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Im Gespräch: Dieter Graumann : „Ich hatte keine Großeltern - und wusste, weshalb“

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Mit der Einschulung bekam er einen neuen Vornamen: der ehemalige Präsident des Zentralrats der Juden und Frankfurter Dieter Graumann. Bild: dpa

Dieter Graumann, nun ehemaliger Präsident des Zentralrats der Juden, erzählt sein Leben Werner D’Inka und Peter Lückemeier. Ein gekürzter Auszug aus dem Buch „Ab heute heißt du Dieter!“

          Herr Graumann, in welchem Alter begannen Sie, Ihre Eltern nach der Vergangenheit zu befragen?

          Sehr früh. Meine Mutter konfrontierte mich schon als kleinen Jungen mit ihren Erinnerungen, mit ihren Traumata. Da war es zwangsläufig so, dass ich meinen Vater fragte: „Und wie war das bei dir?“

          Hatten Sie den Eindruck, dass Ihre Eltern untereinander über Erlebnisse sprachen, die sie Ihnen vorenthielten, um Sie zu schonen?

          Nein, niemals. Ich hatte im Gegenteil immer den Eindruck, dass meine Mutter mir alles recht ungefiltert erzählt hat. Sie hatte das Bedürfnis, mir mitzuteilen, was sie so sehr beschäftigte.

          Was psychisch ja eigentlich sehr gesund war.

          Für sie wohl schon: Es ist sicherlich gesund, es nicht zu unterdrücken. Ob es für mich als Kind aber so schrecklich gesund war, das weiß ich nicht. Aber ich kannte es doch gar nicht anders. In dem Lager für Displaced Persons in Frankfurt-Zeilsheim, das erst im November 1948 aufgelöst wurde, herrschte ja ein besonderer Spirit. Dort haben sich meine Eltern damals auch kennengelernt und beschlossen, gemeinsam eine neue Zukunft zu begründen. Sie waren dann über 63 Jahre lang verheiratet - es war eine sehr glückliche Ehe, in der niemals ein böses Wort fiel. In Zeilsheim kamen zu jener Zeit 3500 Menschen zusammen, die alle in den Konzentrationslagern gelitten hatten, hinter denen mehr oder weniger das gleiche Schicksal lag, und diese Menschen stammten alle ursprünglich aus Polen oder anderen osteuropäischen Ländern. Sie hatten ähnliche Erfahrungen gemacht und konnten gar nicht anders, als sich darüber auszutauschen. Ich bin mit den Geschichten aus den Lagern groß geworden wie andere Kinder mit Grimms Märchen. Sonntags kamen die Freunde meiner Eltern aus der Zeilsheimer Zeit in unserer kleinen Zweizimmerwohnung im Westend zu Besuch - und worüber redeten sie? Natürlich fast nur über ihre Zeit in den KZs. Und ich hörte immer sehr aufmerksam zu.

          Sie haben in Ihrem Buch „Nachgeboren - Vorbelastet?“ beschrieben, dass Sie und andere Kinder in ähnlicher Situation nie gegen ihre Eltern rebelliert haben, noch nicht einmal in der Pubertät.

          Das mag merkwürdig klingen, aber das war für uns nun mal ein absolutes No-Go. Es gibt Ausnahmen, aber in der Regel fühlten wir uns als die Eltern unserer Eltern. Wir passten auf unsere Eltern auf, weil wir alle wussten, was sie mitgemacht hatten. Wir Kinder waren ja oft die einzigen Familienmitglieder, die ihnen geblieben waren. Wir waren das einzige Stück Zukunft, auf das sie setzten. Deshalb empfanden wir es als unsere Aufgabe, nicht nur auf sie zu achten, sondern auch alles Leid von ihnen fernzuhalten. Dieser Schutzinstinkt begleitet uns unser ganzes Leben lang.

          War das nicht auch eine Last für Sie?

          Wenn man es im Rückblick betrachtet, antworte ich mit Ja. Als Kind habe ich es aber keineswegs so empfunden. Meine Eltern forderten das natürlich auch niemals ausdrücklich ein, aber es lag irgendwie doch immer unausgesprochen im Raum. Es schwebte wie eine Art neues jüdisches Gebot über unseren Köpfen. Und man kann viel über die Einhaltung jüdischer Gebote denken und meinen, aber dieses jedenfalls war immerzu fest verankert in meinem Herzen und mir stets ein ganz besonderes Anliegen, ja sogar heilig! Ich habe beispielsweise bei Freunden mitbekommen, dass Eltern sagten: „Und deshalb habe ich Auschwitz überlebt, dass du mir das antust?!“ Darüber haben jüdische Komiker ja auch schon viele Witze gemacht: „Du isst deine Suppe nicht, dafür habe ich Auschwitz überlebt?“ Aber bei mir zu Hause gab es so etwas nicht, also kein bewusstes Einfordern der Eltern von Rücksicht oder Fürsorge. Gleichwohl hatte ich immer das Gefühl, dass ich ganz besonders auf sie aufpassen musste und ich alles nur Mögliche machen musste, dass sie nicht noch mehr Leid erdulden sollten, als sie schon erlitten hatten. Verlangt haben sie es nie, ich habe es freilich einfach immerzu gespürt. Und dieses Gefühl trage ich immer in mir.

          Gab es in Ihrer Schulzeit eigentlich Situationen, in denen Mitschüler damit angaben, was deren Väter im Krieg getan hatten?

          Nein, das habe ich nie erlebt, da wäre ich auch hellhörig geworden. Ich war aber in der Volksschule, wie damals die Grundschule hieß, viele Jahre lang das einzige jüdische Kind. Und der Unterschied zu den anderen Kindern war schon deshalb sehr groß, weil sie alle schließlich Großeltern hatten. Die haben alle immer von ihren Opas und Omas erzählt und von den Geschenken, die sie von ihnen bekamen, aber ich hatte eben keine Großeltern, und ich wusste ja auch, weshalb.

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