https://www.faz.net/-gzg-a3zhf

Digitales Kunstfestival : Auge in Auge mit dem Freischütz

Geschrieben vom Algorithmus, performt von echten Menschen: Live in der Centralstation Darmstadt und als Stream ist „Prometheus unbound“ zu sehen. Bild: Cyberräuber

Vom Radioballett bis zur „Mixed Reality Experience“ reicht das Angebot des ersten Festivals Performing Arts und Digitalität in Darmstadt. Noch bis Sonntag gibt es an sechs Standorten im Stadtgebiet digitale Kunsterlebnisse.

          3 Min.

          Kaum geht die Tür der Ludwigskirche auf, steht man mittendrin in „When Weather Was Wildlife“. Den mächtigen Kuppelbau am Darmstädter Wilhelminenplatz durchströmen die Klänge von Meeresbrandung, sanfte Mädchenstimmen, Windgeräusche, sphärische Klänge, aus denen ab und an eine E-Gitarre herauszuhören ist. Bisweilen donnern die Töne gewaltig durch das Rund. Während man durch Sankt Ludwig spaziert, kommen von allen Seiten Texte, Töne, Eindrücke. In Werner Cees Szenario ist das Arktis-Eis geschmolzen, der Lebensraum bedroht, während eine Männerstimme uns jene amerikanischen Patente vorträgt, die das Wetter und die Natur in menschengemachte Schranken weisen sollten.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für sein Hörspiel „When Weather Was Wildlife“ hat der Akustikkünstler Cee, 1953 in Friedberg geboren, einst Städelschüler, in der vergangenen Woche den renommierten Prix Italia bekommen – schon zum zweiten Mal. Aus dem Material hat er seinen 37 Minuten langen Loop geschnitten. Wer bis Sonntag die Kirche betritt, erlebt ein Werk, das sich bestens einfügt in die leuchtend blaue Himmelskuppel des Gotteshauses. Schließlich geht es Cee seit Jahren in seinen Arbeiten um Atmosphäre, Wetter, Umwelt und den Einfluss des Menschen. Verschiedene QR-Codes, auf Postkarten in der Kirche zu finden, führen jetzt zu „Cloud Songs“ von Bettina Obrecht.

          Cees jüngste Arbeit ist Teil des Festivals „Performing Arts & Digitalität“, das die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste jetzt zum ersten Mal in Darmstadt veranstaltet. Noch bis Sonntagabend ist an sechs Standorten Kunst zu erleben, die Performance und Digitalität verbindet. Vom Radioballett „Zerstreuung jetzt“ für alle, das die Gruppe Ligna schon erfolgreich in Wiesbaden und Frankfurt veranstaltet hat und das am Freitag auf dem Georg-Büchner-Platz stattfindet, bis zur Audioinstallation „Der Absprung“ im Foyer des Staatstheaters reicht das Angebot.

          Mix aus live und virtuell bestimmt das Programm

          Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, deren Hauptsitz in Bensheim ist, will mit dem Festival ein neues Phänomen präsentieren. Denn digitale Techniken und Darstellungsweisen erobern immer stärker die Bühnen – oder verlängern diese in andere Räume. Mittlerweile ist in Dortmund eine Akademie für Theater und Digitalität gegründet worden, die sich nun mit vier Projekten beim Darmstädter Festival präsentiert. Neue Formen entstehen, Mixturen aus Live-Spiel, virtueller Realität, aus Theater, Ausstellung, Film, Computerspiel.

          Zur Eröffnung des Festivals haben Fachleute über deren Chancen und Möglichkeiten diskutiert: Vor allem hybride Formen aus analogem Spiel und Virtual Reality könnten zukunftsweisend sein, heißt es. Nachzusehen sind die Diskussionen und Vorträge auf der Internetseite des Festivals, performingarts.digital, dort werden einzelne Shows auch gestreamt.

