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Kunst in Darmstadt : Kultur in der Digitalstadt

Gespeist von digitalen Daten: Installation von Siegfried Kärcher an dem Bungalow auf der Rosenhöhe Bild: Verena Schneider

Ein Verein versucht eine Neue Künstlerkolonie auf der Rosenhöhe in Darmstadt zu beleben. Im denkmalgeschützten Bungalow geht es um ein Zukunftsthema.

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          Wenn die „Digitalstadt“ Darmstadt ein Herz hat, dann ist dessen Rhythmus besonders eindrucksvoll bei Dunkelheit im Park Rosenhöhe zu sehen. Und zwar vor allem in den Farben Grün und Rot, die als kleine Punkte oder Farbflächen über die Fensterfront des Künstlerhauses am Ludwig-Engel-Weg 1 hin und her springen, untermalt von einem Ton, der manchmal an eine lang anhaltende Sirene erinnert oder an ein beschleunigendes Auto. Die Licht- und-Ton-Installation trägt den Titel „Situation für Kunst@Neue Künstlerkolonie Darmstadt (Data_Context_Switch)“ und stammt von dem in Frankfurt lebenden Hacker, IT-Spezialisten und bildenden Künstler Siegfried Kärcher. Das Kunstwerk stellt das erste große Projekt des im vergangenen Jahr gegründeten Vereins „Kultur einer Digitalstadt“ dar.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Mit der Lebendigkeit der Kommune hat die bunte, sich ständig ändernde Installation deshalb viel zu tun, weil Kärcher auf Digitaldaten zurückgreifen kann, die ihm die Stadt zur Verfügung stellt. Wetter- und Ozonwerte, Daten zum Verkehrsfluss, zur Ampelsteuerung, zur aktuellen Schadstoffbelastung oder zum Lärmpegel: Sie alle werden unentwegt in Echtzeit oder als Datensatz in den Ludwig-Engel-Weg übermittelt und dort auf Basis des von Kärcher gestalteten Algorithmus auf die Fensterfront des Künstlerhauses übertragen. Zwei Kameras nehmen überdies die Reaktionen von Spaziergängern auf und spielen diese in den Datenpool mit ein. Das Resultat ist eine hyperaktive „soziale Plastik“, die das digitale städtische Leben Darmstadts visualisiert.

          Die Idee, ein Projekt zur Kultur in der Digitalstadt zu initiieren, ist entstanden, nachdem Darmstadt den Wettbewerb des IT-Branchenverbandes zur digitalen Modellkommune gewonnen hatte. „Wir haben uns auf der Seite des Bitkom-Verbandes umgesehen und dort sieben ‚Handlungsfelder‘ entdeckt. Eines davon war leer. Da haben wir gesagt: Das ist das Feld, das wir bespielen wollen – Kunst und Kultur“, sagt Albrecht Haag, Mitinitiator der „Darmstädter Tage der Fotografie“. Er und der Fotograf und bildende Künstler Lukas Einsele sowie Wolfgang Stiller von der Universitäts- und Landesbibliothek sind zu Kuratoren des neuen Gesprächsforums zur digitalen Kultur ernannt worden. Erste Kontakte zur Stadt nahmen die sieben Gründungsmitglieder 2018 auf, im Sommer vergangenen Jahres konnte ein Nutzungsvertrag für das Künstlerhaus am Eingang zum Park Rosenhöhe vereinbart werden.

          Raum für kritische Gespräche und Experimente

          Das war ein doppelter Glücksfall. Einerseits suchten Haag und seine Kollegen nach einem analogen Raum mit „eigener Identität“, andererseits sondierte die Stadt einen Weg, wie die Neue Künstlerkolonie auf der Rosenhöhe den Charakter einer „offenen Spielstätte für den Diskurs“ bekommen könnte, wie es Kulturreferent Ludger Hünnekens formulierte.

          Der Bungalow Ludwig-Engel-Weg 1, in dem lange Jahre der Schriftsteller und Theaterkritiker Georg Hensel mit seiner Frau lebte, bot sich dafür nach dem Tod der Witwe an. Der denkmalgeschützte Komplex mit Atelier und separatem Wohngebäude wurde von der Stadt saniert und steht seitdem dem Verein zur Verfügung, der eng mit der Digitalstadt GmbH kooperiert. „Wir als Verein verstehen uns als Plattform. Wir wollen mit allen Akteuren über die Digitalisierung und ihre Folgen ins Gespräch kommen“, sagt Haag. Insbesondere Künstler und Kulturschaffende benötigten die Möglichkeit, sich mit den neuen Bedingungen und Möglichkeiten der digitalen Welt auseinanderzusetzen. Dazu brauche es Räume für das kritische Gespräch und zum Experimentieren, in denen man nicht unmittelbarem wirtschaftlichen Druck oder vorschneller Bewertung ausgesetzt sei.

          Das städtische Atelierhaus hält Haag für den idealen Ort, um die Gespräche zu führen. Durch seine Geschichte, Architektur und Nähe zur Mathildenhöhe gebe es eine räumliche und inhaltliche Verbindung zur dortigen Künstlerkolonie als wesentlichen „Wegbereiter der Moderne“. Darmstadts Experimentierfreude und seine Bereitschaft, Neues zu wagen, könnten so nur wenig entfernt auf der Rosenhöhe ihre Fortsetzung finden in einem Zeitalter, das von der Verbindung zwischen Analog und Digital und von Wissenschaft und Kunst gekennzeichnet sei. Das Programm des Vereins sieht jährlich etwa acht Veranstaltungen vor, die in Format und Dauer sehr unterschiedlich sein können, aber möglichst über den Tellerrand Darmstadts hinausreichen sollen. „Wir wollen modellhafte Fragen zur kulturellen Praxis in einer digitalen Gesellschaft stellen, die auch eine Kommune im Ruhrgebiet interessieren“, sagt Haag.

          Alfred Haag: Er kümmert sich um die Lichtinstallation des Künstlers.

          Was das für Fragen sein können, zeigt die Themenliste des „Digitalen Salons“, der einmal im Monat auf der Rosenhöhe stattfinden soll. Die Stichworte lauten „Partizipation 2.0“, „Digitales Dokumentieren und Archivieren“, „Lernen und Lehren“ oder „Copyright und Vergütungsmodelle“. Vorgesehen sind Expertenrunden mit drei bis sechs Teilnehmern, die in Ton, Bild, Video und Text dokumentiert werden. Außerdem ist die Gründung eines Jugendclubs geplant. „Wir werden diesen Ort also auch hacken“, sagt Haag.

          Kärchers Installation ist noch bis zur Finissage am 29. Februar im Künstlerhaus auf der Rosenhöhe zu sehen, am 12. Januar öffnet das Ateliergebäude von 14 bis 18 Uhr zum Tag der offenen Installation.

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