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Digitale Aufklärung : Heimatgeschichte auf Facebook

  • -Aktualisiert am

Neugierig: Stefan Trautmann recherchiert in alten Zeitungen im Heimatmuseum von Freigericht. Bild: Wonge Bergmann

Junge Leute für alte Zeiten zu begeistern ist schwer. Stefan Trautmann hat es in Freigericht mit einer Facebook-Gruppe versucht – und wurde von dem Erfolg überrascht.

          Eigentlich hat sich Stefan Trautmann nie groß für Geschichte interessiert. Vor zwei Jahren aber fand der gebürtige Freigerichter bei seiner Großmutter einen Schuhkarton mit alten Fotos. „Damit hat es eigentlich angefangen“, sagt er. Der inzwischen Fünfunddreißigjährige wurde neugierig. Er versuchte herauszufinden, wer und was auf den Fotos zu sehen ist, um so etwas über die eigene Familie zu erfahren. Und Trautmann, Poloshirt, Dreitagebart, stellt sich Fragen: „Wann wurde unser Haus gebaut? Wer hat darin gewohnt?“ Das Interesse an seiner Familiengeschichte und an der Geschichte seiner Heimatgemeinde Freigericht hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen.

          Einige der alten Fotos, die er bei seinen Recherchen fand, teilte Trautmann in der Facebook-Gruppe der Gemeinde Freigericht. „Die Leute haben die Bilder kommentiert und fanden es sehr interessant“, erinnert er sich. Wegen des großen Interesses kam er auf die Idee, eigens für den Austausch historischer Bilder die Facebook-Gruppe „Historisches aus Freigericht“ zu gründen. Mittlerweile, gut ein Jahr später, hat diese Gruppe knapp 2000 Mitglieder. Damit ist ungefähr jeder achte Freigerichter dabei.

          Verbindung zur alten Heimat

          „Von Tag zu Tag wurden das mehr Mitglieder, auch viele junge Leute, die sich plötzlich für das Thema interessiert haben. Das explodierte von Anfang an“, erzählt Trautmann, der verheiratet ist und einen sechs Jahre alten Sohn hat. „Dass das so etwas Großes wird, das hätte ich nie erwartet.“ Sogar ehemalige Freigerichter, die in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, nutzen die Gruppe als Verbindung zu ihrer alten Heimat und zu ihrer Familiengeschichte.

          Zu einem Schwarzweißbild, das ein paar Buben mit Schubkarren in den fünfziger Jahren zeigt, schrieb eine Nutzerin: „O die Renne koann ich mich ned erinnern, ewwer ich kenn die Kerrnjchen“, was so viel heißt wie: „An die Rennen kann ich mich nicht erinnern, aber ich kenne die Schubkarren.“ Ein anderer kommentierte: „Der zweite Junge von rechts ist mein Pädder (Patenonkel).“ Gemeinsam überlegten einige aus der Geschichtsgruppe, wo das Schubkarrenrennen stattgefunden hat und ob es solche Rennen immer noch gibt. Und tatsächlich, auf der Kerb in der Nachbargemeinde finden noch Schubkarrenrennen statt, wie ein Mitglied wusste.

          „Das sind schöne Momente“

          Die Facebook-Gruppe boomt. Allein in den vergangenen beiden Monaten wurden in der Gruppe mehr als 421 Beiträge hochgeladen, die Gruppenmitglieder kommentierten diese 2930 Mal und drückten mehr als 23.100 Mal „Gefällt mir“. Obwohl immer mehr Gruppenmitglieder selbst Bilder teilen, kommen die meisten Beiträge immer noch von Trautmann selbst. Was er durch die Facebook-Gruppe erfährt, teilt er inzwischen auch mit dem örtlichen Geschichtsverein.

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          Im Treppenhaus des schönen alten Fachwerkhauses, in dem das Heimatmuseum der Gemeinde Freigericht untergebracht ist, hängt das Bild eines Schweinehirten, der bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg täglich Schweine durch das Dorf trieb. Bei seinem ersten Besuch wusste Trautmann noch nicht, dass dieser Mann sein Ururgroßvater war. Das erfuhr er während der Recherche bei seinen Hausbesuchen bei sehr alten Freigerichtern. „Die können sich noch erinnern, wie mein Ururgroßvater mit den Säuen durchs Dorf gelaufen ist und mit seinem Horn geblasen hat“, erzählt Trautmann. „Das sind schöne Momente.“

          Für andere Hobbys keine Zeit

          Nach und nach merkte er, wie wichtig es ist, alte Bilder zu retten und mit den wenigen Zeitzeugen zu sprechen, die es noch gibt. Trautmann, der in einem Energieunternehmen angestellt ist, trat in den Geschichtsverein ein und wurde wenig später zweites Vorstandsmitglied. Für andere Hobbys hat er keine Zeit, aber er bedauert das auch nicht.

          Fast jeden Abend beschäftigt er sich mit Freigerichts Geschichte, lädt neue Bilder in der Gruppe hoch, dokumentiert und archiviert, macht Hausbesuche, lässt sich alte Fotoalben zeigen und Geschichten von früher erzählen. Besonders freut es ihn, wenn er den Leuten bei seinen Besuchen etwas zeigen kann, womit sie gar nicht mehr gerechnet haben. So brachte er einem alten Herrn im Altenheim ein Klassenbild von 1927 mit. „Das hat ihn fast zu Tränen gerührt. Er konnte nicht mehr viel verstehen, aber das Bild, das hat er erkannt.“ Der Mann habe ihm erzählt, dass er und noch ein Schuljunge auf dem Bild die Einzigen seien, die aus der Klasse noch lebten.

          Die Mitglieder des Geschichtsvereins, die sich jeden Mittwochvormittag treffen, freuen sich, dass sich Trautmann als junger Mann in ihrem Verein engagiert. Durch die Facebook-Gruppe habe der Geschichtsverein zirka 15 neue Mitglieder gewonnen, schätzt Trautmann. Andere Geschichtsvereine aus dem Umkreis griffen die Idee auf, und so gibt es inzwischen auch Facebook-Gruppen für Hasselroth, Rodenbach und Langenselbold. Trautmann sagt: „Ich freue mich, wenn sich Leute inspirieren lassen, Geschichte auf Facebook zu teilen.“

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