          Der Mix aus live und virtuell bestimmt auch das Festivalprogramm. „Prometheus unbound“ der Gruppe Cyberräuber etwa wird zum Festivalabschluss am 4. Oktober in der Centralstation zeigen, wie Künstliche Intelligenz ein für jede Vorstellung anderes Stück schreibt. Cyberräuber bringen außerdem in den Kunstraum 806 qm ihre Produktion „Fragmente. Ein digitaler Freischütz“ mit, für die sie mit dem Staatstheater Karlsruhe die Oper „Freischütz“ in einzelne atmosphärische Szenen zerlegt haben. Mit VR-Brille und Joystick ausgestattet, fliegt der Besucher durch die Räume der Oper, ist mal in der Hölle, mal Auge in Auge mit dem Sänger.

          Großes Interesse von Fachbesuchern

          Vor allem in der freien Szene sind solche Projekte bislang entwickelt worden. Mit Corona hat das plötzlich eine ganz andere Dynamik bekommen. Gerade der subventionierte Kulturbetrieb habe sich lange von der Digitalität ferngehalten, so Festivalleiterin Daniela Ginten. Corona habe einen Zwang erzeugt, das digitale Abspielen als Möglichkeit zu nutzen und gleichzeitig neu und anders über digitale Verfahren nachzudenken. Insofern haben die Beschränkungen durch die Pandemie zwar Änderungen am Festivalprogramm nötig gemacht – andererseits aber ist das Thema Digitalität und Darstellende Kunst noch mehr ins Bewusstsein gerückt.

          Das Interesse von Fachbesuchern ist groß, für das Publikum gibt es ein breites Angebot, zum Teil bei freiem Eintritt. Damit erweitert die Akademie, bekannt vor allem durch den Eysoldt-Preis und die „Woche junger Schauspieler“ in Bensheim, auch ihren Radius: Sie will stärker eine Arbeitsakademie mit eigenen Projekten werden. Wenn möglich, soll das Digitalfestival alle zwei Jahre stattfinden.

          Für die erste Ausgabe, die international ausgezeichnete, wegweisende Kunstwerke zeigt, konnten zahlreiche Förderer gewonnen werden, vor allem der Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main. Denn der technische Aufwand für die Cyber-Kunst ist enorm: Ein Budget im „unteren sechsstelligen Bereich, so Ginten, hat das Pilotprojekt gekostet. Die Digitalstadt Darmstadt habe sich als Austragungsort angeboten. Dort gibt es auch genug unterschiedliche Orte, an denen die ungewöhnlichen Shows stattfinden können: Der Kunstraum Earlstreet 25 etwa, ansässig im Hinterhof Pallaswiesenstraße 25, bietet „Eurydike Infected“ von Evelyn Hriberšek genug Platz, um einen Rundgang durch verschiedene Räume für immer nur einen Besucher zu inszenieren. Eine Mischung aus Installation, bestehend aus einer historischen Klinikeinrichtung, die um weibliche Lebensstationen kreist, aus Augmented und Virtual Reality und Performance, wo den Besucher ein Wesen wie aus einer anderen Galaxie empfängt und einweist. Wer findig genug ist, kann in dieser Art Computerspiel außerhalb des Computers weitere, digitale Ebenen auslösen.

          Das Festival Performing Arts & Digitalität findet bis 4. Oktober statt. Informationen und Online-Angebote unter performingarts.digital.

          Weitere Themen

          Kampf mit Messern, Fäusten und Stöcken

          Landgericht Hanau : Kampf mit Messern, Fäusten und Stöcken

          Eine Messerstecherei im April in Hanau endete für etliche der Beteiligten mit lebensgefährlichen Verletzungen. Am Freitag machte eine Litauerin als erste Zeugin in der Verhandlung vor dem Landgericht Hanau ihre Aussage.

          Kunst gegen Kettensägen Video-Seite öffnen

          Dannenröder Forst : Kunst gegen Kettensägen

          Der Pianist Igor Levit hat am Freitag gegen die Abholzungen im Dannenröder Forst demonstriert. Das Waldstück soll für den Ausbau der Autobahn 49 abgerodet werden.

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.
          Pfizer stellt den Impfstoff in Belgien und den Vereinigten Staaten her.

          Impfstoffherstellung : Qualitätsproblem bremst Biontech

          Pfizer und Biontech müssen ihrem hohen Tempo Tribut zollen und können nur halb so viele Impfstoffdosen liefern wie ursprünglich geplant. Wer macht das Rennen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.