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Tupperware : Die Tupperparty trotzt dem Internethandel

  • -Aktualisiert am

Damenwahl: Am Ende einer Tupperparty wird bestellt. Bild: Lukas Kreibig

Nichts ist so schön, wie an einem Abend mit Freundinnen Plastikschüsseln auszuprobieren: Das amerikanische Unternehmen Tupperware mit Deutschlandzentrale in Frankfurt bleibt auf Wachstumskurs.

          Eine Silikon-Backunterlage ist der Renner an diesem Abend. Selbst die Studentin, die sich vorgenommen hatte, auf keinen Fall etwas zu kaufen, greift am Ende zu. Beim gemeinsamen Backen eines Brötchen-Rades ließ sie sich davon überzeugen, dass die Matte für stolze 28,20 Euro ärgerliche Krümel im Ofen verhindert. Zum Testen war die Frankfurter Studentin in die Küche der Mutter einer Kommilitonin in eine der hübsch herausgeputzten Wohnsiedlungen in Maintal gekommen. Zwei Schwestern hatten dort zur Tupperparty geladen. Tatjana Brüggemann, eine der beiden, zählt zu den zahlreichen Party-Managerinnen, die für das Unternehmen den Direktvertrieb übernehmen.

          Beim Ausfüllen der Bestellzettel sitzen die Studentinnen mit ein paar weiteren Gästen auf Mutters grüner Ledercouch, essen Salat, die noch warmen Brötchen, lassen sich Brotdosen und Trinkflaschen zeigen und unterhalten sich nebenbei über die Uni. Diese familiäre Atmosphäre ist seit 68 Jahren das Erfolgsrezept von Tupperware. Alle 1,4 Sekunden soll weltweit eine solche Tupperparty stattfinden, wie das Unternehmen wirbt. Weil sie im privaten Kreis, unter Freunden und Arbeitskollegen organisiert wird, erfahren nur Eingeweihte davon. Bis auf wenige Ausnahmen im Internet sind die Haushaltshelfer aus Plastik nur auf solchen Partys zu erwerben.

          500 Tupperware-„Studios“ für Deutschland geplant

          „Wie finden Sie Tupperware?“, lautete daher etwas provokant und doppeldeutig die Frage auf Plakaten, mit denen das Unternehmen vor einiger Zeit öffentlich warb und zugleich das Manko seines Vertriebskonzeptes deutlich machte. „Wir sind zu gut versteckt. Es ist dringend nötig, dass wir uns offener positionieren“, sagt der Geschäftsführer von Tupperware Deutschland, Christian Dorner, in der Unternehmenszentrale an der Praunheimer Landstraße in Frankfurt, in der 100 Frauen und Männer arbeiten.

          Für die neue Positionierung gibt es schon ein Konzept. Rick Goings, weltweiter Chef des Konzerns in Orlando in den Vereinigten Staaten, hat angekündigt, das Unternehmen plane in Deutschland 500 Tupperware-„Studios“. Wer nun allerdings Ausschau nach einem Laden in der Frankfurter Innenstadt hält, in dem er künftig Plastikbecher und die klassischen „Peng-Schüsseln“ kaufen kann, liegt aber falsch. Von der Vertriebsidee der Tupperparty will das Unternehmen nicht abrücken. Dafür ist sie dann doch zu erfolgreich. Die „Studios“ sollen vielmehr dabei helfen, noch mehr Partys anzuschieben, wie es heißt.

          Mit den Nachbarinnen tuppert es sich besonders gut

          Wie das aussehen könnte, ist Deutschland-Chef Dorner nicht zu entlocken. Er gibt aber einige Hinweise. Tupperware sei schon jetzt sehr präsent, sagt er und verweist auf die 120 Bezirkshandlungen und 40 Regionalcenter, die alle von Vertriebspartnern betrieben werden und in denen es neben Auslieferungslagern auch Tagungsmöglichkeiten und Probierküchen gibt. Sie werden genutzt, um die vielen Partymanager - Dorner spricht von einer mittleren fünfstelligen Zahl in Deutschland - zu schulen und ihnen neue Produkte vorzustellen. Für die Öffentlichkeit sind die Bezirkshandlungen bisher nicht zugänglich. „Ein erster Schritt wird sein, zu überlegen, wie wir solche schon existierenden Orte öffnen können“, erläutert Dorner. So könne es dort Kochveranstaltungen, Schulungen für gute Kunden und natürlich Tupperpartys geben. Dass es dort auch einmal ein Schnäppchen zu kaufen gibt, will er nicht ausschließen. Betrieben werden sollen die „Studios“ von den Bezirkshändlern selbst. Eine weitere Expansion in die Städte werde mit ihnen gemeinsam entwickelt. „Aber natürlich wollen wir dorthin, wo wir noch nicht vertreten sind“, sagt Dorner, „also in die Innenstädte, um die Marke stärker zu präsentieren.“

