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Die Stadt als Kino : Geguckt wird, wo Leinwand ist

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So unterschiedlich Brettschneiders Kinoreihen und die Orte, an denen sie stattfinden, sind, eines ist immer gleich: Vor jedem Film sagt Brettschneider, warum er ihn ausgewählt hat, und jedes Mal ist er aufgeregt. In Jeans und Jackett tritt er vor die Leinwand, einen Zettel mit Stichpunkten in der Hosentasche, ein Glas Wasser in der Hand gegen den trockenen Mund. Dann blinzelt er ins Publikum und spricht leidenschaftlich über die Leistungen der Schauspieler oder etwas anderes, das ihn an dem Film berührt, den alle gleich sehen werden. Über Christopher Nolans Science-Fiction-Werk „Interstellar“ sagte Brettschneider zum Beispiel, er zeuge von einer Liebe zur Unterhaltung, die, so inszeniert, doch nur ein Synonym für Kunst sein könne. Unbegreiflich sei ihm, wie viel daran genörgelt worden war und wie wenige Auszeichnungen der Film bekommen hatte. Für ihn: „Ein kühner, grandioser Liebesfilm.“

Brettschneider über Didaktik

Filme, die ihm gefielen, unabhängig von der Kritik, hatte vor vielen Jahren auch der Kunstlehrer Hansjörg Rindsberg ausgewählt, für seinen Unterricht am Offenbacher Albert-Schweitzer-Gymnasium. Und seinen Schüler Daniel Brettschneider damit für das Medium begeistert. Rindsberg verstand Film als eigene Kunstform, nicht als Medium der Literaturvermittlung wie an Schulen sonst so oft. Er zeigte Filme, die ihn bewegten, und keine, die ein Lehrplan vorsah. Statt um den Inhalt ging es ihm darum, wie der Film wirkt und warum. Wie zum Beispiel wird Angst erzeugt? Welche Musik spielt dabei, spielt überhaupt Musik? Wie muss die Kamera stehen, wie müssen die Personen stehen? Es lag nicht zuletzt an diesem Lehrer, dass Brettschneider in Frankfurt ein Lehramtsstudium begann. „Es faszinierte mich, wie Lehrer bei Schülern Interesse wecken können, unabhängig vom Stoff“, sagt er. Es war auch die Zeit, in der er sich oft mit Freunden im Chamäleon traf, einer Kneipe im Offenbacher Bahnhofsviertel. Dort spielten sie Tischkicker, tranken Bier und redeten von Projekten wie schönen Läden und guten Bars. Projekte, die schon deswegen scheiterten, weil sie nie versuchten, sie umzusetzen.

Nach ein paar Semestern aber wurde alles anders. Brettschneider brach das Studium ab, um in Berlin Regie zu lernen. Aber das weitläufige Berlin war nichts für ihn, das Filmgeschäft erschien ihm zu hart, und er vermisste seine Heimatstadt. Nach einem halben Jahr kam er zurück. Nun, das wusste er, war die Zeit der Träumerei vorbei. Er fing an, in Frankfurt Erziehungswissenschaften zu studieren. Vor allem die Vermittlungsprozesse zwischen Kunst und Didaktik interessierten ihn. Heute, als diplomierter Erziehungswissenschaftler, sagt er: „Die beste Didaktik ist, die Didaktik weitestgehend wegzulassen und authentisch zu sein.“ In der Auswahl von Filmen bedeutet das, nicht dem Publikum gerecht zu werden, sondern dem Medium. Schülern würde er Filme wie „Wege zum Ruhm“ von Stanley Kubrick, „Funny Games“ von Michael Haneke und „Sie küssten und sie schlugen ihn“ von François Truffaut zeigen. „Man muss aushalten, dass sie auf dem Stuhl hin und her rutschen und sich langweilen. Aber vielleicht erreicht man sie auch“, sagt er.

„Dirty Dancing“ schon 100 Mal gesehen

Auch dem Offenbacher Publikum will Brettschneider etwas zumuten. