https://www.faz.net/-gzg-9m50f

Was darf in den Sarg? : Mit Fotos, Kaffee und Schokolade auf die letzte Reise

Letzte Dinge: In diese Urnen können Trauernde Zettel mit letzten Worten beilegen. Bild: Michael Kretzer

Bestatterin Sabine Kistner rät Angehörigen, den Abschied eines Verstorbenen persönlich zu gestalten – zum Beispiel mit Grabbeigaben. Doch nicht alles darf mit in den Sarg.

          Opa war ein Raucher. Vom Genuss, nicht von der Sucht getrieben, wie er zu sagen pflegte. Nach dem Essen, beim Diskutieren, in Gesellschaft, manchmal auch alleine – Opa und die Zigaretten, das gehörte zusammen. Jetzt ist Opa tot. Bevor der Sargdeckel geschlossen wurde, haben ihm seine Kinder noch ein Päckchen Zigaretten in die Brusttasche geschoben – samt Streichhölzern.

          Marie Lisa Kehler

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sabine Kistner kennt viele solcher Anekdoten. Sie ist eine von zwei Geschäftsführerinnen im Bestattungsinstitut Kistner und Scheidler. Gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen ermutigt sie Angehörige, den Abschied eines Menschen so zu gestalten, dass sich zwischen all die Machtlosigkeit auch das Gefühl mischen kann, einen persönlichen, einen guten Abschied gefunden zu haben.

          Einen, an den sie gerne zurückdenken. Einen, bei dem auch mal das Bierglas am Sarg gehoben, eine letzte Zigarette am Grab geraucht, das Lieblingslied des Verstorbenen laut gegrölt werden darf. Die Bestatterinnen versuchen den Angehörigen das Gefühl zu nehmen, Erwartungen entsprechen oder vermeintlich vorgeschriebene Etikette einhalten zu müssen. „Beerdigungen können so individuell sein wie das Leben selbst“, sagt Kistner.

          Jogginghose, Daunenkissen, Kuscheltier

          Für einen Fußballfan haben sie einmal einen Sarg mit Kunstrasen ausgeschlagen, für einen anderen Rollrasen statt eines Blumenbuketts auf dem Sarg befestigt, erinnert sich die Sechzigjährige. Als eine Familie von ihrem Kind Abschied nehmen musste, haben die Bestatterinnen geholfen, das Innere des Sarges in ein Fotoalbum zu verwandeln. Jeder Zentimeter wurde mit guten Erinnerungen beklebt.

          Es sind diese Momente der Schwere, in denen Kistner trotzdem so etwas wie Leichtigkeit erfährt. Weil sie ahnt, wie sehr es den Trauernden hilft, mitgestalten zu dürfen in einer Zeit, in denen ihnen die Kontrolle zu entgleiten droht. „Wenn man die Menschen fragt, was ihren Angehörigen im Leben wichtig war, dann kommen viele Ideen, wie man den Abschied gestalten könnte“, sagt die 26 Jahre alte Sonja Herrnsdorf, die auch in dem Bestattungsinstitut arbeitet.

          Da wird dem Verstorbenen statt des feinen Zwirns schon mal die geliebte Jogginghose angezogen, da wandern Sofadecken, Daunenkissen und Kuscheltiere in den Sarg und werden Poster der Lieblingsband, Zeitschriften samt Lesebrille oder auch mal eine Packung der Lieblingspralinen mit bestattet.

          Entwicklung von Ritualen

          Vier Frauen arbeiten in dem Beerdigungsinstitut, das Sabine Kistner gemeinsam mit ihrer Kollegin Nikolette Scheidler vor 13 Jahren gegründet hat. Kistner, eigentlich Sozialpädagogin, hatte zuletzt in der Krankenhausseelsorge gearbeitet. „Dass man nur da sein und aushalten muss, das habe ich als schwer empfunden“, erinnert sie sich. In ihrem jetzigen Beruf habe sie das Gefühl, helfen zu können. Durch Zuhören und Aushalten, durch die Fähigkeit, Menschen zu ermutigen, den Abschied so zu gestalten, dass er nicht an Endgültigkeit, wohl aber an Schrecken verliert.

          Sie erinnert sich gerne zurück an die orthodoxe Familie, die dem viel zu früh verstorbenen Kind noch eine Packung Kaffee und ein paar Zigaretten mit in den Sarg legte – für die Oma, die schon vorausgegangen sei. An den Freundeskreis, der eine Nacht am Sarg des Verstorbenen saß. Sehr viel Wein trinkend, Zigarren rauchend, weinend, lachend und trauernd. An die Heavy-Metal-Fans, die einem aus ihrer Mitte ein letztes Headbangen am Totenbett schenkten – mit fliegenden Haaren und Tränen in den Augen. Kistner hat beobachtet, dass besonders Menschen, die nicht stark im Glauben verhaftet sind, „gut darin sind, eigene Rituale zu entwickeln“. Weil sie sich nicht auf einen vorgeschriebenen und manchmal auch Halt gebenden Rahmen zurückziehen könnten, so Kistner.

