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Distanz zu Turbo-Abitur : Nur Unternehmer verteidigen G8

Kultusministerin Nicola Beer (FDP) hat sich in der Debatte um die Gymnasialzeit hinter Ministerpräsident Volker Bouffier gestellt. Bild: dapd

Die Diskussion um die Zukunft des sogenannten Turbo-Abiturs nimmt Fahrt auf. Kultusministerin Beer will ein „Gesamtkonzept“ vorlegen. Elternvertreter sind für die neunjährige Gymnasialzeit - nur Unternehmer halten dagegen.

          Der Ausgang der von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) entfachten Debatte über die verkürzte Gymnasialzeit G8 ist offen. Kultusministerin Nicola Beer (FDP) schließt nach eigenen Worten zwar nicht aus, dass auch Gymnasien künftig frei entscheiden können, ob sie das Abitur nach acht oder nach neun Jahren anbieten. Beschlossene Sache sei eine solche Regelung, wie sie Bouffier am Samstag bei einem CDU-Parteitag angedeutet hatte, aber noch keineswegs. Eine derart weitreichende Änderung werde „nicht holterdiepolter“ vorgenommen, stellte Beer in Wiesbaden klar. Vielmehr werde sie in einigen Wochen ein Gesamtkonzept zur „Optimierung“ von G8 vorlegen, wobei eine Optionslösung für die Gymnasien nur eine von mehreren angedachten Möglichkeiten sei.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Bouffier wiederholte indes gestern nach einer Kabinettssitzung in Kassel seinen Vorschlag. Den Kooperativen Gesamtschulen werde schon jetzt die Wahl gelassen, Schüler in acht oder neun Jahren zum Abitur zu führen. Er sehe nicht ein, warum diese Freiheit nicht auch den Gymnasien geboten werden solle, zumal die Landesregierung den Schulen ohnehin generell mehr Selbständigkeit einräumen wolle. Dies könne zwar noch nicht für das im August beginnende Schuljahr erreicht werden, womöglich aber im übernächsten Jahr.

          Die Opposition im Landtag lobte Bouffier für die angekündigte Kurskorrektur, forderte jedoch Aufklärung über Details der von ihm angestrebten Lösung. Die Äußerungen des Regierungschefs beim Parteitag könnten nur als Eingeständnis des Scheiterns von G8 verstanden werden, äußerte die bildungspolitische Sprecherin der SPD im Landtag, Heike Habermann. Was genau daraus folge, bleibe jedoch vorerst ein Rätsel. „Es reicht nicht, wenn der Ministerpräsident nebulöse Andeutungen macht, jetzt muss Klartext gesprochen werden.“

          Die Grünen kündigten an, das Thema G8 auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung des kulturpolitischen Ausschusses im Landtag zu setzen. Er erwarte, dass die Kultusministerin dann genauer über ihre Absichten Auskunft geben könne, sagte der Abgeordnete Mathias Wagner. Linken-Fraktionschef Willi van Ooyen äußerte die Hoffnung, dass die neue Kultusministerin den Schaden wiedergutmachen werde, den die Landesregierung mit der Schulzeitverkürzung angerichtet habe. G8 sei grundsätzlich ein Fehler; die Schüler müssten länger, nicht kürzer gemeinsam unterrichtet werden.

          Die Vorsitzende des Landeselternbeirats Hessen, Kerstin Geis, äußerte sich zufrieden über die von Bouffier in Aussicht gestellte Wahlmöglichkeit für Gymnasien. „Das ist das, was hessische Elternvertreter sich schon lange gewünscht haben.“ Auch acht Jahre nachdem an den ersten Gymnasien die Schulzeit verkürzt worden sei, gebe es noch eine große Unzufriedenheit mit der Reform. Der Druck auf die Kinder in den G8-Schulen sei immens. Die von Beer angekündigte weitere Überarbeitung der Stundenpläne sei keine Lösung, weil der Lehrstoff schon bis an die Grenze der Vertretbaren ausgedünnt sei.

          Geis zeigte sich zuversichtlich, dass die Gymnasien Wege fänden, um zur neunjährigen Abiturzeit G9 zurückzukehren. An der Entscheidung darüber müsse die ganze Schulgemeinde, also Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler, beteiligt werden. Dass die Reform umkehrbar sei, beweise die Entwicklung an den Kooperativen Gesamtschulen. Diese dürfen schon seit einigen Jahren zu G9 zurückkehren. Rund 40 Prozent haben nach Angaben des Kultusministeriums bisher von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht.

          Als „späte Erkenntnis“ wertete Hella Lopez, die Vorsitzende des Elternbunds Hessen, die Aussagen Bouffiers. Seit die damalige Kultusministerin Karin Wolff die Schulzeitverkürzung „im Hau-ruck-Verfahren“ eingeführt habe, hätten Eltern, Schüler und Lehrer dagegen protestiert. „Mit großer Sturheit wurden alle diese Einwände ignoriert.“ Lopez forderte Kultusministerin Beer zum Handeln auf. Sie solle die Reform völlig zurücknehmen und die sechsjährige Mittelstufe für alle Schulformen wiedereinführen.

          Die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VHU) warnte hingegen vor einer Rückkehr zu G9. Das achtjährige Gymnasium sei internationaler Standard und mit großen Anstrengungen in Hessen eingeführt worden, sagte VhU-Hauptgeschäftsführer Volker Fasbender in Frankfurt. „Für unsere Volkswirtschaft ist es künftig noch wichtiger, dass junge Menschen frühzeitig in Studium und Beruf einsteigen.“ Der wirtschaftliche Nutzen der Schulzeitverkürzung sei beträchtlich, auch für den einzelnen Akademiker. Ein Jahr früher in den Erwerbsprozess einzusteigen bedeute nach Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft im Durchschnitt einen finanziellen Vorteil von mehr als 50 000 Euro für jeden Schulabsolventen.

          Land und Schulen verfügten schon heute über genügend Spielraum, um Stundentafeln, Curricula und Lernzeit weiter zu optimieren, fügte Fasbender hinzu. Kinder, die ein Jahr länger lernen wollten, könnten dies schon jetzt in vielen Integrierten und Kooperativen Gesamtschulen.

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