          Denn das Konzept der Tupperparty funktioniert vor allem dort gut, wo es intakte Nachbarschaften und Vereine gibt, also auf dem Land, in kleinen Städten und Vorstädten. Im Umland der größeren Städte sei Tupperware gut vertreten, hebt Dorner hervor. Mit Konzepten für einfacheres und schnelles Kochen sollen nun die Single-Haushalte in den Großstädten stärker angesprochen werden.

          Ein Unternehmen auf Expansionskurs

          Ein Tupperware-„Studio“ etwa auf der Zeil in Frankfurt wird es nach Dorners Vorstellungen allerdings nicht geben. Er könne sich solche Niederlassungen in den Stadtteilen denken oder in Einkaufszentren. Die Zahl 500 sei eine Schätzung. Gerade wenn man die kleineren Städte zähle, in denen das Unternehmen noch nicht präsent sei. „In den nächsten drei bis fünf Jahren werden wir das Konzept umgesetzt haben, ob es dann 400 oder 600 Studios sind, wird sich zeigen.“

          Alles schön bunt hier: Tatjana Brüggemann vor ihrer Verkaufsware

          Der Direktvertrieb, zu dessen bekanntesten Vertretern neben Tupperware Vorwerk und Avon zählen, wächst auch in Zeiten des Internets. Nach Angaben des Bundesverbands Direktvertrieb Deutschland wuchsen die Umsätze allein 2015 um zwölf Prozent. 823.000 Frauen und Männer seien freiberuflich in der Branche tätig. 2014 kamen nach einer Studie der Mannheimer Universität 100.000 hinzu. Bis 2019 erwarten die Autoren der Studie eine Steigerung von weiteren 25 Prozent. Tupperware Deutschland habe ein erfolgreiches Jahr 2015 verzeichnet, bestätigt Dorner, und auch 2016 bleibe man auf Expansionskurs.

          Partymanagerin Brüggemann führt an dem Abend in Maintal ihr Lieblingsprodukt, die Silikonmatte, nicht nur vor. Sie lässt die Gäste beim Teigkneten mit anfassen, fragt bei anderen Produkten nach Erfahrungen aus der Runde und verrät Tricks zu den Küchenhelfern. Diesmal hatte es unter den Partygästen einige Absagen gegeben, so dass am Ende nur vier Frauen auf dem Sofa sitzen.

          Was Party-Manager verdienen

          Für 485,90 Euro bestellen die Teilnehmerinnen der Party am Ende Waren. 24 Prozent davon gehen an Brüggemann. Nicht gerade ein üppiger Stundenlohn, wenn man bedenkt, dass sie vor der Party in der Regel schon einmal beim Gastgeber vorbeifährt, bei der Auswahl der Gäste hilft und mit dem Gastgeber bespricht, welche Produkte präsentiert werden. Zudem hat sie Fahrtkosten. „Ich fahre schon mal eine Dreiviertelstunde oder eine Stunde zu einer Party.“ Anschließend holt sie die bestellte Ware bei der nächsten Bezirkshandlung ab, stellt eine Tüte für jeden Gast zusammen und liefert sie beim Gastgeber ab.

          Dennoch ist Brüggemann überzeugt von dem Konzept und organisiert die Partys neben ihrem 34-Stunden-Job. Sie habe nicht geglaubt, dass die Nachfrage so hoch sei, sagt die Frau. Vier Partys im Monat sind bei ihr üblich, manchmal sind es sogar zwölf. „In der Regel haben wir mindestens eine weitere Partyanfrage pro Abend.“ Das lohnt sich dann auch für die Gastgeberin. Neben dem Dankeschön, diesmal in Form einer Kuchenplatte mit Deckel, kann sie je nach Umsatz und dem Anwerben neuer Gastgeber Punkte sammeln, die wiederum in Tupperware umgetauscht werden. An diesem Abend darf die Gastgeberin für 66 Euro im Katalog einkaufen. Damit ist sie ihrem Ziel, sich die Tupper-Ausstattung für die erste eigene Wohnung zusammenzustellen, ein gutes Stück näher gekommen.

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