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Digitalisierung in der Schule : Die ärgerliche Oberflächlichkeit

Am Berliner Gymnasium Carolinum unterrichtet der Englischlehrer mit Hilfe eines iPads. Bild: dpa

Kein technisches Medium wird die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ersetzen. Doch die weiterführenden Schulen dürfen bei der Digitalisierung nicht außen vor bleiben.

          Am ärgerlichsten an der Digitalisierungsdebatte ist ihre Oberflächlichkeit. Da verweisen Elternvertreter anklagend auf die ach so fortschrittlichen skandinavischen und angelsächsischen Bildungswelten, wo es schon zur Einschulung Tablets regnet. Als ob die ständige Verfügbarkeit technischer Apparate per se irgendeinen Lernfortschritt brächte.

          Oder die Demut, mit der den sogenannten Digital Natives begegnet wird. Heutzutage wüssten die Schüler doch viel mehr über die „neuen Medien“ als ihre Lehrer, lautet eine unwidersprochen wiederkehrende Phrase. Dabei sind die meisten Jugendlichen reine Konsumenten, sie tippen routiniert auf ihrem Smartphone herum und wissen, dass man beim Buchen des Urlaubshotels auf leistungsstarkes W-Lan achten sollte.

          Ausnahme in der Grundschule

          Nein, es gibt viel zu tun für Lehrer, die den digitalen Möglichkeiten aufgeschlossen und dennoch kritisch gegenüberstehen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) weist auf etwas hin, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: Dass weiterhin das Primat der Pädagogik gilt. Kein technisches Medium wird die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ersetzen, und auch das unschlagbar einfache, gegen Hackerattacken und Stromausfälle gefeite Schulbuch wird noch eine Weile erhalten bleiben.

          Das vorausgesetzt, spricht viel für eine zweckdienliche und von den wirtschaftlichen Interessen der Soft- und Hardwarehersteller unabhängige Nutzung digitaler Medien. In der Grundschule sollte sie die große Ausnahme sein: Hier steht die Entwicklung der Sprache, der Feinmotorik, der sozialen und musischen Fähigkeiten und natürlich des Lesens, Schreibens und Rechnens im Vordergrund. Eine Lernsoftware schadet da meist mehr, als sie hilft.

          Anders liegt die Sache in den höheren Klassen. Weite Teile von Gesellschaft, Hochschule und Arbeitswelt sind längst digitalisiert, da darf die Schule nicht außen vor bleiben. Einmal wöchentlich in einen „PC-Raum“ zu gehen und eine Programmiersprache zu lernen, ist nicht mehr zeitgemäß. Digitale Medien können, wenn sie pädagogisch und didaktisch begründet eingesetzt werden, dem Lernen in allen Fächern dienen.

          Die Beispiele reichen vom einfachen Recherchieren etwa in Geschichte über das Erstellen interaktiver Diagramme in den Naturwissenschaften bis hin zum Aufzeichnen und Analysieren von Bewegungsabläufen im Sport. Und in der Berufsschule sollte sich von selbst verstehen, dass die technische Umgebung mit der in der Wirtschaft vergleichbar sein muss.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

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