          Bestatterinnen: Sabine Kistner (rechts) und Nikolette Scheidler haben ein  Beerdigungsinstitut im Frankfurter Gutleutviertel.

          Die Regeln, was mit ins Grab darf und was nicht, gibt die Frankfurter Friedhofsordnung vor. Zumindest bei Erdbestattungen. Laut einem Sprecher des Grünflächenamtes ist die Satzung zumindest theoretisch auf eine einfache Regel zu reduzieren: In den Sarg dürfen nur Gegenstände beigelegt werden, die sich zersetzen können und das Grundwasser nicht beschmutzen. Nur noch bei einem Viertel der Bestattungen wird nach Angaben des Sprechers überhaupt ein Sarg in die Erde eingelassen, die große Mehrheit machen Urnenbeisetzungen aus. Die Särge, die am Frankfurter Hauptfriedhof zur Beisetzung angeliefert werden, seien meist schon verschlossen. „Die öffnen wir dann natürlich nicht mehr, um nachzusehen.“

          Handelt es sich um eine Urnenbestattung, dürfte das Feuer ohnehin alle Beigaben zu Asche verwandeln. In einem modernen Krematorium erreichen die Temperaturen laut Kistner bis zu 1300 Grad. Wer dem Verstorbenen etwas mit ins Feuer geben wolle, müsse darauf achten, dass es sich um kein explosives Material handele. Besonders Glasflaschen sind laut Aussage der Bestatterin verboten. Der Lieblings-Whisky darf also nicht mit auf die letzte Reise.

          Sabine Kistner weiß, wie schwer es vielen Menschen fällt, über ihre eigene Beerdigung zu reden. Aber sie ahnt auch, wie befreiend es für Angehörige sein kann, genau zu wissen, wie sich der Verstorbene seinen Abschied vom Leben vorgestellt hat. Auch deshalb hat sie ihren erwachsenen Kindern schon vor Jahren genaue Anweisungen gegeben, wie sie sich ihre eigene Trauerfeier vorstellt – und vor allem: was sie mitnehmen möchte. „Ich habe einen Koffer, in dem ich Briefe gesammelt habe. Die sollen mit mir verbrannt werden“, sagt sie.

          Ihre Kollegin Sonja Herrnsdorf hingegen besteht auf die eigene Bettwäsche und darauf, in bequemer Seitenlage bestattet zu werden. „Ich schlafe nie auf dem Rücken.“ Außerdem, sagt sie, wolle sie eine Erdbestattung. „Mein Körper hat neun Monate gebraucht, um auf die Welt zu kommen, er braucht auch Zeit, um wieder gehen zu dürfen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gibt seine Stimme bei der Europawahl am Sonntag in Gießen ab.

          Europawahl-Liveblog : Hohe Wahlbeteiligung in Deutschland – ÖVP siegt in Österreich

          +++ Kaum Verluste für FPÖ +++ Nationalistische EU-Kritiker in in einigen großen Ländern vor Triumphen +++ Streit zwischen SPD- und AfD-Kandidaten in Rastatt +++ Alle Informationen im FAZ.NET-Liveblog:
          In diesem Haus in Essen führten die Behörden am vergangenen Freitag ein Razzia gegen „Al-Salam 313“ durch.

          Gegen Clans und Rocker : Kriminelle Vielfalt

          Die irakisch-syrische Bande „Al-Salam 313“ soll unter anderem in Rauschgiftschmuggel und Waffenhandel verwickelt sein. Deshalb gehen die Behörden nun verstärkt gegen sie vor. Die Kontakte reichen bis zu kriminellen Clans.

          Ibiza-Affäre : Aufnahme läuft

          Zur Herkunft des Ibiza-Videos bringt das ZDF wieder das „Zentrum für politische Schönheit“ ins Spiel. Die Aktivistengruppe dementiert. Als Drahtzieher der für die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus aufgestellten Video-Falle hat sich der Anwalt Ramin M. eindeutig bekannt.
          Lewis Hamilton gewinnt das Rennen in Monte Carlo und denkt dabei an den verstorbenen Niki Lauda.

          Formel 1 in Monaco : „Das war das härteste Rennen meines Lebens“

          Weltmeister Lewis Hamilton muss alles aufbieten, um einen grandiosen Grand Prix zu gewinnen. Den Sieg widmet er Niki Lauda. Sebastian Vettel profitiert von einer Strafe. Gar nicht gut läuft es für den anderen Ferrari-Piloten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.