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Schwimmen in Flüssen und Seen : „Ertrinken passiert immer still“

  • -Aktualisiert am

Badeunfall: Im Bickenbacher See ist ein Schwimmer untergegangen. Bild: dpa

Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft und die Wasserschutzpolizei Hessen warnen davor, in Seen und Flüssen baden zu gehen. Es gibt viele Gefahren.

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          Einige heiße Tage hat es in diesem Sommer schon gegeben, auch für die nächste Woche werden sommerliche Temperaturen erwartet. Gegen die Hitze hilft ein Sprung ins kühle Nass, am liebsten im Freibad, wo anschließend Liegewiese und Pommesbude locken. In der Corona-Pandemie ist der Wasserspaß im Freibad allerdings stark eingeschränkt und reglementiert. Viele weichen daher auf natürliche Gewässer aus, schwimmen in Seen und Flüssen.

          Wie gefährlich das sein kann, zeigen die Badeunfälle der vergangenen Wochen. In der Gemeinde Trebur im Landkreis Groß-Gerau ertrank Ende Juni eine Einunddreißigjährige bei dem Versuch, ihren Sohn aus dem Rhein zu retten, den die Strömung mitgerissen hatte. Der Fünfjährige überlebte ebenfalls nicht. Am vergangenen Samstag starb ein Neunzehnjähriger aus Griesheim, nachdem er beim Schwimmen im Bickenbacher Erlensee plötzlich untergegangen war.

          Viele überschätzen ihre Kräfte

          Viele brächten sich in Gefahr, weil sie ihre Kräfte überschätzten, sagt Michael Hohmann, Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft Hessen. Im Schwimmbad sei die Situation überschaubar: „Dort kann man bis auf den Grund schauen, und der Abstand zum nächsten Beckenrand beträgt höchstens 25 Meter.“ Wer nicht trainiert sei und bis in die Mitte eines Sees schwimme, bemerke oft nicht, wie die Kondition langsam schwinde. „100 bis 200 Meter sind bei der Größe der Seen nichts.“ In Flüssen komme als weitere Herausforderung die hohe Fließgeschwindigkeit hinzu. „Mangelnde Ausbildung durch die Schließung von Bädern in den Kommunen sorgt dafür, dass viele Menschen nicht mehr so gut schwimmen können“, sagt Michael Wenzel, Mitarbeiter der Führungsgruppe der Wasserschutzpolizei in Hessen.

          Vom Baden in Flüssen wie Main oder Rhein raten DLRG und Wasserschutzpolizei generell ab. Offiziell verboten ist das Baden in Hessen aber nur an bestimmten Orten wie in Hafeneinfahrten oder in unmittelbarer Nähe von Brücken, Schleusen und Schiffsanlegestellen. Im Rhein ist das Schwimmen im Abstand von 100 Meter oberhalb bis 50 Meter unterhalb derartiger Bauwerke verboten. In allen anderen Gewässern sind es 100 Meter. Außerdem gibt es in vielen Städten lange Uferabschnitte, an denen Baden verboten ist.

          Sogwirkungen sind vielen Schwimmern zum Verhängnis geworden

          Scheinbar friedlich dahinfließendes Wasser sei oft trügerisch, hebt Wenzel hervor. Strömungen, Wirbel und Strudel seien meistens nicht sofort zu erkennen. Besonders gefährlich sei das Schwimmen in der Nähe von Buhnen. Derartige Dämme dienen dem Küstenschutz und ragen rechtwinklig vom Ufer aus in die Flussmitte. Auch Hohmann warnt davor, in der Nähe solcher Einbauten zu schwimmen. „Keiner rechnet damit, was dort für eine mächtige Gefahr lauert“, sagt der DLRG-Präsident. Teilweise entstünden so starke Verwirbelungen an den Buhnenköpfen, dass die Wasserströmung sich umkehre – „wie beim Ziehen eines Badewannenstöpsels“.

          Sogwirkungen wie diese sind schon vielen Schwimmern zum Verhängnis geworden. Allein im vergangenen Jahr sind in Hessen 20 Menschen ertrunken. Alle kamen in einem freien Gewässer ums Leben. In der Statistik der DLRG für ganz Deutschland machte der Anteil der in Binnengewässern ertrunkenen Männer und Frauen rund 87 Prozent aus.

          Besonders gefährlich: der Rhein

          Insbesondere der Rhein berge für Schwimmer große Gefahren, hebt Hohmann hervor: „Er ist eine der am stärksten befahrenen Wasserstraßen Europas, vergleichbar mit einer Autobahn.“ Aus diesem Grund sollten Eltern ihre Kinder auch nicht an seichten Stellen des Flusses spielen lassen. „Es käme ja auch niemand auf die Idee, einen Sandkasten auf den Seitenstreifen der Autobahn zu stellen.“

          Die Schiffe verursachten starke Strömungen, die das Wasser zur Fahrwassermitte zögen. „Das kann man sich vorstellen wie bei Ebbe und Flut, wenn das Wasser erst weggeht und dann schlagartig wieder hochkommt.“ Besonders Kinder liefen dem Wasser gern hinterher und brächten sich damit unbeabsichtigt in Gefahr.

          Besser an Badeseen mit Aufsicht schwimmen

          Vergleichsweise sicher sei hingegen das Schwimmen in Badeseen an Stellen, an denen es eine Aufsicht gebe. Dennoch seien auch dies keine wirklich stillen Gewässer, es bestehe auch dort das Risiko von unerwarteten Strömungen. Weil der Grund keine undurchdringbare Fläche sei, gebe es Bewegungen im Wasser. Auch unterschieden sich die Temperaturen im See zum Teil beträchtlich: oben sei es meist warm, weiter unten dafür viel kälter. Kreislaufprobleme und Krämpfe könnten die Folge sein, sagt Hohmann.

          Badesee-Fans müssen sich in diesem Jahr aufgrund der Pandemie allerdings darauf einstellen, auch an ihrem Lieblingsstrandbad vor verschlossenen Toren zu stehen. Gut 16 Badeseen sind derzeit laut Internetseite des Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie gesperrt.

          Ein Hinweis zum Baden in freien Gewässern ist Hohmann besonders wichtig: „Niemals an unbewachten Stellen baden.“ Dennoch sollten sich Badegäste nicht ausschließlich auf den Schutz der Retter verlassen und allein herausschwimmen. Ertrinken passiere immer still – rudernde Arme und Schreie seien eine reine Filmfiktion.

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