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Landgestüt vor dem Aus : Letzter Aufgalopp in Dillenburg

  • -Aktualisiert am

Vorgeführt: Eine angehende Pferdefachwirtin übt auf dem Paradeplatz vor dem Reithaus des Dillenburger Landgestüts. Bild: dpa

Es sieht düster aus für Dillenburgs Pferdefreunde: Denn das Land sieht für das mittelhessische Landgestüt keine Zukunft mehr. Die Gründe sind vielfältig, im Vordergrund steht das Wohl der Tiere.

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          Gehört es zu den Kernaufgaben des Landes, Wein zu erzeugen? Ist es seine Pflicht, Thermalbäder zu betreiben und Kurparks zu pflegen? Und: Muss Hessen ein Gestüt zur Pferdezucht unterhalten? Beim Riesling sind sich die Landespolitiker über alle Fraktionsgrenzen hinweg einig: Die Privatisierung der ehemals chronisch defizitären Hessischen Staatsweingüter im Rheingau kommt auf absehbare Zeit nicht in Betracht.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Von seinen verlustreichen Staatsbädern hingegen hat sich das Land schon vor 15 Jahren verabschiedet und sie mit einer ordentlichen Mitgift den jeweiligen Kommunen aufgezwungen. Nun sorgt das Dillenburger Landgestüt für Schlagzeilen, weil das Land die Schließung angekündigt hat und die Zucht nicht mehr als seine Aufgabe ansieht und das Wohl der Tiere als nicht mehr gegeben betrachtet.

          Letztes Landgestüt in Hessen

          Anders als bei den hessischen Staatsbädern kommt in diesem Fall eine Kommunalisierung nicht in Betracht. Dabei ist die Bedeutung des Landgestüts für das 24 000 Einwohner zählende mittelhessische Dillenburg beachtlich. Nicht nur wegen der teilweise denkmalgeschützten Liegenschaften mitten im Ort, sondern auch wegen seiner Funktion als Publikumsmagnet. Es geht überdies um eine lange Tradition und um ein touristisches Pfund, mit dem sich ordentlich wuchern lässt.

          Die Einrichtung war 1869 als Preußisches Hessen-Nassauisches Landgestüt gegründet und 1929 um eine Reit- und Fahrschule als Ausbildungseinrichtung ergänzt worden. Die Vorgeschichte reicht allerdings bis ins 16.Jahrhundert zurück. Der Hauptgrund für die Existenz eines staatlichen Landgestüts ist allerdings schon lange überholt: für Armee und Landwirtschaft robuste Tiere zu züchten. Panzer haben die Kavallerie ersetzt, Traktoren die Pferde.

          Das blieb nicht ohne Folgen für alle Landgestüte. Seit der Auflösung des Landgestüts in Darmstadt vor 60 Jahren hielt in Hessen einzig Dillenburg die Tradition der Zucht hochwertiger Pferde hoch, auch wenn es mehr um Sport- als um Arbeitstiere geht. Und arme Bauernsöhne müssen für die mühsame Feldarbeit mit dem Pferd schon lange nicht mehr geschult werden.

          Vorbildfunktion beim Tierschutz

          Das Landgestüt konzentrierte sich auf Sport und Freizeit, und das durchaus mit Erfolg, auch wenn die Zahl der Tiere und der Mitarbeiter sukzessive abnahm. Bis zu 150 Zuchttiere sollen im 19. Jahrhundert in Dillenburg gehalten worden sein. Rund 40 sind es derzeit, darunter noch acht Zuchthengste. Fast 30 Mitarbeiter sind von der geplanten Schließung betroffen, die eine längere Übergangsfrist in Anspruch nehmen und frühestens im Sommer nächsten Jahres greifen könnte. Einen Zeitplan hat das Ministerium noch nicht.

          Rückgang: Unter den nur noch rund 40 Pferden am Dillenburger Landgestüt sind acht Zuchthengste.

          Der Zeitpunkt der Schließungsankündigung überrascht, und die Begründung wirkt auf den ersten Blick nicht überzeugend. Gleichwohl ist es richtig, dass die Diskussion um das Tierwohl in der Gesellschaft an Bedeutung gewonnen hat. Und nicht nur das. Der Druck auf das Land hat sich erhöht durch die veränderte Vorgabe, wonach den Tieren ein ausgedehnter Auslauf auf einer Koppel in freier Natur ermöglicht werden müsste. Es habe mehrere Gerichtsurteile zur Pferdehaltung gegeben, die den Druck auf das Land als Tierhalter erhöht hätten, heißt es im Ministerium. Zudem sei die Tierzucht keine hoheitliche Aufgabe mehr. Das Hessische Warmblut habe in der Zucht an Bedeutung verloren, und das Land müsse seiner Vorbildfunktion beim Tierschutz gerecht werden.

          Opposition greift Thema auf

          Das alles sind bedenkenswerte Argumente. Wer die Enthornung von Kälbern ebenso ablehnt wie das Schreddern von männlichen Küken, das Kupieren von Hunden und das Kastrieren unbetäubter männlicher Ferkel, der möchte sich nicht gegenüber Tierschützern angreifbar machen wegen eines landeseigenen Gestüts, in dem die eigenen Ansprüche an das Tierwohl nicht in ausreichendem Maß verwirklicht werden können. Denn dass der Platz für die Tiere im Landgestüt eng begrenzt ist, bestreitet niemand.

          Ob sich daraus wirklich Nachteile für die Pferde ergeben, ist schwierig zu beurteilen. Die Stadt will mit einem Sachverständigen versuchen, die Tierschutzargumente zu widerlegen, um Ministerin Priska Hinz (Die Grünen) vielleicht doch noch umstimmen zu können. Die Chancen stehen aber nicht eben günstig. Die Landtags-Opposition hat das Thema und die heftigen Proteste in Dillenburg dankbar aufgegriffen und attackiert die Ministerin mit dem Argument, ihr gehe es vor allem um die Tilgung eines defizitären Etatpostens des Landesbetriebs Landwirtschaft. Mehr als eine Million Euro muss das Land im Jahr für die Einrichtung aufwenden.

          Keine Alternative zu freiem Auslauf

          Für Dillenburg ist das Landgestüt auch ein ökonomischer Faktor, nicht nur wegen der alle zwei Jahre stattfindenden Hengstparade, die stets einige tausend Besucher anlockt. Entsprechend groß war der Schock, und entsprechend heftig waren die Proteste. Eine Demonstration in der Fußgängerzone war schnell organisiert, ebenso eine Unterschriftensammlung und eine Online-Petition im Internet, zu deren Begründung es heißt: „Hier soll ein jahrhundertealtes Stück Landes- und Sport-Geschichte wegrationalisiert werden.“ Auch eine Sondersitzung der Stadtverordneten ist in Planung, wiewohl unklar ist, was dabei außer einer Resolution beschlossen werden könnte.

          Der Pferdesportverband Hessen hat sich mit einem halben Dutzend weiterer Zucht- und Reitvereinigungen den Protesten angeschlossen und einen offenen Brief an Ministerin Hinz formuliert, in dem bestritten wird, dass die Pferdehaltung in Dillenburg dem Tierwohl zuwiderläuft.

          Das Ministerium sieht das ganz anders. Es habe sich gezeigt, dass es zu einem ausreichenden freien Auslauf auf Koppeln keine Alternative gebe. Und die Stadt müsse sich um das sensible Areal in hervorgehobener Lage keine Sorgen machen: Es bleibe der Stadt und den Bürgern erhalten.

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