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Jüdischer Friedhof Bad Soden : Wie eine Bibliothek aus Stein

Preisträger: Elisabeth und Sven Hammerbeck Bild: Cornelia Sick

Ehrenamtliche haben dem lange vernachlässigten Jüdischen Friedhof in Bad Soden viele Geschichten entlockt. Dafür wurden sie jetzt ausgezeichnet. Mit dem Preisgeld sollen die Biographien der Verstorbenen niedergeschrieben werden.

          Vor allem die althebräischen Grabinschriften haben Rätsel aufgegeben. Manch ein Besucher des hinter einer alten Mauer und Büschen verborgenen Jüdischen Friedhofs am Rande Bad Sodens versuchte sich mit altphilologischer Bildung an einer Übersetzung – und scheiterte. Fünfmal inserierte das Ehepaar Elisabeth und Sven Hammerbeck vergeblich, bevor in Neu-Isenburg der Schriftkundige Lothar Tetzner gefunden war, der teilweise verwitterten Schriftzeichen die Biographien der Toten entlocken konnte.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Es sei eine Sisyphusarbeit gewesen, sagten Hammerbecks, deren Interessengemeinschaft für ihr Engagement zum Erhalt dieser besonderen Bibliothek und der vielen in Grabsteine gemeißelten Geschichten mit dem Hessischen Ehrenamtspreis geehrt wurde. Welche Herkulesaufgabe auf sie zukommen würde, ahnten Hammerbecks nicht, als sie vor zwei Jahren die Führungen auf dem 13 mal 150 Meter großen Areal an der Niederhofheimer Landstraße von Dietmut Thilenius übernahmen. Denn die Nationalsozialisten hatten auf dem 1873 eröffneten Jüdischen Friedhof in der Pogromnacht ein so großes Chaos angerichtet, dass die Auswirkungen bis zum heutigen Tag zu spüren sind.

          Viele Jahre lang kaum beachtet

          Grabsteine wurden aus der Verankerung gerissen, umgestoßen, zerstört und über die Mauer geworfen. Diesen „polizeiwidrigen Zustand“, so die damalige Ordnungsbehörde, sollte der Vorsteher der Jüdischen Gemeinde Max Grünebaum anschließend auf eigene Kosten beseitigen. Doch er wartete da schon völlig mittellos im Frankfurter Judenhaus auf seine Deportation ins Konzentrationslager, so dass es bei einer lieblosen Sicherung blieb und der heute als hessisches Kulturdenkmal eingestufte Friedhof viele Jahre lang kaum beachtet wurde.

          Unterdessen sind alle Namen der 289 bestatteten Juden, darunter 39 Kinder, ermittelt worden. Weil die Grabinschriften vergänglich sind, verging in den vergangenen zwei Jahren kein Tag, ohne dass der Hobbyfotograf Hammerbeck alle 159 erhaltenen Steine, Stelen und Obelisken fotografierte und die Angaben in die Datenbank des Landesgeschichtlichen Informationssystems Hessen einspeiste. Damit leistete die Interessengemeinschaft auch nach Einschätzung der Hessischen Staatskanzlei einen wichtigen Beitrag für Anfragen zur Familienforschung aus aller Welt.

          Auch Kurgäste wurden hier begraben

          Denn nicht nur jüdische Bürger aus Bad Soden, Hofheim, Hattersheim, Höchst, Unterliederbach und Okriftel wurden laut Hammerbeck dort bis 1938 begraben. Unter den Toten seien auch 56 Kurgäste aus aller Welt. Denn in Bad Soden gab es eine Kuranstalt für arme Israeliten, die Baron Wilhelm Carl von Rothschild gegründet hatte. Viele der Kranken seien an Tuberkulose gestorben und mussten nach jüdischem Ritus innerhalb von 24 Stunden begraben werden.

          Viele Jahre lang kaum beachtet: der Jüdische Friedhof in Bad Soden

          Darunter war auch jener im Jahr 1924 gestorbene Solomon Shure aus London, dessen Biographie der thorakundige Tetzner erst jüngst ihre Geheimnisse entlockte. Die Übersetzungen seien besonders schwer, da das Althebräische allein aus Konsonanten bestehe, weshalb der Sinn sich nur dann erschließe, wenn man viel über jüdische Geschichte, Metaphern und Religion wisse, erläutert Elisabeth Hammerbeck.

          Steine verraten abenteuerliche Lebensgeschichten

          Die hebräische Grabinschrift beschreibt Shure als Mann, „der die Stämme der Zedern des Libanon bewachte“ – diese Formulierung stehe für Reichtum und Geld. Tatsächlich war Shure im britischen Schatzamt in London tätig. Die jüdischen Gemeindepriester, die in Bad Soden begraben liegen, seien dagegen leicht an den aneinanderliegenden Händen über den Grabinschriften zu erkennen. Auch die Bedeutung der Schabbat-Lampe, die den Grabstein von Clara Weinreb, Frau eines Höchster Schokoladengeschäftsbesitzers, ziert, stehe für eine tüchtige Hausfrau, die fromm den Lichtersegen zum Sabbat ausgesprochen habe.

          In regelmäßigen Führungen berichten Hammerbecks über die teilweise verwobenen, abenteuerlichen Lebensgeschichten, die ihnen die Steine verraten haben. Diese Veranstaltungen erfreuen sich größter Beliebtheit, weshalb im nächsten Jahr die jüdische Putzmacherin Jenny Lippmann samt einem nervigen Kurgast aus dem Jahr 1914 in Gestalt des Bad Sodener Ehepaars wiederauferstehen wird, das dann auf einem Spaziergang viel über jüdisches Leben in Bad Soden erzählen wird.

          Die 2500 Euro Prämie des Ehrenamtspreises soll zudem als Grundstock für eine Buchausgabe mit den Biographien der jüdischen Verstorbenen dienen. Gerade heute sei es wieder wichtig, sich gegen Judenhass und Rassismus zu engagieren, betont das Ehepaar Hammerbeck.

          Jüdischer Friedhof Bad Soden

          Am Freitag, 26.Oktober, hält der Projektleiter der Lagis-Datenbank, Stefan Aumann, um 18 Uhr im Badehaus im Alten Kurpark, Königsteiner Straße 86, einen Vortrag „Der Jüdische Friedhof Bad Soden am Taunus geht Online!“.

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