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Dokumentarfilmprojekt „Tokat“ : Die Vergangenheit spüren sie noch heute

  • -Aktualisiert am

Andrea Stevens bei der Fertigstellung von „Tokat“ Bild: Wonge Bergmann

„Tokat“, ein Dokumentarfilmprojekt über drei ehemalige Mitglieder Frankfurter Jugendgangs ist keine Hommage an das Gangleben. Vielmehr wollen die beiden Filmemacherinnen zeigen, was aus den schweren Jungs von damals geworden ist.

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          Im Atelierfrankfurt im Ostend, Tür an Tür mit anderen Kreativen und Künstlern, residieren Andrea Stevens und Cornelia Schendel mit ihrer Produktionsfirma „Schendel-Stevens-Filme“. Das Büro ist eher behelfsmäßig eingerichtet: In der Mitte des Raumes stehen zwei Schreibtische mit mehreren Monitoren einander direkt gegenüber, auf einer Ablage in der Ecke Wasserkocher und verschiedene Teesorten, der Drucker prangt auf einem Pappkarton. Hier entstehen normalerweise Werbefilme für Kunden wie die Industrie- und Handelskammer oder die Deutsche Bank, mit denen die beiden Frauen ihr Geld verdienen. Ihr aktuelles Projekt ist für sie jedoch eine echte Herzensangelegenheit - und das schon seit längerer Zeit.

          Die beiden Filmemacherinnen lernen sich im Studium kennen

          Im Mai 2011 haben sie mit den Dreharbeiten für ihren Dokumentarfilm „Tokat - das Leben schlägt zurück“ begonnen. Der Weg war oft holprig, jetzt wollen die beiden 36 Jahre alten Frauen den Film fertigstellen und ihn bei einer eigenen Premiere im neuen Jahr präsentieren. In „Tokat“ porträtieren Schendel und Stevens drei Männer, die in den neunziger Jahren zwei der berüchtigten Frankfurter Jugendgangs angehörten. Außer für Delikte wie Gewalttätigkeit, Drogenkonsum und Dealerei waren die Gruppierungen Ende der achtziger sowie Anfang der neunziger Jahre dafür bekannt, dass sie Jacken oder Schuhe klauten. Daran soll schon der Titel des Films erinnern: „Tokat“ ist das türkische Wort für Ohrfeige und kann außerdem mit „beklaut“, umgangssprachlich „abgerippt“, übersetzt werden.

          Schendel und Stevens lernten sich während ihrer Ausbildung an der Hochschule Darmstadt kennen, wo beide Media Production studierten. „Es hat sofort klick gemacht“, sagt Stevens. 2011 gründeten die beiden dann die Produktionsfirma und arbeiten seitdem zusammen.

          Die Darsteller stammen aus der „heimlichen Partnerstadt Frankfurts“

          Auf die Idee, eine Dokumentation über Jugendgangs zu drehen, kam Stevens während der Suche nach möglichen Themen für ihre Master-Arbeit. Im Gespräch mit einem befreundeten Künstler, den sie seit ihrer Kindheit kennt und der früher selbst einer der Gangs angehörte, wuchs ihr Wunsch, den Lebensweg ehemaliger Mitglieder aufzuzeigen: „Ich wollte herausfinden, was aus den schweren Jungs geworden ist, vor denen man früher Angst hatte“, sagt Stevens. Ihr Bekannter machte sie mit den heutigen Protagonisten aus dem Film bekannt und wirkte bei dem Projekt auch selbst mit.

          Die Hauptcharaktere haben eine entscheidende Gemeinsamkeit: Sie alle stammen aus demselben 400-Seelen-Dorf Bayat, das im Osten der Türkei an der armenischen Grenze liegt. „Man könnte es als die heimliche Partnerstadt Frankfurts bezeichnen“, sagt Stevens. Man munkele, dass heute in der Metropole am Main bis zu 1500 Personen lebten, die alle aus besagtem osttürkischen Dorf stammten. Insgesamt dreimal reisten Schendel und Stevens in die Türkei, um dort zu drehen Die Situation dort war nicht einfach: „Mit der Kamera ist man da immer der bunte Hund“, erinnert sich Stevens.

          „Der Film soll keine Hommage an Gangs sein“

          Außerdem sei die Region Kurdengebiet, weshalb sie oft als Spione betrachtet worden seien. Laut Stevens hat es jedoch geholfen, als Frau unterwegs zu sein: „Da wirkt man nicht ganz so bedrohlich, wird aber vielleicht auch nicht immer ernst genommen.“ Nicht nur durch die Reisen in die Türkei mit der gesamten Crew entstanden Kosten. Wie bei jedem Film fielen Ausgaben für Farbkorrektur, Tonmastering, Musik- und Filmrechte an. Dafür erhielten die beiden Frauen Filmförderung, am meisten von Schleswig-Holstein. 2013 entschieden sie sich zudem, an der Crowdfunding-Aktion „Kulturmut“ der Aventis-Stiftung teilzunehmen. „Das war sehr hilfreich, um Geld zu generieren, aber auch, um Aufsehen für den Film zu erregen“, sagt Stevens. Am Ende waren die beiden Filmemacherinnen dankbar, 14.500 Euro von der Stiftung zu erhalten.

          Die gesteigerte Aufmerksamkeit, auch in den Medien, hatte jedoch ihre Schattenseiten: Ihr Informant entschied, aus dem Projekt auszusteigen, da ihm der Trubel zu viel wurde: „Er wollte irgendwann nicht mehr in der Vergangenheit wühlen“, sagt Stevens. Deshalb beschränkt sich der Film nun lediglich auf drei Hauptcharaktere, die alle unterschiedliche Geschichten haben.

          Ihre Biographien stehen in der Dokumentation im Vordergrund: „Der Film soll keine Hommage an Gangs sein, und wir wollen sie auch nicht analysieren. Hauptsächlich geht es um die Leben der drei Männer“, sagt Stevens. Deren Delikte reichen von bloßem Mitläufertum bis hin zu Körperverletzung mit Todesfolge. Zwei von ihnen wurden in die Türkei abgeschoben, einer lebt auf Grund einer schweren Erkrankung nach wie vor in Frankfurt und kämpft mit den Dämonen seiner Vergangenheit. Nach mehr als 20 Jahren sei zwar nichts mehr, wie es war, und jeder gehe seinen eigenen Weg, sagt Stevens. Jedoch spürten alle auch heute noch die Vergangenheit und würden die Konsequenzen davon mit sich herumtragen. Was aus den Gangstern von damals geworden ist, soll der Film nun der Öffentlichkeit zeigen. Ein Trailer ist im Internet unter https://vimeo.com/schendelstevensfilme/videos zu sehen.

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