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„Ehrenmord“ in Darmstadt : Glaube, Liebe, Schmerz

„Mit dem Islam ist, wie auch mit allen anderen Religionen, ein Kindesmord oder ,Ehrenmord‘ nicht begründbar“, sagt Zafar Khan von der Frankfurter Gemeinde. Bild: Getty

Eine junge Frau pakistanischer Herkunft wird vom eigenen Vater umgebracht, weil sie den falschen Mann heiraten wollte. Wäre dieser „Ehrenmord“ zu verhindern gewesen?

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          Die Leiche wurde an einem Parkplatz gefunden. Nur wenige Kilometer von der Wohnung in Darmstadt-Kranichstein entfernt. Der tote Körper lag in einer Böschung, als habe man Lareeb K. einfach aus dem Auto herausgestoßen. Dass es die eigenen Eltern gewesen sein sollen, die ihre Tochter töteten und dann ihre Leiche in einem Rollstuhl der Großmutter bis zum Auto abtransportierten, um sie schließlich auf dem Waldparkplatz abzuladen, war schon wenige Stunden nach der Tat mehr als ein bloßer Verdacht.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Alle wussten, dass es Streit gegeben hatte in der pakistanischen Familie. Familienangehörige, Nachbarn, Bekannte, und auch Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde. Vor allem aber wusste es der Freund von Lareeb K. Ein junger Pakistaner, den die 19 Jahre alte Berufsschülerin heiraten wollte und den die Eltern nicht bereit waren zu akzeptieren. Der Fall aus Darmstadt ist der jüngste einer ganzen Reihe von sogenannten Ehrenmorden, die sich in den vergangenen Jahren in Hessen zugetragen haben. Und zugleich ist er einer der tragischsten. Demnächst wird Anklage erhoben. Den Eltern wird die gemeinschaftliche Tötung ihrer Tochter vorgeworfen. Rein juristisch gesehen, ist es ein Mord aus niedrigen Beweggründen. Jenseits der rechtlichen Aufarbeitung hat der Fall eine besondere menschliche und gesellschaftliche Ebene. Die Ermordung von Lareeb K. war möglicherweise vorauszusehen. Und doch gelang es nicht, sie zu verhindern.

          Mitglieder der Gemeinde sind entsetzt

          Schon Wochen vor der Tat versuchten Vertreter der Ahmadiyya-Zentrale in Frankfurt, zwischen Vater und Tochter zu vermitteln, auch ein Imam. Selbst der Bundesvorsitzende Abdullah Uwe Wagishauser hatte sich bei den Eltern dafür eingesetzt, dass die Tochter ihren Freund heiraten kann. Zunächst gab es auch Fortschritte, jedenfalls hatte es den Anschein. Der Vater, erinnert sich der Sprecher der Frankfurter Gemeinde, Zafar Khan, habe eingewilligt, sich nicht mehr in die Eheangelegenheit seiner Tochter einzumischen. „Doch der Vater hat alle angelogen“, sagt der Sprecher. Es war am Abend des 27. Januar 2015, als der Einundfünfzigjährige seine Tochter, wie er zugab, erwürgte. Mit dabei soll die Mutter gewesen sein, die offenbar nicht nur von der Tat wusste, sondern auch half, die Leiche aus der Wohnung zu bringen, in das Naherholungsgebiet am Steinbrücker Teich.

          Noch immer sind die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde entsetzt. Denn der Fall, sagen sie, geht ihnen noch näher als jener, der sich vor einigen Jahren in Norddeutschland unter Ahmadi-Muslimen zugetragen hat. Ein Pakistaner hatte seine 20 Jahre alte Tochter und deren Mann erstochen, weil er mit der heimlich geschlossenen Ehe nicht einverstanden war. Über diese Familie hat die örtliche Gemeinde offenbar nicht viel gewusst. Anders ist es in Darmstadt. Lareeb K. und ihre Eltern waren in der Gemeinde aktiv.

