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Drogensucht im Bahnhofsviertel : Jeder zweite ist zugereist

In ihrer eigenen Welt: Rauschgiftsüchtige im Bahnhofsviertel Bild: dpa

Mehr als die Hälfte der Drogenkonsumenten im Frankfurter Bahnhofsviertel kommt aus dem Umland. Um den „Frankfurter Weg“ zu retten, brauche es Mut, neue Wege zu gehen, meint der Ortsvorsteher.

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          In der Diskussion um die Drogenszene im Bahnhofsviertel hat die Stadt bestätigt, dass mindestens jeder zweite Abhängige, der in Frankfurt registriert ist, aus dem Umland oder aus anderen Bundesländern kommt. Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen) spricht von 56 Prozent, die nicht aus Frankfurt stammen. Eine absolute Zahl nannte er auf Anfrage der F.A.Z. nicht. Insgesamt spricht die Stadt jedoch von rund 5000 Abhängigen, die sich in Frankfurt aufhalten – was bedeutet, dass die Zahl der auswärtigen Konsumenten, die nur wegen der Drogen nach Frankfurt kommen, etwas mehr als 2500 Personen umfasst.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diese Zahlen verdeutlichen, wie sich die Drogenszene in Frankfurt, die seit Jahren zu einer der größten in Deutschland zählt, tatsächlich aufteilt. Wie berichtet, hatte Sicherheitsdezernent Markus Frank (CDU) vor einigen Tagen einen Vorstoß unternommen und davon gesprochen, dass aufgrund der geschätzten hohen Zahl an auswärtigen Konsumenten die umliegenden Kommunen stärker in die Pflicht genommen werden müssten. So sollten sie, etwa nach dem Vorbild der Stadt Zürich, selbst für ihre Abhängigen sorgen.

          Diese Aussage hatte offenbar den für die Drogenpolitik zuständigen Dezernenten Majer überrascht. Auf Anfrage, ob er den Vorschlag teile, sagte Majer, es freue ihn, dass sein „Kollege Frank sich öffentlich für die gesundheitliche und soziale Versorgung drogenkranker Menschen stark macht“. Dem Grunde nach sei es sinnvoll, wenn auch andere Kommunen für ihre drogenabhängigen Einwohner Hilfsangebote machten. „Was sich Herr Frank konkret erhofft und wie er andere Kommunen für ein eigenes Drogenhilfeangebot gewinnen will, höre ich mir gerne an. Sofern er meint, damit eine Verlagerung von Handel und Erwerb erreichen zu können, bin ich gespannt, wie sich Herr Frank dann eine Diversifizierung polizeilicher Aufgabenerfüllung auf lokaler Ebene vorstellt.“ Soll heißen, ...?

          Neue Dealergruppen und veränderter Konsum

          Schon jetzt ist es jedoch so, dass die Polizei bei der Strafverfolgung an den Grenzen Frankfurts nicht Halt macht. Es mache keinen Unterschied, ob der Drogenhandel in Frankfurt oder in anderen hessischen Städten verfolgt werde, sagte ein Polizeisprecher der F.A.Z.. Die Ermittler seien überall dort präsent, wo sich die Szene ansiedele. Schon vor zwei Jahren hatte die Polizei die Situation in der Frankfurter Drogenszene als schwierig bezeichnet. Nicht nur, weil neue Dealergruppen hinzugekommen sind. Auch die Szene der Abhängigen hat sich mit der Zunahme des Crack-Konsums verändert, ohne dass die Hilfsangebote angepasst wurden.

          Laut Majer spielen die Hilfsangebote bei den auswärtigen Konsumenten jedoch nur „eine untergeordnete Rolle“. Viele Abhängige kämen fast ausschließlich nach Frankfurt, weil hier die Drogen verfügbar seien. Das habe die Szenestudie für das Jahr 2018 ergeben. Im Umkehrschluss bedeutet das, die Abhängigen aus dem Umland und aus anderen Bundesländern nutzen die Konsumräume nicht so intensiv wie jene aus Frankfurt selbst. Auch dazu gibt es laut Majer Zahlen.

          Inwiefern diese Abhängigen schließlich auch diejenigen sind, die ihre Drogen offen auf der Straße konsumieren, darüber gibt es nur Mutmaßungen. Anwohner berichten, dass die Zahl der „sichtbaren“ Drogenabhängigen vor allem in den Sommermonaten mitunter in die Hunderte gehen. Dass sich die Situation gerade an der Taunusstraße, der Elbestraße, der Niddastraße und am Karlsplatz verschlechtert hat, berichtet auch der für das Bahnhofsviertel zuständige Ortsvorsteher Oliver Strank (SPD). Er stehe „im engen Austausch mit den dortigen Anwohnern, Gewerbetreibenden, Künstlern und Kreativen“. Sie seien zuverlässige Seismographen für Sicherheit und Sauberkeit im Viertel, sagte er. Viele fühlten sich von den zuständigen Dezernenten im Stich gelassen.

          „Der Frankfurter Weg mit einer fein austarierten Mischung aus Prävention und Repression war ein großer Erfolg. In der jetzigen Situation geht es um nicht weniger als darum, ihn zu retten durch größere und nachhaltigere Maßnahmen.“ Dazu brauchet es jedoch „Mut, neue Wege zu gehen“. Strank fürchtet, dass es den Verantwortlichen gerade daran mangele.

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