ertrag?

          Gut gedeihen konnte in diesem Sommer die Weißtanne. Der Nadelbaum ist dabei, die anfällige Fichte, die unter dem Dürresommer gewaltig gelitten hat, zu ersetzen. Zu Beginn der Hitzewelle machte man sich im Forstamt noch Sorgen, ob die Samen in den Zapfen vertrocknen würden. Doch das war nicht der Fall, die Zapfen wurden nur früher braun als gewöhnlich. Die Ernteprofis kletterten schon Anfang August in die Wipfel der Weißtannen, nachdem die Bäume vier Monate ohne Niederschlag ausgekommen waren.

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          Schließlich war die Ernte ergiebig: Mit rund elf Tonnen verspricht sie den größten bisher erzielten Ertrag, sagt der Forstamtsleiter. Allzu lange werde ihr Samen allerdings noch nicht geerntet, so dass es nicht viele Vergleichszahlen gebe. Mittlerweile sei die Nachfrage enorm, da der Markt Nadelholz verlange und die Fichte weitgehend ausfalle. Die Douglasie gewinnt ebenfalls an Bedeutung. Acht Tonnen Zapfen umfasst die diesjährige Ernte, was 800 Kilogramm Samen entspricht. Je Kilogramm können bis zu 20.000 Jungpflanzen entstehen. Nun gebe es einen Vorrat für viele Jahre, sagt Schaefer.

          Zufrieden sind die Mitarbeiter der Staatsdarre auch mit dem Ertrag der Wildkirsche, die nur alle paar Jahre geerntet wird. Dafür bringt der Baum doppelten Gewinn. Zum einen geht es bei der Ernte um die Kerne zur Vermehrung, zum anderen um das Fruchtfleisch, das die regionalen Brennereien gern zur Schnapsherstellung abnehmen. In der Wirtschaftsbilanz der Samendarre werden sich die Rekordmengen in diesem Jahr noch nicht bemerkbar machen, denn die Verarbeitung der großen Mengen erforderte unter anderem einen hohen Personalaufwand. Doch in ein, zwei Jahren wird sich Schaefers Meinung nach die Mühe auch finanziell gelohnt haben.

           

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