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Eichborn : In der Marke steckt noch viel Sympathie

  • -Aktualisiert am

Vom Main an den Rhein: Felix Rudloff leitet den Eichborn-Verlag unter dem Dach von Bastei Lübbe. Bild: Schoepal, Edgar

Felix Rudloff war 18 Jahre bei S. Fischer. Jetzt will er Eichborn reanimieren. Und glaubt an den Erfolg.

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          Felix Rudloff strotzt vor Optimismus. Seit vier Monaten leitet er den Eichborn-Verlag - freilich nicht mehr im Frankfurter Bahnhofsviertel, sondern in der Kölner Schanzenstraße, wo der Bastei Lübbe Verlag, der Eichborn gekauft hat, sein Domizil in einer ehemaligen Kabelfabrik gefunden hat. Beide Gegenden, die um den Frankfurter Hauptbahnhof und die im Ausländerviertel Köln-Mühlheim, haben ihre Gemeinsamkeiten. Positiv ausgedrückt, bilden sie in ihrer rauen Urbanität vielleicht nicht den schlechtesten Humus für Kreativität. Das Fabrikensemble in Köln erinnert Rudloff ein bisschen an die Aufbruchstimmung in der Hanauer Landstraße. Auch der S. Fischer Verlag in der Frankfurter Hedderichstraße residiert ja wie Lübbe in einer ehemaligen Fabrik, der schön hergerichteten ehemaligen Schriftgießerei Stempel AG.

          Hier bei S. Fischer hat Felix Rudloff die ersten achtzehn Jahre seines Berufslebens verbracht. Als Auszubildender hat er angefangen, als Programmleiter Populäres Sachbuch der Verlage Fischer Taschenbuch, Scherz und Krüger seinen Abschied genommen. Er schwärmt noch heute von seinen Jahren in der Hedderichstraße. Sein Abgang, gekrönt von zwei Bestsellern, geschah überhaupt nicht im Zorn, sagt er. Der immer noch jungenhaft wirkende Vater zweier Kinder war lediglich an die Schwelle des vierzigsten Geburtstages gestoßen, der für so viele Anlass ist, dem Berufsleben eine Wende zu geben. Er hatte eigentlich etwas ganz anderes im Sinn, aber das Gespräch mit Stefan Lübbe, einem der wenigen Deutschen, die ihren eigenen Verlag leiten, machte ihm Lust auf Eichborn. Und auf diesen Verlag Bastei Lübbe, der für Groschenhefte ebenso steht wie für die zeitgemäße Vermarktung von Umsatzträgern wie Ken Follett, Dan Brown, Kerstin Gier und Rebecca Gablé. Aus dem spießigen Bergisch Gladbach ist Bastei Lübbe vor wenigen Jahren nach Köln umgezogen, auch das ein Signal des Aufbruchs.

          Was hat er vor, der neue Verlagsleiter?

          Felix Rudloff hat sich aber nicht nur für Bastei Lübbe begeistern lassen, sondern auch für Eichborn. Gewiss, der Verlag hat harte Zeiten hinter sich, war als Aktiengesellschaft bis auf den Penny Stock abgemagert, musste Leute entlassen, wurde insolvent. Aber was Rudloff schon bei der Veröffentlichung seines Wechsel zu Eichborn und dann in den ersten Monaten seines neuen Jobs gemerkt hat: Die Marke „Eichborn“ ist noch immer vital. Und Publikum und Branche bringen ihr viel Sympathie entgegen.

          Was hat er vor, der neue Verlagsleiter? Zunächst fühlt er sich geborgen vom Schutzmantel des großen Bastei Lübbe Verlags, der seine Vertriebsmacht, seine Verlagsvertreter und die zentralen Dienste dem zugekauften Eichborn-Verlag zur Verfügung stellt. Über seine konkreten Vorhaben will er nur so viel verraten, das im September ein Titel herauskommen wird, über den die Öffentlichkeit sprechen - und schreiben und senden - soll. Im Verlagsprospekt wird das Buch jedenfalls mit appetitanregenden Sätzen angekündigt: „Es ist grotesk. Es ist unverschämt. Es ist das Aufregerbuch des Jahres.“

          Nicht auf Genreverlegerei einlassen

          Dass Eichborn mit einer solchen Provokation auf sich aufmerksam machen möchte, kommt nicht von Ungefähr: Felix Rudloff will programmatisch an das anknüpfen, was den Verlag mit der Fliege so bekannt und bis heute in seinem Markenkern erkennbar gemacht hat: freundliche Unverschämtheit, Pfiffigkeit, Überraschung. Unverändert bleibt die Fliege auf den Schutzumschlägen das Erkennungssymbol des Verlags.

          Auf Genreverlegerei, etwa auf das Herausgeben von Krimis oder Frauenunterhaltung, will sich Rudloff nicht einlassen, das können andere besser (zum Beispiel Bastei Lübbe). Aber gute Belletristik (der Lektor dafür ist bereits ausgesucht) und intelligente Ratgeber wie einst die Eichborn-Hits „Aldidente“ oder „Wie man dem Staat in die Tasche langt“ sind vorgesehen. Auch auf die sogenannte Backlist kann der Verlag zurückgreifen, fast 600 Eichborn-Titel sind noch lieferbar, die im Rahmen des Vertriebsvertrags mit dem Insolvenzverwalter verkauft werden. Unter den zehn Toptiteln finden sich Novitäten wie die Stories von James Franco („Palo Alto“) und das Sachbuch „Bodenrausch“ von Wilfried Bommert über die globale Jagd nach Ackerland, aber auch Humorbücher wie „Das Klo-Gästebuch“ oder das Wörterbuch „Deutsch-Sächsisch“.

          Fünf Mitarbeiter aus Frankfurt sind mitgekommen

          Der einst so stolze Eichborn-Verlag, der 1980 vom ehemaligen Taschenbuchlektor des Fischer-Verlags Vito von Eichborn gegründet worden war, der die renommierte (aber unlukrative) „Andere Bibliothek“ Hans Magnus Enzensbergers herausgab und in seinen besten Jahren gut 100 Mitarbeiter beschäftigte, setzt sich heute zunächst bescheidene Ziele. Der für das kommende Geschäftsjahr unter dem Dach von Lübbe geplante Umsatz liegt gerade einmal bei 3,5 Millionen Euro.

          Und es steckt immerhin noch ein bisschen Frankfurt in Köln-Mühlheim. Fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Frankfurter Eichborn-Verlag sind nun auch in der Domstadt tätig; zwei für Verträge und Lizenzen, drei im Programm. Schließlich kommt mit Rudloff nicht nur der neue Verlagsleiter aus Frankfurt, auch Bodo Horn-Rumold, Mitglied der Lübbe-Geschäftsführung, verbindet als ehemaliger Eichborn-Vertriebsleiter eine emotionale Nabelschnur mit Frankfurt.

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