https://www.faz.net/-gzg-9ilpv

Ehrung von jungen Handwerkern : Vom Scheitel bis zur Sohle

Familienbetrieb im Bahnhofsviertel: Schuhmachermeister Alexander Dohn Bild: Marcus Kaufhold

276 junge Handwerker erhalten heute in der Paulskirche ihre Meisterbriefe, darunter die Friseurin Nina Knezevic und Schuhmacher Alexander Dohn. Ohne Umwege ging es für sie beide aber nicht.

          3 Min.

          Im Leben ist sie nicht sehr weit gekommen, sagt Nina Knezevic und muss selbst darüber lachen. Ganz genau sind es 600 Meter, einmal vom Markus Krankenhaus, in dem die Frankfurterin geboren wurde, bis zum Salon „Haargenau“ an der Ginnheimer Landstraße. Dort hatte sie schon ihre Ausbildung zur Friseurin gemacht – und irgendwie immer bleiben wollen. Davon abgesehen, stimmt an dem Satz natürlich nichts. Das bekommt sie an diesem Samstag schriftlich, wenn die Handwerkskammer Frankfurt in der Paulskirche Urkunden an 276 Jungmeister verteilt. Eine von ihnen bescheinigt Nina Knezevic, dass sie fortan eine Meisterin ihres Friseurfaches ist.

          Ihren Bruder wird sie bei der Feier dabei haben. Wäre er nicht gewesen, sie hätte den Meister wohl nicht gemacht, sagt sie. Ohne den Titel ist eigener Laden und die Selbständigkeit aber nicht möglich. Wie in knapp der Hälfte der Handwerksberufe gilt auch für Friseure weiterhin die Meisterpflicht.

          Nie der Plan gewesen

          Ein eigener Laden sei ja nie ihr Plan gewesen, erzählt sie. Wozu also die hohen Kosten für die Meisterurkunde stemmen? 3.500 Euro habe allein der Lehrgang gekostet, nochmal 500 Euro kamen für Puppenköpfe dazu, an denen sie üben sollte. Dass sie sich irgendwann trotzdem zum Kurs angemeldet hat, verdanke sie, neben der Beharrlichkeit ihres Bruders, einer Kombination aus staatlicher Förderung und Darlehen: Mit dem Meister-Bafög konnte sie die hohen Kosten tragen.

          Elf Monate lang nahm die 35 Jahre alte Friseurin wieder auf der Lehrbank Platz. An vier Tagen pro Woche ist Knezevic nach der Arbeit im Salon nicht nach Hause, sondern in die Abendschule gefahren. Lernen bis zehn Uhr abends. Die Unterrichtszeiten seien für einen Nachtmenschen wie sie kein Problem gewesen. Dennoch, „das Jahr war anstrengend“, sagt sie. Prüfungen musste sie zuletzt in der Berufsschule als Lehrling bestehen, was neun Jahre her ist. Dass sie den Lernstoff zwischen Vollzeitjob und Abendschule einfach vergisst, davor hatte sie große Angst – unberechtigte, wie sie heute weiß. Zwischen Waschen, Schneiden und Föhnen fragte ihre Kollegin sie zuverlässig ab. Mit ihren Kunden, von denen viele Studenten seien, tauschte sie sich über Lernstrategien aus.

          Einfach nicht das richtige

          Fast wäre sie aber gar nicht in dem Beruf gelandet, den sie eigentlich immer machen wollte. Schon als Teenager frisiert sie zwar alle ihre Freunde. Als es aber darum geht, die berufliche Laufbahn zu planen, entscheidet sie sich um und beginnt eine Ausbildung zur Arzthelferin. Sechs Monate hält sie aus, dann kündigt sie. Die Gewissheit, dass das hier einfach nicht das richtige ist, wurde zu groß.

