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Kreis Offenbach : Disput um Salafisten-Einfluss an Schulen

  • -Aktualisiert am

Koran als Geschenk: Schon 2012 verteilten Salafisten in Offenbach das Buch. Bild: dapd

Schulleiter möchten muslimische Schüler nicht unter „Generalverdacht“ gestellt sehen. Der CDU-Abgeordnete Tipi hingegen meint, Teile der Lehrerschaft nähmen die Gefahren noch nicht ernst.

          3 Min.

          Angaben des CDU-Landtagsabgeordneten Ismail Tipi aus Heusenstamm zu salafistischen Einflüssen an Schulen hat der Interessenverband Hessischer Schulleiterinnen und Schulleiter (IHS) in Zweifel gezogen. Tipi hatte von Vorfällen an sechs Grundschulen, neun weiterführenden Schulen, zwei Förderschulen und drei Berufsschulen in Stadt und Kreis gesprochen. Allein im Kreis gebe es 28 Schüler, bei denen in jüngster Zeit radikalsalafistische Tendenzen offensichtlich seien. Hassprediger wie Pierre Vogel hätten weiterhin ungehindert die Möglichkeit, Jugendliche „mit ihren obskuren Gedanken zu vergiften“.

          Eberhard Schwarz

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Kreis Offenbach.

          In einem offenen Brief an Tipi machte Michael Weis, der Vorsitzende des IHS-Kreisverbands Stadt und Landkreis Offenbach, deutlich, ihm seien diese Zahlen nicht bekannt gewesen. Auch Nachfragen bei anderen Schulleitern hätten „keine Anzeichen für die von Ihnen dargestellte Entwicklung an Schulen im Landkreis Offenbach“ ergeben.

          Tipi wies die Kritik zurück

          Das Staatliche Schulamt für Stadt und Kreis Offenbach habe Weis „keine radikalsalafistische Aktion an auch nur einer Schule“ nennen können. Daher solle Tipi angeben, woher die von ihm angeführten Zahlen stammten. Ansonsten entstünde der Eindruck, „dass Sie auf einem zurzeit aktuellen Terrain agieren und Ressentiments schüren, die niemand wollen kann“. In ganz Hessen gehören dem IHS rund 1200 Mitglieder von Schulleitungen aus 24 Kreisverbänden an.

          Weis, der Direktor der kooperativen Gesamtschule Hermann-Hesse-Schule in Obertshausen ist, schrieb, er lehne es ab, „meine muslimischen Schülerinnen und Schüler quasi unter einen Generalverdacht stellen zu lassen, von wem auch immer“. Dass es im geographischen Umfeld radikalsalafistische Umtriebe gebe, sei sicher unstrittig. Für ihn sei aber auch unstrittig, „dass diese an Schulen im Kreis Offenbach nicht zu finden sind“. Daher sollten weder Ängste noch Ressentiments geschürt werden; „vielmehr sollten wir weiterhin gemeinsam daran interessiert sein, ein gutes Miteinander zu pflegen“. Tipi wies die Kritik zurück; er könne den offenen Brief nicht nachvollziehen. Das Schreiben hinterlasse bei ihm den Eindruck, „dass Teile der Lehrerschaft die Gefahren durch Salafisten immer noch nicht ernst nehmen und versuchen, jegliche Vorkommnisse als unbedeutend oder nicht vorhanden darzustellen“. Er habe niemanden unter Generalverdacht gestellt: „Es geht nicht um die Muslime und den Islam; es geht nur um die Salafisten, die die jungen Leute in unseren Schulen in ihre Falle locken.“

          „Ungläubige sollen sterben“

          Es nutze nichts, die Augen vor der Wirklichkeit zu schließen. Tipi wies darauf hin, das Staatliche Schulamt für Stadt und Kreis Offenbach habe im vergangenen März eine auf fünf Stunden angesetzte Schulleiterdienstversammlung mit dem Thema „Mögliche Bedrohungen durch salafistische Beeinflussungen in Schulen und Konsequenzen für die Schulen in Stadt und Kreis Offenbach“ veranstaltet, an der auch Experten teilgenommen hätten.

          Zur Vorbereitung habe man die Schulen um Rückmeldungen gebeten. Dort sei vom Verbot der Teilnahme muslimischer Mädchen am Schwimmunterricht und an Klassenfahrten die Rede. Muslimische Kinder hätten im Unterricht Äußerungen von Imamen in Moscheeschulen wiedergegeben: „Christen sind Schweine“ und „Ungläubige sollen sterben“. An Schulen seien auch Beschimpfungen wie „Du Jude“ vorgekommen. Einzelne Schüler hätten im Ethikunterricht Sympathie für die salafistische Bewegung geäußert. Viermal habe es „missionarische“ Aktivitäten auf dem Schulhof gegeben. In einer Schule sei der Koran verteilt worden. Wenn Salafismus für die Schulen kein Thema sei, stelle sich für ihn die Frage, „warum diese Konferenz fast einen ganzen Tag gedauert hat“.

          Tabuisieren heißt Unterstützen

          Die von ihm genannte Zahl von 28 Schülern sei „nur die Spitze des Eisbergs“, vermutet der Abgeordnete, der selbst Muslim ist. Salafisten versuchten fast täglich, junge Leute auch im Umfeld von Schulen oder auf Schulhöfen anzusprechen. Im schlimmsten Fall würden die Mädchen und Jungen als Gotteskrieger für Syrien rekrutiert. Nicht jede Schule sei betroffen; das bedeute aber nicht, dass nicht andere Schulen schon von Salafisten besucht würden.

          Tipi sprach sich dafür aus, über das Thema offen zu diskutieren. Er bekomme fast täglich Anrufe von besorgten Eltern. Auch muslimische Eltern meldeten sich bei ihm, deren Kinder von Fundamentalisten angesprochen worden seien, und fragten, was sie tun sollten. Nach Ansicht von Tipi wird jeder, der über das Thema nicht sprechen oder es tabuisieren will, zum „stillschweigenden Unterstützer“ für die Salafisten.

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