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Recycling : Wie aus Plastikmüll Benzin und Diesel wird

140.000 Tonnen Plastikmüll sollen pro Jahr in der Anlage verarbeitet werden. Bild: dpa

Fahren mit weggeworfenen Verpackungen: Das Unternehmen Ecogy will aus Plastikabfall Treibstoff herstellen. Im Main-Kinzig-Kreis soll dafür eine neue Anlage entstehen.

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          Das neue Unternehmen Ecogy will sich im Main-Kinzig-Kreis niederlassen und dort aus Verpackungsmüll Treibstoffe gewinnen. Die geplante Anlage wird mit Reststoffen aus der gelben Tonne beschickt und liefert Benzin, Diesel, Methan und Paraffin, wie Manfred Pfalzgraf sagte. Der Maschinenbau-Ingenieur ist Geschäftsführer bei Ecogy. Das technische Prinzip der geplanten Anlage bestehe darin, die Verpackungen zu zerkleinern und dann so hoch zu erhitzen, dass das Kunststoffmaterial nicht nur schmelze, sondern verdampfe. In einem Kondensator werde das so entstehende Gas schrittweise wieder gekühlt.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dabei trennen sich die chemischen Bestandteile, denn bei unterschiedlichen Temperaturen an verschiedenen Stationen der Anlage werden zuerst Paraffin, dann Diesel und Benzin flüssig und schlagen sich nieder, wie Pfalzgraf erläuterte. Mit ähnlichen Verfahren werde schon lange in Raffinerien gearbeitet. Bisher werde in Deutschland mehr als die Hälfte der Verpackungsabfälle verbrannt, dafür sei dieser Stoff aber zu kostbar.

          Hitzige Angelegenheit

          Eine Anlage des neuen Typs, die Treibstoff aus Plastikmüll gewinne, gebe es in Deutschland noch nicht. In den Niederlanden werde aber bereits in einem Betrieb der Unternehmensgruppe das Verfahren eingesetzt. Dort habe man unterschiedliche Materialien als Rohstoffe erprobt, neben dem Verpackungsmüll auch Agrarfolie. Diese sei auf der einen Seite schwarz, auf der anderen weiß und enthalte neben Kunststoff auch organische Farbpigmente, so dass sie nach den herkömmlichen Verfahren schwer zu recyceln sei. Mit der neuen Technik aber sei dieser Stoff, der in den Niederlanden in großen Mengen anfalle, gut zu verwerten, so Pfalzgraf.

          Herzstück der Produktion sei der Konverter, in dem das Material bei mehr als 1000 Grad verdampft werde. Die Anlage werde aus mehreren baugleichen Modulen bestehen, die nach und nach errichtet werden könnten. Bei dieser Verwertung falle auch Metall, Glas und Sand an. Diese Materialien würden vom Plastik abgeschieden und getrennt entsorgt. Die starke Hitze verwandele organische Stoffe wie Öl, Lebensmittelreste, Papier und Holz zu Asche.

          25 Millionen Liter Triebstoff pro Jahr

          Für das Vorhaben will das Unternehmen nach den Worten des Geschäftsführers ein 60.000 Quadratmeter großes Grundstück in Steinau an der Straße erwerben. Der Betrieb befände sich dort direkt an der Autobahn 66. Für dieses Jahr seien der Kauf des Bauplatzes und das Genehmigungsverfahren vorgesehen. Im nächsten Jahr beginne der Bau, dann sollten zunächst zwei Module errichtet werden. In den Jahren 2020 und 2021 folgen nach den Plänen je vier weitere Module, so dass der Betrieb dann über zehn dieser Apparate verfügen wird. Dann werden nach Angaben von Ecogy künftig 140 Mitarbeiter am Standort Steinau tätig sein. Vorgesehen sei auch ein Tanklager von 3000 Kubikmetern. Nach Angaben des Unternehmens werden mehr als 70 Millionen Euro in Steinau investiert.

          Verarbeiten könne die Anlage im Endausbau 140.000 Tonnen Plastikmüll pro Jahr, aus denen 125 Millionen Liter Triebstoff hergestellt werde. Dieser sei von sehr guter Qualität, so lasse sich mit dem Verfahren Benzin mit 102 Oktan erzeugen, das damit hochwertiger sei als Superbenzin mit lediglich 95 Oktan. Das entstehende Methangas werde zum Betrieb der Anlage selbst verwendet, nämlich zum Heizen des Konverters und zur Stromerzeugung in einem Blockheizkraftwerk. Zur Anlieferung sollten 36 Lastwagen pro Tag den Standort anfahren. Weitere 29 Lastwagen transportierten den gewonnenen Treibstoff ab. Die Autobahnausfahrt bei Steinau könne diesen Verkehr gut verkraften. Die Anlage werde Tag und Nacht durchgehend laufen, Anlieferung und Abholung erfolgten aber nur an Wochentagen zwischen 6.30 und 21.30 Uhr.

          Große Chance für die Stadt

          Die Gruppe besteht nach den Worten von Pfalzgraf aus mehreren Gesellschaften. Die Ecogy-Plastics Germany GmbH und die Ecogy-Germany GmbH hätten bisher ihren Sitz in Freiberg in Sachsen und sollten nach Steinau umziehen. Diese beiden Gesellschaften gehörten als Joint Venture zu je 50 Prozent der Plasma Power B. V. in Heerlen in den Niederlanden und der Ecogy-Beteiligungs-GmbH in Bad Homburg. Die Bad Homburger Gesellschaft sei für die Finanzierung zuständig, Plasma Power für die technische Entwicklung, sagte Pfalzgraf, der Gesellschafter und Prokurist bei Plasma Power ist.

          Der parteilose Steinauer Bürgermeister Malte Jörg Uffeln nannte die Ansiedlung von Ecogy eine große Chance für die Stadt, die darauf hoffen könne, dass weitere Unternehmen, die sich mit erneuerbaren Energien beschäftigten, nach Steinau kämen. Für das Vorhaben sei bereits ein Grundstück reserviert. Über den Verkauf an das Unternehmen hätten die Stadtverordneten zu entscheiden, deren Beschluss für die nächsten Monate vorgesehen sei.

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