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Comeback des Dodos : Plumper Bodenbrüter mit Diamantenaugen

Zu zutraulich für diese Welt: Rekonstruktion eines ausgestorbenen Dodos. Bild: Foto Senckenberg

Seine zutrauliche Art wurde dem Dodo zum Verhängnis. Denn hungrigen Seeleuten und Ratten war der flugunfähige Vogel wehrlos ausgeliefert. Nun erlebt er in Frankfurt eine Wiederauferstehung.

          Es sieht aus, als lächle er: Ein männlicher Dodo wird von Samstag an seine Betrachter in der Dauerausstellung der Vogelsammlung direkt anschauen, den Kopf leicht schräg gelegt. Als die „international bestmögliche Lebend-Rekonstruktion“ des mythenumrankten Vogels preist Museumsleiter Bernd Herkner den Dodo, der in den Werkstätten des Senckenbergmuseums von der Präparatorin Hildegard Enting in mehrjähriger Kleinarbeit hergestellt worden ist. Denn ein authentisches Vorbild gibt es nicht.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Vogel aus der Familie der Tauben war 1598 entdeckt worden. Damals landeten Seefahrer der Ostindien-Route auf der Insel Mauritius, auf der Suche nach Wasser und Proviant. Den fanden sie – in Gestalt sehr großer und zutraulicher Vögel.

          Vermutlich waren es aber eher die eingeschleppten Ratten und die Nutztiere, mit denen Mauritius wenig später als Zwischenstation der Ostindien-Fahrer bestückt wurde, die den flugunfähigen Bodenbrüter ausrotteten. Bis dahin hatte der Dodo, etwa 20 Kilogramm schwer und nur auf Mauritius heimisch, keine natürlichen Feinde gekannt. Ein paar Exemplare gelangten unter anderem in die Niederlande, wo sie verendeten. Immerhin ist ein mumifizierter Kopf in der Universitätssammlung von Oxford erhalten. Schon um 1690 war der Vogel ausgestorben.

          Um herauszufinden, wie der spätestens seit seiner Erwähnung in „Alice im Wunderland“ populäre Vogel ausgesehen haben könnte, musste Enting nicht nur vogelkundliche Recherchen anstellen, Abgüsse aus internationalen Museen sowie jüngste Erkenntnisse der Forschung und Vermessungsdaten vergleichen. Es ging auch um Kulturgeschichte: Enting hat historische Logbücher, Beschreibungen und vor allem Zeichnungen und Aquarelle hinzugezogen, um dem Dodo die bestmögliche Gestalt zu geben.

          Vorbild für endgültige Form

          Vorbild für die endgültige Form und Farbe war die Miniatur des indischen Malers Ustad Mansur, der um 1612 wohl selbst einen Dodo gesehen hatte. Nun steht der Vogel mit braunmeliertem Gefieder, das von Ohrenfasanen stammt und Stück für Stück aufgetragen wurde, auf einem kleinen Sandfeld – etwas plump, mit riesigen Füßen und großem Schnabel, bläulicher Gesichtshaut und Augen, die von Zeitgenossen als „hell wie Diamanten“ bezeichnet wurden. Da die Beschreibungen aber von blau über grau bis gelb schwanken, hat Enting die Glasaugen selbst koloriert. „Es ging darum, möglichst alle Informationen zu berücksichtigen“ – und dabei so wenig Kompromisse wie möglich zu machen. So hat Enting, obwohl schon 2015 über das Projekt gesprochen wurde, mit dem Beginn gewartet, bis 2016 eine neue große Studie zum Dodo erschienen war, beruhend auf Vermessungsdaten der beiden einzigen vollständig erhaltenen Skelette. Die langwierige Rekonstruktion haben Claudia und Hendrik Leber finanziert, seit Jahrzehnten Fans des Dodos und Paten des bei Senckenberg ausgestellten Dodo-Skeletts. Auch dieses ist zwar sehr wertvoll, aber nicht vollständig und mit Repliken ergänzt.

          Denn nicht nur gegen hungrige Seeleute hatte der arglose Dodo, auch Dronte genannt, keine Chance. Seine wenigen Überreste sind Diebstahl, Mottenfraß oder nachlässiger Aufbewahrung zum Opfer gefallen. Seit 15 Jahren graben Forscher auf Mauritius nach Skelettresten, und auf Auktionen werden Hunderttausende Dollar für Zeugnisse dieser „Ikone der Ausrottung“ gezahlt. Der Dodo steht heute für Tausende durch menschliche Eingriffe vernichtete Arten.

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