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Doku über die Nachkriegszeit : Spaziergang mit Jenny

Kleine Berühmtheit: Im Stadtteil kennt so gut wie jeder das Pferd, das allein durch Fechenheim wandert. Bild: dpa

Stell dir vor, eine Araberstute wandert durch Fechenheim: Der Filmemacher Michael Jung fügt Bilder und Sätze zu einer Erinnerungsreise in eine Kindheit im Nachkriegsdeutschland zusammen.

          3 Min.

          Die Wolken ziehen hinweg über den Mainbogen, am Horizont zeichnet sich die Fechenheimer Silhouette mit der spitzen Turmhaube der Herz-Jesu-Kirche ab. Im östlichen Frankfurter Stadtteil bricht der Tag an. Werner Weischedel – karierte Arbeitsjacke, zerklüftetes Gesicht, die ergrauten Haare zu einem dünnen Zopf zusammengebunden – öffnet das Gatter für Jenny. Gemächlich trottet die Araberstute hinaus auf die Gasse im Fechenheimer Dorfkern. Sie schaut sich um, schnuppert, setzt sich in Bewegung. An ihrem Halfter hängt ein handbeschriebenes Pappschild. „Ich heiße Jenny, bin nicht weggelaufen, gehe nur spazieren“, steht darauf.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So nimmt nicht nur ein weiterer Tag im Leben Jennys und ihres Besitzers seinen Gang, so beginnt auch der Dokumentarfilm „The Walk“, der jetzt auf den Hofer Filmtagen vorgestellt wurde. Der Bad Vilbeler Regisseur und Produzent Michael Jung, der an der Filmhochschule im englischen Leeds seinen Master machte, hat ihn als Abschlussarbeit gedreht. Auf das Thema mit der wandernden Stute aus dem nur ein paar Autominuten entfernten Fechenheim ist er über einen langen Umweg aufmerksam geworden: Eine Bekannte aus dem kanadischen Vancouver fragte ihn, ob er etwas von dieser merkwürdigen Geschichte mit dem Pferd aus Frankfurt mitbekommen habe. In den sozialen Netzwerken ist Jenny eine kleine Berühmtheit, die Fotos und Clips mit der freilaufenden Stute werden von Nutzern aus aller Welt geteilt.

          Der Film zeigt den Spaziergang Jennys entlang der Straßenbahnschienen der Linie 11, ihre flüchtigen Begegnungen mit Passanten und neugierigen Schoßhündchen, vorbei an Parkbänken und Papierkörben, hin zu den Feldern und Wiesen des Mainbogens, wo sie aus dem ruhigen Schritt in befreiten Trab wechselt. Vor dem Hintergrund der poetischen Bilder entwickelt Jung eine zweite, die eigentliche Geschichte des Zwölf-Minuten-Kurzfilms. Es ist die Geschichte einer Kindheit in den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und im zerstörten Nachkriegs-Frankfurt. Der 80 Jahre alte Werner Weischedel erzählt davon im lokalen Dialekt, unprätentiös, manchen seiner Sätze fehlt das Ende.

          Eine Art Bewältigung des Kriegstraumas

          Während man sieht, wie Jenny an einer Ranke knabbert, die sich an einer backsteinernen Toreinfahrt emporwindet, hört man die Stimme des Besitzers, der daran zurückdenkt, wie er als kleiner Junge ums Überleben und gegen den Hunger kämpfte. In einer der verheerenden Frankfurter Bombennächte wird er unter den Schuttbergen begraben und erst nach vier Tagen geborgen. Er ist einer der wenigen Überlebenden inmitten von Leichen. Dass auch seine Mutter, sein Bruder und seine Schwester ums Leben gekommen sind, will er nicht wahrhaben. „Die saßen für mich im Luftschutzkeller auf der Bank und haben geschlafen.“ Aus dem Heim, in das er kommt, entwischt er regelmäßig und wird ebenso regelmäßig auf den Trümmern des Hauses wiedergefunden, in dem die Familie einst wohnte. Da habe er gesessen und gedacht: „Jemand muss dich doch abholen.“

          Vertrauen ist alles: Werner Weischedel und sein Pferd
          Vertrauen ist alles: Werner Weischedel und sein Pferd : Bild: dpa

          Weischedel spricht als Überlebender. Er hat den Krieg und die Nachkriegszeit überstanden und erinnert sich auch an schöne Momente, etwa im Frankfurter Zoo, wo es deutlich unreglementierter zuging als heutzutage und die Kinder sich ins Gehege der Nashörner und Elefanten schleichen konnten. Andere sind an den traumatischen Erlebnissen zerbrochen. Etwa das „Bubchen“, an das Weischedel zurückdenkt. Der Junge, ein halbes Jahr jünger als er selbst, sei mit ihm verschüttet gewesen und gerettet worden. Aber Jahre später, als der inzwischen fast erwachsene Junge zur Bundeswehr eingezogen worden sei, habe er sich „aus Heimweh“ mit der eigenen Waffe erschossen.

          In der Realität des Dokumentarfilms ist die Beziehung des mittlerweile achtzigjährigen Fechenheimers zu seiner weißen Araberstute eine Art Bewältigung des Kriegstraumas. Die Selbstverständlichkeit und Sicherheit, mit der Jenny sich auf ihre täglichen Solo-Touren begibt, hat auch für den Passanten, zu dem der Film den Zuschauer macht, etwas Beruhigendes. Weischedel erzählt, er imitiere das kräftige Ausatmen des Pferdes, um zu entspannen, aber ebenso gut könnte es umgekehrt sein. Manchmal werde er von erstaunten Spaziergängern gefragt, wie er seinem Pferd beigebracht habe, allein den Weg zu finden und abends wieder in den Stall zu kommen. Gar nicht, sagt Weischedel. Jenny kehre von sich aus zurück nach Hause. Wie ein Hund. Oder wie ein Mensch. Darauf müsse man vertrauen.

          Der Kurzfilm „The Walk“ ist noch bis zum 1. November auf www.hofer-filmtage.com als Video-on-Demand abzurufen.

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