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Größtes Matriarchat der Welt : Ausgleichende Gerechtigkeit

Lebensfreude: Heiraten macht Spaß bei den Minangkabau Bild: Uschi Madeisky

Bei den Minangkabau in Indonesien haben die Frauen das Sagen. Der Film „Mutterland“, der nun in Frankfurt gezeigt wurde, erzählt über die größte matriarchale Kultur der Welt.

          2 Min.

          Ein Matriarchat? Das ist politisch nicht korrekt. Jedenfalls nicht unter Ethnologen, Anthropologen und im Fernsehen. Das wissen die Regisseurinnen Uschi Madeisky und Dagmar Margotsdotter aus Erfahrung. Aber sie haben auch erlebt, dass sich die hessische Landesregierung über den akademischen Bann, der den Begriff nur in Fußnoten zulässt, hinweggesetzt hat, als sie Uschi Madeisky im vorigen Herbst den Elisabeth-Selbert-Preis verlieh. Tatsächlich, darauf beharren die beiden Frauen im Frankfurter „Café Filmriss“, gebe es gegenwärtig mehr als 200 mutterrechtliche Gesellschaften auf dem Planeten. Eine davon sind die Minangkabau: Mit sieben Millionen Menschen in West-Sumatra und vier Millionen Menschen unterwegs sind sie die größte matriarchale Gesellschaft weltweit.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sie schotten sich nicht ab. Die Minangkabau reisen in alle Welt, um zu lernen. Kein Wunder, dass 80 Prozent der Hochschullehrer auf Sumatra Frauen sind, etwa die 33 Jahre alte Yelfia Susantis, die in Deutschland studiert hat und nun in Indonesien Deutsch unterrichtet. Sie war der Kontakt, der Madeisky und Margotsdotter zu den Minangkabau geführt und zeitweilig in ihrem wohlhabenden Mutterklan aufgenommen hat. Sie erzählt in dem Film „Mutterland“, der nun im Frankfurter Kino Mal seh’n vor ausverkauftem Saal vorgeführt wurde, von ihren Leuten, ihre Worte werden von Birgitta Assheuer einfühlsam nachgesprochen.

          Filmemacherinnen: Dagmar Margotsdotter (links) und Uschi Madeisky

          Bei den Klans, die nach dem ehrwürdigen „Adat“, dem mütterlichen Naturrecht, leben, geht es nicht um Frauenherrschaft, wie der Begriff „Matriarchat“ nahelegen könnte. Das griechische Wort „Archä“ hat nämlich zwei Bedeutungen: neben „Herrschaft“ auch „Anfang“. Bei den Minangkabau herrschen die Frauen nicht, sondern „gleichen aus“, erläuterten die Regisseurinnen nach der Filmvorstellung. Deshalb gehe es bei den Minangkabau so friedlich zu. Krieg habe es zwar auch mal gegeben, als sich die Klans gegen die islamische Vereinnahmung wehrten, aber die Scharia gebe es nur im nördlichen Banda Aceh. Blutfehden sind den Minangkabau-Klans fremd. Zumal sie untereinander verheiratet und verschwägert sind.

          Prunkvolle Hochzeitszeremonie

          Solch einer prunkvollen Hochzeitszeremonie samt aufwendigen Vorbereitungen widmet sich der Film ausführlich. Yelfias Bruder Rinto heiratet die junge Nola aus einem anderen Klan. Dazu gehören die Einladungen mit Überreichung einer psychoaktiven Betelnuss, das gegenseitige Füttern der jungen Eheleute bei der Hochzeit und ein barfüßiger Tanz auf Porzellanscherben. Wie Yelfias Schwester Mici es anstellt, sich dabei nicht zu verletzen, bleibt das Geheimnis höherer Konzentration. Mici lehrt auch die anderen tanzen, notfalls mit dem Wörterbuch auf dem Kopf, um eine gerade Körperhaltung zu trainieren. Es gehört zu den Stärken der Dokumentation, immer wieder solche humorvollen Szenen einzufangen.

          Bis in den siebten Schwangerschaftsmonat folgt die Kamera der jungen Ehe und balanciert dabei selbstkritisch zwischen Nähe und Diskretion. Wie auch sonst, etwa in jener Szene, wo ein Säugling beim Stillen den Schleier seiner Mutter über sich zieht. Neben dem islamischen Kopftuch tragen die Frauen auch noch den traditionellen Haarknoten. „Das Adat kam von den Bergen, der Islam von den Küsten“, heißt es. Ausgleich und Kompromiss bestimmt den Alltag dieser fröhlichen Menschen, die vor allem von Hühnereiern und Reisanbau leben. Haus und Land gehören den Frauen, Sprecher des Klans aber ist ein Mann. Die Männer folgen ihren Bräuten in deren Klan. Deshalb gibt es Tränen, als Rinto seinen Mutterklan nach der Hochzeit verlässt. Die Bindung ist eng. Das spürte auch Mici, als sie nach Deutschland ging, um Mathematik zu studieren.

          An die Filmvorführung schloss sich eine rege Diskussion an, denn das Publikum wollte nicht an Friede, Freude, Kokosnuss glauben. Doch es blieb dabei: Kein Mann darf im Grundbuch stehen. Die Scheidungsrate sei hoch. „Die Minankabau heiraten gern und oft“, sagte Dagmar Margotsdotter. Nie aber scheinen die Fetzen zu fliegen. „Denn alle wissen, wo sie hingehören“, ergänzte Uschi Madeisky. Auch vom Internet ließen sie sich nicht verführen. „Sie gehen nicht in Resonanz.“ Den Vorwurf der Idealisierung wies die Frankfurter Filmemacherin, eine studierte Soziologin und Pädagogin, zurück: „Ich schaue mit Dankbarkeit und Staunen auf das, was in uns schlummert“, sagte sie.

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