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Doppelte Staatsbürgerschaft : „Ich will nicht das aufgeben, was mir wichtig ist“

Deutsche mit türkischen Pässen: die Familie Akcora, deren Tochter Dilara bald die doppelte Staatsbürgerschaft zustehen könnte Bild: Fiechter, Fabian

Ayhan und Dilek Akcora sprechen deutsch und hätten gerne einen deutschen Pass. Ohne die türkischen Papiere abgeben zu müssen. Eine türkische Familie und die doppelte Staatsbürgerschaft.

          Ayhan und Dilek Akcora wären gerne Deutsche. Dann hätten sie die Staatsbürgerschaft des Landes, dessen Sprache sie sprechen, in dem sie geboren wurden, seit fast vier Jahrzehnten leben und ihre beiden Kinder zur Welt gekommen sind. Doch dafür müssten die Akcoras ihre türkischen Pässe zurückgeben. „Ich mag nicht akzeptieren, dass ich für die deutsche Staatsbürgerschaft etwas anderes, mir sehr Wichtiges aufgeben muss“, sagt der in Frankfurt geborene Informatiker Ayhan Akcora. Er fühle sich schließlich auch als Türke und nicht nur als Deutscher. Seine Frau Dilek empfindet dieses Entweder-oder, vor das sie der deutsche Staat stellt, als ungerecht. „Ich fühle mich irgendwie diskriminiert.“ Zumal wenn nun die Regelung eingeführt wird, dass ihre beiden Kinder die doppelte Staatsbürgerschaft haben können, sie also auch formal Deutsche und Türken sein werden - ohne sich entscheiden zu müssen. „Es kann doch nicht sein, dass das Geburtsdatum so wichtig ist.“

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ihre Tochter, die elf Jahre alte Dilara, freut sich hingegen, dass die Berliner Koalitionsvereinbarung die doppelte Staatsbürgerschaft für sie vorsieht. Denn das seit dem Jahr 2000 geltende „Optionsmodell“ soll, so der Wille der Bundespolitiker, nicht mehr länger Bestand haben. Danach wäre Dilara verpflichtet gewesen, sich im Alter zwischen 18 und 23 Jahren zu entscheiden, welche Staatsbürgerschaft sie behalten und welche sie aufgeben wolle.

          Im Sommer in der Türkei

          Dilara spricht zwar selbst kaum Türkisch, doch sie ist Muslimin, feiert also nicht wie ihre Klassenkameraden Weihnachten, und ist mit der türkischen Küche vertrauter als mit der deutschen. Die Sommerferien verbringt sie immer in der Türkei, denn beide Großeltern sind, nachdem sie ihr Arbeitsleben in Deutschland verbracht haben, in ihre Heimat zurückgegangen. „Ich fühle mich in beiden Ländern wohl“, sagt sie, „es wäre mir sehr schwer gefallen, mich für Deutschland oder die Türkei zu entscheiden.“

          Denn auch ihre derzeit noch jungen Eltern mögen nicht ausschließen, dass sie eines Tages als Rentner in der Türkei leben wollen. Die Familie hat ein Haus in Kusadasi an der türkischen Ägäisküste. Dort werden sie als „Deutschländer-Türken“ bezeichnet. „Und in Deutschland werde ich immer der Türke sein“, sagt ihr Vater, gleichgültig, welche Staatsangehörigkeit er habe. Bei der Einreise in die Türkei habe sie schon Kurioses erlebt, sagt Dilek Akcora. Einmal habe sie, ohne auf die Schilder zu achten, sich dort angestellt, wo die Frauen mit den Kopftüchern gestanden hätten - ehe sie merkte, dass die alle deutsche Pässe hatten und sie mit ihren langen offenen Haaren und moderner Kleidung an den türkischen Schalter musste.

          Ayhan und Dilek Akcora hatten vor einigen Jahren einmal die Einbürgerung nach Deutschland beantragt, ein Vorgang, der für beide nur ein formaler Akt wäre. Ayhan sagt, er sei sogar zum türkischen Generalkonsulat gegangen, um die erforderlichen Unterlagen abzuholen, die Bestätigung, dass er kein Türke mehr sein wolle. Doch dann habe er im Konsulat gezögert und sei schließlich unverrichteter Dinge wieder nach Hause gegangen. „Mehrere hundert Euro Gebühren hat uns das gekostet“, sagt Dilek, „aber wir konnten den Schritt dann doch nicht gehen.“

          Eine Belastung

          Dabei würde Ayhan, der sich selbst als politisch engagiert bezeichnet, liebend gerne in dem Land, in dem er lebt und Steuern zahlt, wählen - wenigstens bei der Kommunalwahl. Die große Zahl der Nichtwähler in Deutschland „tut mir weh“, sagt er. In der Türkei haben sie nur einmal ihre Stimme abgeben dürfen, als eine Wahl zufällig in die Sommerferien fiel - Briefwahlen gab es bisher nicht.

          Das Gefühl, zwischen zwei Staaten zu stehen und sich im Zweifelsfall entscheiden zu müssen, empfinden die Eheleute als „Belastung“. Dass ihre Kinder beide Staatsbürgerschaften bekommen haben, weil sie nach 2000 geboren wurden, hat die Akcoras gefreut. Doch zu wissen, dass auch ihre Kinder sich einmal würden entscheiden müssen, sei bedrückend gewesen. Ihre Freude über die Koalitionsvereinbarung ist dennoch nur verhalten. Sie sind skeptisch, ob die doppelte Staatsbürgerschaft wirklich kommt, und sie sind noch nicht überzeugt, dass die Regelung bestehen bleibt, bis ihre Kinder 23 Jahre alt sind.

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