          Die Publizistin Khola Maryam Hübsch, ebenfalls ein Mitglied der Ahmadiyya, sieht dennoch Gemeinsamkeiten. Sie sagt: „Was man in beiden Fällen nicht leugnen kann: Heimische, kulturelle Traditionen haben einen größeren Einfluss als gedacht.“

          Kind müsse dem Vater absolut gehorchen

          In jenen Traditionen, zumal solchen aus entlegenen Gegenden Pakistans, und nicht im Islam, sieht auch der Ahmadiyya-Bundesvorsitzende Wagishauser die Wurzel für sogenannte Ehrenmorde. Ein Großteil der Gemeindemitglieder stammt aus Pakistan oder hat dort seine Wurzeln. Die Ahmadiyya-Gemeinschaft, die sich als islamische Reformgemeinde versteht, wurde 1889 im Norden des heutigen Indien gegründet und hat sich weltweit verbreitet. In Hessen ist die wertkonservative Gemeinschaft Partner des Landes bei der Erteilung von islamischem Religionsunterricht an Grundschulen. Der Prophet Mohammed steht nach den Worten Wagishausers für Respekt vor Kindern. „Mit dem Islam ist, wie auch mit allen anderen Religionen, ein Kindesmord oder ,Ehrenmord‘ nicht begründbar“, sagt Gemeindesprecher Khan.

          Ähnlich formuliert das der in Weinheim ansässige Verein Peri, der unter familiärer Gewalt leidende Migrantinnen unterstützt. Jährlich melden sich 80 bis 100 Frauen bei dem Verein. „Ich sage nicht, dass der Islam zu ,Ehrenmord‘ auffordert“, sagt die zweite Vorsitzende Brigitta Biehl. Gleichwohl gelte in muslimischen Familien, dass ein Kind den Eltern, vor allem dem Vater, absolut gehorchen müsse, die Strafe für Ungehorsam hänge dann von einzelnen Traditionen ab. Und man werde „niemanden finden, der es toll findet, diesen Erziehungsmaßstab zu verändern“.

          Zwangsehen seien im Islam illegitim

          Genau daran aber scheint die Ahmadiyya-Gemeinde zu arbeiten. Wie Wagishauser und Hübsch berichten, war die Kindererziehung bei der jüngsten, größten Jahresversammlung der Ahmadiyyas ein wichtiges Thema. Zur „Jalsa Salana“ mit dem Kalifen, dem religiösen Oberhaupt, waren am vergangenen Wochenende rund 33.000 Gläubige in Karlsruhe zusammengekommen. „Es wurde aus den Quellen des Islam dargelegt, dass Eltern Vertrauen in ihre Kinder setzen und nicht als Autoritätspersonen agieren sollen“, sagt Wagishauser. Als wichtig erachtet Hübsch auch die Ansprache des Kalifen vor den versammelten Frauen: „Er hat die Rechte junger Frauen gegen patriarchale Erziehungsmethoden gestärkt.“ Dennoch zeigt der Darmstädter Fall, dass die religiöse Theorie mit dem, wie Familien ihre Rollenverteilung ausleben, mitunter wenig zu tun hat.

          Wenn es um eine Hochzeit geht, ist es Hübsch zufolge gängige Praxis, dass Verwandte oder Freunde Heiratswillige einander vorschlagen. So sei es in islamischen Communities üblich, Zwangsehen seien im Islam aber illegitim. Gemeindesprecher Khan sagt es so: „Bei der islamischen Ehe müssen beide Partner frei zustimmen und eine Ehe wollen, in der beide gleichwertig sind. Die Heirat ist eine Angelegenheit der heiratenden Kinder und sonst von niemandem.“ Möglichen Zwangsehen will die Gemeinde nicht zuletzt mit Gesprächen zwischen dem Imam und den künftigen Ehepaaren vorbeugen.

          „Ehrenmorde“ besonders unmoralisch

          Eine so klare Positionierung gibt es nicht in allen Gemeinden. Das registriert auch die Polizei, die sich seit Jahren verstärkt mit dem Phänomen Ehrenmord befasst. Eine 2011 vom Bundeskriminalamt und dem Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht veröffentlichte Studie gilt als bisher umfangreichste Untersuchung. Die Kriminologen Dietrich Oberwittler und Julia Kasselt haben „ehrbezogene Tötungsdelikte in Familien und Partnerschaften zwischen 1996 und 2005“ untersucht. Sie beschreiben mehr als 70 solcher Verbrechen.

