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„Drähte laufen heiß“ : Bevölkerung sauer wegen Aus für Landgestüt

  • Aktualisiert am

Vor dem Aus: Hessisches Landesgestüt in Dillenburg Bild: dpa

Die Schutzschirmkommune Dillenburg sieht einen herben Schlag für seine touristischen Bemühungen. Die CDU trägt die Proteste für den Erhalt des Landgestüts mit. Dabei bekommt sie von der SPD im Landtag Unterstützung.

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          Das Aus für das Landgestüt stößt in der mittelhessischen Stadt Dillenburg auf Kritik und Unverständnis. „Wir werden die heftigen Proteste mittragen, die aus der Bevölkerung kommen“, sagte die Erste Stadträtin Elisabeth Fuhrländer (CDU) der Deutschen Presse-Agentur. „Die Bevölkerung akzeptiert das nicht. Die Telefone laufen heiß.“ Das Gestüt sei für den Tourismus in der mittelhessischen Schutzschirmkommune enorm wichtig. Der von Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) genannte Grund des Tierschutzes sei vor allem ein „Totschlagargument“. Kritik kommt auch von der SPD im Landtag.

          Der Verband der Pony- und Pferdezüchter Hessen bedauerte die Entscheidung. „Wir werden durch eine Auflösung des Landgestüts nicht nur eine züchterische Einschränkung erfahren, sondern gleichermaßen auch ein Stück gewachsener Pferdetradition verlieren“, sagte Geschäftsführer Klaus Biedenkopf.

          Novellierte rechtliche Vorgaben

          Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Günter Rudolph, betonte, Tierschutz sei zwar wichtig. „Jedoch stellt sich die Frage, ob an einer wirklichen Lösung der Situation von Seiten der Landesregierung überhaupt Interesse gezeigt wurde.“ Die Sprecherin des Umweltministeriums, Franziska Richter, sagte dagegen: Die novellierten rechtlichen Vorgaben könnten trotz verschiedener bereits getroffener Maßnahmen nicht für jedes Pferd umgesetzt werden. Das Land habe zudem eine Vorbildfunktion, „der es mit der derzeitigen Tierhaltung in Dillenburg nicht gerecht wird“.

          SPD-Politiker Rudolph und Unionspolitikerin Fuhrländer kritisierten auch Hinz’ Informationspolitik. „Erst wird die Öffentlichkeit informiert und danach erfahren es die Abgeordneten aus den Medien“, sagte Rudolph. Fuhrländer bemängelte, Hinz’ Brief habe die Stadt mit ihren rund 24 000 Einwohnern am ersten Ferientag völlig überrascht. Die rund 30 Beschäftigten des Gestüts seien auch nicht vorher informiert worden. Zumindest die fünf Auszubildenden sollen in andere Betriebe vermittelt werden, wenn sie ihre Lehre nicht in Dillenburg zu Ende machen können, sagte Richter.

          Die Stadt mit ihrem CDU-Bürgermeister habe eigentlich auf eine Antwort des CDU-Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Volker Bouffier auf einen Brief gewartet, berichtete Fuhrländer. Darin habe Bürgermeister Michael Lotz, der derzeit im Urlaub ist und sich sehr für das Gestüt engagiere, Vorschläge für dessen Weiterentwicklung gemacht.

          Das weit über Hessen bekannte Landgestüt sei ein enorm wichtiger Wirtschafts-Faktor und ein Tourismusmagnet für die Schutzschirmkommune am Rande von Nordrhein-Westfalen, betonte Fuhrländer. Zur Lebensartmesse für Garten und Wohnen Ende Juni beispielsweise seien wieder fast 20 000 Menschen gekommen. Bei den Hengstparaden seien es alle zwei Jahre etwa 8000 Besucher.

          „Wir wissen noch gar nicht, welche Möglichkeiten es jetzt gibt; ob wir das Landgestüt kaufen können“, sagte Fuhrländer. Das Gestüt sei eine der größten Barockansiedlungen des Landes und zwei Ställe denkmalgeschützt. „Wir legen aber großen Wert darauf, dass wir mitplanen können.“ Allerdings könnten die Gremien sich erst nach der Sommerpause damit befassen. Daher sei es nicht möglich, bereits im Herbst mit der Planung zu beginnen, wie Hinz schreibe. Im Ministerium heißt es dazu: Der Landesbetrieb Landwirtschaft erarbeite ein Konzept für den Übergang. „Der weitere Zeitplan hängt von Entscheidungen zur Folgenutzung des Areals ab.“

          1869 gegründet

          Die „Fortführung der Hengsthaltung“ in dem Gestüt erscheine im Sinne eines „effektiven Tierschutzes“ nicht mehr tragbar, hatte das Umweltministerium am Montag mitgeteilt. Dies gelte auch, wenn die Zahl der Tiere von derzeit 40 weiter reduziert würde, sagte Sprecherin Richter. Zudem gehöre aus Sicht des Ministeriums der Betrieb eines Landesgestüts nicht zu der hoheitlichen Aufgabe einer Landesregierung. Eine endgültige Entscheidung über die Zukunft des Landgestüts sei daher überfällig gewesen.

          Das Gestüt war 1869 als Preußisches Hessen-Nassauisches Landgestüt gegründet worden, 1929 wurde noch eine Reit- und Fahrschule angegliedert. Das Gelände hat eine Fläche von zehn Hektar samt Paradeplatz, Stallgebäuden, Reithallen und einem Kutschenmuseum in der historischen Orangerie. Seit 2001 ist das Landgestüt ein Standort des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen.

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