https://www.faz.net/-gzg-6yuge

Drogenszene : Konsum auf offener Straße

Besonders an der Moselstraße sitzen viele Abhängige: das Drogenproblem ist nicht gelöst. Bild: F.A.Z.

Die Stadt hält eisern fest am „Frankfurter Weg“. Dennoch bekommt sie die Drogenszene im Bahnhofsviertel nicht in den Griff. Ein Rundgang.

          3 Min.

          Der junge Mann sieht aus, als sei er schon seit dem frühen Morgen auf den Beinen. Unter den Augen liegen dunkle Schatten, die braunen Haare hängen ihm strähnig ins Gesicht. Mit schweren Schritten schleppt er sich an diesem Freitagmittag durch die Elbestraße und spricht einen Passanten nach dem anderen an. „Pfeife?“, fragt er immer wieder. Seine Stimme ist nicht mehr als ein Hauchen. Niemand reagiert, er torkelt weiter. Auf der Suche nach Crack.

          Katharina Iskandar
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vielleicht wird dem jungen Mann, der neu im Bahnhofsviertel zu sein scheint, irgendwann jemand sagen, dass er nur eine Querstraße weiter, in die Moselstraße, einbiegen muss. Denn dort bekommen Süchtige alle paar Meter eine Crack-Pfeife angeboten. Die Händler halten sie ihren Kunden auf offener Straße schon angezündet hin und kassieren in Sekundenschnelle bis zu 20 Euro für einen Stein, dessen Dämpfe ihre Kunden inhalieren.  das ist eine dieser Wasserstraßen, die niemand freiwillig durchquert. Ein Tourist mit Rollkoffer macht auf dem Absatz kehrt, als er sieht, dass sich dort etwa zwanzig Junkies auf dem Bürgersteig tummeln. Er schüttelt den Kopf, als könne er nicht glauben, dass die Stadt derart offenen Drogenkonsum duldet.

          Immer auf der Suche - nach Crack

          Der junge Mann taucht an diesem Vormittag nicht mehr auf in der Szene. Wohl aber andere, die genau wissen, wo sie welchen Stoff bekommen. Eine Frau, die vermutlich erst in den Zwanzigern ist, aber aussieht, als wäre sie vierzig, schleicht den Bürgersteig entlang. Ihr Blick ist nach unten gerichtet, auf der Suche nach Crack-Krümeln. Nur wenige Meter weiter hockt ein Mann auf dem Bordstein. Er ist in sich zusammengesunken und zündet sich die Pfeife zum zweitenMal an.

          Crack und Heroin sind nach wie vor die meistverkauften Drogen im Bahnhofsviertel - und die, die am meisten auffallen. Die Polizei schätzt, dass etwa 50 Personen zur Crack-Szene gehören. Sie wirkt aber größer, weil sich die Süchtigen anders als Heroinabhängige nicht zurückziehen, wenn sie im Rausch sind, sondern pausenlos herumziehen. Von der Mosel- in die Taunusstraße, dann weiter in die Elbe- und die Niddastraße, bis diese wieder zum Treffpunkt der Crack-Szene führt.

          Sie folgen oft ihren eigenen Regeln

          Dennoch sind es an diesem Vormittag nicht nur die Crack-Abhängigen, die auffallen. An der Elbestraße sitzen zwei Männer auf dem Bordstein, sie lehnen an einer Hauswand. Sie sind vielleicht Mitte fünfzig. Den Stoff haben sie sich gerade von einem Dealer besorgt. Einer hält den Löffel mit dem Rauschgift, während der andere das Feuerzeug darunter hält. Ärmel werden hochgekrempelt. Dann spritzen sie sich das Heroin. Nach den Regeln von „Ossip“, dem städtischen Projekt der „Offensiven Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention“, ist offener Konsum verboten. Aber viele Süchtige halten sich nicht mehr daran.

          Die sogenannten Druckräume, die im Zuge des „Frankfurter Wegs“ im Bahnhofsviertel eingerichtet wurden, um den Rauschgiftkonsum in geordnete Bahnen zu lenken, sind zu klein, als dass dort alle rund 4.000 registrierten Drogenabhängigen konsumieren könnten. Außerdem nehmen viele Abhängige das Angebot offenbar nicht an. Ein Stückchen weiter die Elbestraße hinunter sind die Überreste der vergangenen Nacht zu finden. Spritzen, blutige Taschentücher, Essensreste. 300.000 Euro im Jahr gibt die Stadt für die Reinigung des Bahnhofsviertels aus - dreimal so viel wie am Mainufer, obwohl auch das vor allem in den Frühlings- und Sommermonaten als Herausforderung gilt. Dennoch kommen die Kehrkräfte im Bahnhofsviertel kaum nach.

          Vor allem die Crack-Szene haben die Polizisten im Blick

          Mittlerweile sind auch die Gastronomen hilflos angesichts der vielen Drogenkonsumenten, die sich nicht zuletzt in ihren Hauseingängen aufhalten. Schräg gegenüber des „Café Fix“ wird der Wirt stumm, wenn er nach der Situation vor seiner Haustür gefragt wird. Er verweist auf den Besitzer, einen älteren Herrn türkischer Herkunft, der eben noch Deutsch sprach, aber plötzlich so tut, als verstehe er kein Wort. Er blickt nur nach draußen und signalisiert, dass ihm nicht gefällt, was er sieht. Dann dreht er sich um und verschwindet wieder in seinem Büro. Unterdessen sind auch Polizeistreifen unterwegs. Ab und zu fahren sie vorbei. Vor allem die Crack-Szene haben die Drogenfahnder im Blick. Regelmäßig nehmen sie Dealer fest, aber verunsichert werden die dadurch offensichtlich nicht.

          An der Ecke Nidda- und Moselstraße steht ein Mann und bereitet eine Pfeife vor. Es wird keine fünfMinuten dauern, dann hat er den Crack-Stein verkauft. Zehn bis fünfzehn Pfeifen am Tag brauchen die Abhängigen, um ihre Sucht zu befriedigen. Manchmal werden die Drogen auch in einer der Spielhallen verkauft. Die Polizei findet dort bei Razzien regelmäßig versteckten Stoff. Kurz nach Mittag wird es vor dem Druckraum der Integrativen Drogenhilfe an der Niddastraße voll. Konsumenten gehen ein und aus. Die Hilfseinrichtung ist so gut frequentiert, dass sie eher noch mehr Plätze braucht als die zwölf, die derzeit vorhanden sind.

          Dennoch sitzt draußen ein Mann. Er bereitet sich auf offener Straße sein Heroin zu und spritzt es sich dann, während Geschäftsleute anliegender Banken in die Mittagspause eilen. Eine Streife der Stadtpolizei fährt vorbei. Langsam, aber offenbar nicht interessiert an dem, was gerade vor sich geht. Zu dem Mann, der sich soeben den Schuss gesetzt hat, gesellt sich ein zweiter, die Spritze schon in der Hand.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

                        Polarisiert: Andrea Nahles, hier kurz nach ihrem Rücktritt vom Parteivorsitz im Juni 2019

          Wechsel zur Arbeitsagentur? : Nahles oder nicht Nahles

          Die SPD will ihre frühere Vorsitzende offenbar zur Chefin der Bundesagentur für Arbeit machen. Die Arbeitgeber zeigen sich irritiert. Denn das Vorschlagsrecht haben eigentlich die Sozialpartner.