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Ehrenamtliche Sexualkunde : Anal, oral - na, egal

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Praxisnah: De Studentinnen Johanna Brandes, Nicole Hänse und Vanessa Howland mit ihrem Anschauungsmaterial für die Sexualkunde Bild: Eilmes, Wolfgang

Mit Sexualkunde tun sich viele Lehrer schwer. Deshalb haben sich Medizinstudenten zusammengetan, um ehrenamtlich Aufklärungsunterricht in Schulen anzubieten.

          Aus der großen Plastiktüte, die die Medizinstudentinnen mitgebracht haben, ziehen die Zehntklässler allerlei Gegenstände, die ihnen die Schamröte ins Gesicht treiben. „Was ist das denn?“, kreischt Hülya und will den massigen Dildo, den sie zu fassen bekommen hat, schnell ihrer Sitznachbarin in die Hand drücken. Doch die ist selbst am Zug und greift ein Paar roter Liebeskugeln. Die Nächste fischt ein Päckchen heraus. „Ich weiß, das ist ’ne Spirale. Für die Verhütung, oder?“ Nicole Hänse nickt. Sie ist eine von vier angehenden Ärztinnen, die an diesem Morgen in die Klasse einer Frankfurter Berufsschule gekommen sind, um den Mädchen Aufklärungsunterricht der unkonventionellen Art zu bieten. Die Lehrer haben währenddessen frei. Mit der „Wundertüte“, deren Inhalt für viel Gelächter sorgt, brechen die Studentinnen spielend das Eis.

          Nicht wenige Erwachsene erinnern sich an den Sexualkundeunterricht als eine steife Angelegenheit: an Lehrer, von deren Fachchinesisch über Eisprung, Progesteron und genetische Varianz man wenig verstand, während auf dem Pausenhof hitzige Diskussionen darüber geführt wurden, was denn eigentlich „französisch“ sei. Aufklärung muss sein, doch sie muss auf Augenhöhe stattfinden und unter jungen Leuten, damit keine Fragen offenbleiben - das ist der Gedanke hinter dem Sexualkundeprojekt „Mit Sicherheit verliebt“, ins Leben gerufen von der Bundesvertretung der Medizinstudenten in Deutschland. In mehreren Universitätsstädten beteiligen sich insgesamt etwa 300 Studierende ehrenamtlich an dem Projekt. Nicole Hänse engagiert sich dort seit zwei Jahren zusammen mit rund 30 weiteren Medizinstudenten der Goethe-Universität.

          Scham siegt über Wissbegierde

          In den dreistündigen Seminaren holt Hänse mit den Jugendlichen nach, was im Schulalltag meist nicht zur Sprache kommt: „Die Lehrer sind Erwachsene und dazu Autoritätspersonen, die die Jugendlichen täglich wiedersehen. Da siegt oft die Scham über die Wissbegierde.“ Weil die Studentinnen Anfang bis Mitte zwanzig und die Schülerinnen zwischen 15 und 19 Jahre alt sind, entsteht schnell Vertrauen, auch wenn manche sich zu Beginn des Workshops noch zieren. Nur ein paar bleiben stumm bis zum Schluss, die meisten lassen sich von Hänse und ihren Kommilitoninnen im Lauf des Vormittags mit einer Reihe von pädagogischen Spielen ermuntern, ungehemmt mitzumachen und ihre Fragen zu stellen.

          Das Klima ist vertraulich: „Wir sagen nichts an die Lehrer weiter“, versichert Marie Hilke, wie Hänse Medizinstudentin in Frankfurt. Ihre Kommilitonin Johanna Brandes ergänzt: „Und es gibt auch garantiert keine Noten. Alles ist erlaubt, und niemand wird ausgelacht.“ Die 16 Jahre alte Mirija hat keine Fragen, wie sie sagt, denn sie wisse schon alles, was man wissen müsse. Lidstrich und Lippenstift sitzen perfekt, hinter ihrem Ohr prangt ein Tattoo. Gut sichtbar nimmt sie während des Workshops die Pille ein. Später, als es darum geht, Synonyme für das Wort Geschlechtsverkehr zu finden, kommt sie allerdings ins Stocken. „Anal, das ist mit dem Mund. Ach nee, oder oral. Na, egal.“ Ficken, sagt Hülya, das sei doch ein Synonym, aber Mirija insistiert: „Also ich finde das Wort asozial, das ist nicht nett.“ Hülya erwidert: „Ficken hat ja auch nichts mit Nettsein zu tun.“

          „Geht zum Gynäkologen“

          Das Projekt sei nicht zuletzt ein Türöffner zu den Jugendlichen, weil es sich spielerisch an ernste Themen wage, erklärt Hänse. Mädchen entwickelten zum Beispiel oft weniger Lust auf Sex als Jungen, weil sie dächten, es den Männern recht machen zu müssen.

          Weil Sex aber nicht nur Spaß macht, sondern mitunter gefährlich werden kann, wenn es etwa um Geschlechtskrankheiten oder das HI-Virus geht, widmen sich die Studentinnen einen guten Teil des Vormittags den Themen Verhütung und Infektionsgefahren. Und sie motivieren die Mädchen, zum Gynäkologen zu gehen. „Man muss sich nicht jedes Mal breitbeinig auf diesen unbequemen Stuhl setzen, ihr könnt auch einfach hingehen und euch informieren“, sagt die angehende Ärztin Vanessa Howland.

          Nach dem Seminar gibt es Lob von den Schülerinnen: Dass die Studentinnen ihre Sprache kennen, sie aufgreifen und offen mit den Pubertierenden über Morgenlatten, Selbstbefriedigung und Orgasmusprobleme sprechen, kommt bei ihnen besser an als der gängige Unterrichtsstoff zum Thema Sexualität. Den könne und wolle das Projekt aber nicht ersetzen, sagt Hänse: „Das Seminar ist ein Baustein für die Aufklärung - und wir kommen den Jugendlichen und ihren Nöten eben besonders nah.“

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