          Schnittig: Nina Knezevic im Salon „Haargenau“in Ginnheim

          Fragt man sie, warum sie ihrem eigentlichen Wunsch nicht gleich gefolgt sei, legt sie den Kopf in den Nacken und überlegt. Viele in ihrer Familie hätten studiert, sagt sie schließlich, und in ihrem Umfeld fanden sich genügend Leute, die ihr den Friseurberuf ausreden wollten. Den ganzen Tag stehen, schwer arbeiten und am Ende schlecht bezahlt werden. Arzthelferin dagegen sei ein angesehener Beruf, und dass sie damals eben jung war und sich von den gutgemeinten Stimmen beeinflussen ließ. Dass sie ab sofort selbst junge Menschen ausbilden darf, die sich bewusst für ihr Handwerk entscheiden, freut sie umso mehr. „Handwerk muss man mit Herz machen, sonst kommt man nicht bis zur Rente“, sagt Knezevic. Sie ist, nach langen Umwegen, angekommen.

          Klassische Handwerker-Laufbahn

          Bei dem 27 Jahre alten Alexander Dohn war das nicht anders, auch wenn in seiner Biografie zunächst alles auf eine klassische Handwerker-Laufbahn hindeutet: Für den Jungmeister ist klar, dass er einmal den Familienbetrieb seines Vaters übernehmen will, die Schuhmacherei Lenz im Frankfurter Bahnhofsviertel. Als Kind verbringt er gerne Zeit in der Werkstatt. Als der Vater ihm jedoch in der zehnten Klasse einen Ausbildungsvertrag über den Tisch schiebt, überlegt er es sich anders, macht Abitur, leistet Wehrdienst bei der Bundeswehr und schreibt sich an der Uni für ein Architekturstudium ein. Als er schließlich seine Lehre doch noch im Familienbetrieb beginnt, ist er schon 21 Jahre alt.

          „Ich hab schnell gemerkt, dass ich etwas handwerkliches machen und den Kontakt zu Kunden haben möchte.“ Was dieser Satz konkret bedeutet, kann derjenige erahnen, der mit Alexander Dohn über Schuhe spricht. Über seine ledernen Budapester, schwarz, genäht, mit aufwendigen Lochverzierungen etwa. Oder über die vierzig Stunden und unzähligen Arbeitsschritte, die er in einen Maßschuh investiert. Wenn ein Kunde glücklich seinen Laden verlässt, nur weil Dohn ihm die Schnürsenkel wieder richtig eingezogen hat, freue er sich nicht weniger, sagt er. Selbst während des Gesprächs hört er nie ganz damit auf, einen Stiefel auf seine neuen Sohlen vorzubereiten. Stück für Stück befreit er ihn von den ausgedienten Nähten. Über ihm hängen die hölzernen Leisten wie eine Kette kleiner Andenken, an die Schuhe, die er in seiner Werkstatt schon gefertigt hat.

          Für Schuhmacher gilt seit 2004 keine Meisterpflicht mehr, Dohn hätte das Geschäft daher ohne den Titel weiterführen und sich die fünfstelligen Kosten für Lehrgang, Bücher und Materialien sparen können. Die zweijährige Weiterbildung seines Gewerks hat er an der Handwerkskammer mit nur drei anderen Schülern abgeschlossen. Für ihn sei der Abschluss aber ein „Qualitätsgarant“ und eine Tradition, die er fortschreiben wolle.

          Wie Nina Knezevic freut er sich, sein Wissen mit der Meisterehrung an die nächste Handwerksgeneration weitergeben zu dürfen, die eigentlich gar nicht so viel jünger ist als er. Angefangen bei dem Wissen, wie Schuhe repariert statt weggeworfen werden, bis zu dem, was Handwerk ganz buchstäblich bedeutet: etwas Schönes, Praktisches, Gutes ganz ohne jede Maschine fertigen zu können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das britische Unterhaus am Dienstag Abend

          Johnson-Zeitplan abgelehnt : Brexit zum 31.Oktober nahezu ausgeschlossen

          Das britische Parlament hat den Gesetzesrahmen für den Brexit-Deal im Grundsatz gebilligt. Unmittelbar nach diesem Zwischenerfolg lehnte das Unterhaus jedoch den Zeitplan von Boris Johnson ab. EU-Ratspräsident Tust will eine Verlängerung der Brexit-Frist empfehlen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.
          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.