          Für die Justiz gelten diese Fälle als Herausforderung. Denn die Frage, wie die Taten zu bestrafen sind, stellt sich in jedem Fall anders. Der Bundesgerichtshof hatte zwar festgestellt, dass Ehrenmorde grundsätzlich als Mord aus niedrigen Beweggründen einzuordnen sind, weil die Tötung eines Menschen zur „Wiederherstellung der Ehre“, moralisch gesehen, besonders verwerflich ist. Dennoch gibt es Diskrepanzen vor allem in der Frage, ob der Täter die besondere Schwere der Schuld auf sich geladen hat und damit eine lebenslange Freiheitsstrafe nicht schon nach 15 Jahren zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

          Zeugen verweigern häufig die Aussage

          Erst im vergangenen Jahr hatte das Wiesbadener Landgericht den Deutsch-Afghanen Isa S. wegen Mordes an seiner damals schwangeren Freundin verurteilt, aber keine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Der Vorsitzende Richter begründete das damit, dass sich der Angeklagte „aufgrund seiner kulturellen und religiösen Herkunft in einer Zwangslage befunden“ habe. Im hessischen Justizministerium jedoch heißt es, es gebe keinen „Islam-Rabatt“. Kulturelle Zwangslagen als Rechtfertigung für zum Teil schwerste Verbrechen würden vor deutschen Gerichten nicht akzeptiert. Vielmehr stünden Strafverfolgungsbehörden vor der Schwierigkeit, überhaupt an verwertbare Aussagen zu kommen. „Gerade wenn es sich um Straftaten im großfamiliären Bereich handelt, ist dies oft nicht leicht“, sagt René Brosius-Linke, Sprecher im hessischen Justizministerium. „Solche Beziehungsstrukturen können dazu führen, dass Zeugen und Opfer keine Aussage vor Gericht machen oder bereits getätigte Aussagen zurücknehmen.“ Bei entsprechenden Anzeichen versuche man dagegen vorzugehen „Denn wir wollen nicht, dass das Schweigen der Opfer oder Zeugen zur Waffe der Täter im Prozess wird.“

          Diese Erfahrung macht auch die Polizei. Schon zu Beginn der Ermittlungen beleuchten sie die Familienstrukturen und mögliche religiös-kulturelle Hintergründe. Die Schwierigkeit liege darin, „die einzelnen Beteiligungen der Familienmitglieder zu eruieren“, sagt eine Fallermittlerin, die sich an der Polizeiakademie Hessen mit Ehrenmorden befasst. „Eine solche Tat wird eher nicht im Affekt begangen, sondern häufig in der Familie geplant und entschieden.“ Die Bereitschaft von Familienmitgliedern, gegenüber der Polizei auszusagen, sei „meistens sehr wenig ausgeprägt“, die Polizei stoße „auf eine Mauer des Schweigens“.

          Dahinter steckt oft ein starkes Patriarchat

          Probleme macht oft schon die Spurensicherung. Es gebe Ehrenmorde, „bei denen die Tatausführung darauf angelegt wird, es als Unfalltod zu verkaufen“, sagt die Fallermittlerin. Besonders schwierig gestalteten sich Delikte, in denen die Opfer in den Suizid getrieben oder in denen sie ins Ausland gebracht würden, um die Tat zu vertuschen. Die Polizei sei deshalb gefordert, schon bei Vermisstenanzeigen sehr genau hinzusehen und Fragen zu stellen.

          Der Migrationsbeauftragte im hessischen Landeskriminalamt, Necati Benli, spricht von „geschlossenen Systemen“, die in vielen Fällen eine entscheidende Rolle spielten. Ehrenmorde kämen auch in nach außen hin vollkommen integrierten Familien vor. Die Frage sei, wie stark die Kultur innerfamiliär gelebt werde. „Es muss hinterfragt werden, welchen Wertemustern diese Familien unterliegen“, sagt Benli. Wie wird Ehre ausgelegt? „Oft steht hinter diesen Fällen ein starkes Kollektiv, ein Patriarchat. Und nicht zuletzt hat diese Form der Ehrkonflikte oft auch mit der sexuellen Integrität der Frau zu tun.“

          Im Fall von Lareeb K. scheint das so zu sein. Das sieht auch die Ahmadiyya-Gemeinde so. Der Mord an der Darmstädterin hat die schon seit längerem geplante Einführung eines Sorgentelefons für Frauen beschleunigt. Außerdem hat die Zentrale der Ahmadiyya alle Imame zu einer soziologisch-psychologisch fundierten Schulung geladen. Diese sollen demnächst alle Verantwortlichen der Gemeinschaft durchlaufen.

          Als Lareeb K. am 3. Februar beerdigt wird, kommen Hunderte Ahmadiyya-Mitglieder, um zu trauern. „Den Schmerz von Lareeb, den Schmerz ihrer Angehörigen, ihrer Schwester, werden wir immer in uns tragen“, sagt Gemeindesprecher Khan. „Was den Mörder im Diesseits und im Jenseits erwartet, das mag ich mir nicht einmal vorstellen.“

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