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Edelbordell am Frankfurter Kettenhofweg : Verbrechen in stilvollem Ambiente

  • -Aktualisiert am

Die Tat, sechs Morde und der Raub von mehr als 20.000 Mark und einigem Schmuck, erschien zunächst derart schwierig zu realisieren, dass sie keinem Einzeltäter zugetraut wurde. Jedoch haben Ermittlungsbehörden und Justiz am Ende nicht den Hauch eines Beweises dafür gefunden, was in den ersten Tagen und Wochen nach dem spektakulären Serienmord landauf, landab vermutet wurde: klassische Tat der „Russenmafia“, bedenkenlos, eiskalt, geradezu militärisch knapp und präzise ins Werk gesetzt.

Das Rätsel um Sofia Berwald

Das Haus am Kettenhofweg war seit Jahren ein Bordell, ein offenbar äußerst erfolgreicher Betrieb. Zu erfolgreich? Beneidet von der Konkurrenz? Bartos flog seine in Ländern des gerade untergegangenen Ostblocks rekrutierten Prostituierten in seinem Privatflugzeug zum Bedarfsflugplatz Egelsbach. Er war dort gern gesehen, hatte eine Piper Arrow dort stationiert und war oft in Begleitung „netter, sexy angezogener junger Frauen“, wie zu vernehmen war. In Budapest stand eine zweite Maschine, eine Cessna 401, zur Verfügung des Lustluftkutschers Bartos.

Ein eiskalter Killer? Eugen Berwald (mit Sonnenbrille) gab vor Gericht der Legende von der Russenmafia Nahrung, überzeugte die Richter aber nicht.
Ein eiskalter Killer? Eugen Berwald (mit Sonnenbrille) gab vor Gericht der Legende von der Russenmafia Nahrung, überzeugte die Richter aber nicht. : Bild: Foto Helmut Fricke

Bei Entdeckung der Morde schien zunächst klar, irgendwie hatte Bartos es wohl übertrieben und war Mächtigen ins Gehege geraten. Aus dem Bundeskriminalamt sickerten schaurig-süffige Geschichten von der „Handschrift“ skrupelloser Russenbanden, die dutzendfach zwischen „Kempten und Kiel“ aktiv seien. Von angeblichen Tauschgeschäften mit West-Limousinen gegen Ost-Mädels war zu lesen. „Der Iwan ist da“, hieß es.

Die revisionsfeste Wahrheit, die nach 30 Prozesstagen mit 50 Zeugen und zehn Sachverständigen festgestellt wurde, ist einerseits überzeugend einfach, enthält aber doch mindestens ein Rätsel. Sofia Berwald, die als Prostituierte im Kettenhofweg tätig war, fertigte ihrem Ehemann Eugen Skizzen vom Haus mit den verschiedenen Betriebsräumen, von der Wohnung Bartos und dem Souterrain. Geplant war wohl, Geld und Wertgegenstände aus dem Haus zu stehlen. Der Täter fesselte und knebelte Ingrid Bartos und die Russinnen, um freie Bahn für seinen Raubzug zu haben, wurde aber von Gabor Bartos überrascht, der den Hund ausgeführt hatte. Er tötete ihn und anschließend alle anderen möglichen Zeugen.

Eines blieb jedoch ungeklärt

Da die zeitweise Tätigkeit Sofia Berwalds als Prostituierte im Kettenhofweg ebenso bekannt war wie ihr Aufenthalt in einem Heim für Spätaussiedler im Allgäu zur Tatzeit, wurde das Ehepaar bald festgenommen. Wegen des noch akuten Mafia-Verdachts traten 70 Mann eines Sondereinsatzkommandos an. Eugen hatte die goldene Armbanduhr, die er Bartos geraubt hatte, am Handgelenk, zudem besaß er Kabel, die er für die Morde als Drosselwerkzeug benutzt hatte. Zahlreiche weitere kriminaltechnische Untersuchungen überführten Berwald als Alleintäter.

Auch die Rolle seiner Frau Sofia blieb rätselhaft.
Auch die Rolle seiner Frau Sofia blieb rätselhaft. : Bild: Foto Helmut Fricke

Die Schwurgerichtskammer bezeichnete seine Prozesserklärung, in der er die These von der Russenmafia aufgegriffen und ausgeschmückt hatte, als in sich unglaubwürdig und ohne jeden Zweifel widerlegt.

Nicht geklärt ist allerdings, welche psychische Konstitution es diesem Täter ermöglicht hat, sechs Menschenleben eigenhändig und in einem mit Sicherheit jedesmal qualvollen Akt des Tötens auszulöschen. Der seinerzeit mit Berwald befasste Gerichtspsychiater schien von dessen angeblich faszinierendem Interesse für klassische russische Literatur derart angetan, dass er Zweifel an der Alleintäterschaft eines solchen Feingeistes anmeldete, sie allerdings nicht begründete. Das Urteil ist auf die Expertise nicht eingegangen, hat Spur um Spur untersucht und ist zu dem Ergebnis gelangt: Der Angeklagte war der Täter, nur er und nur er allein.

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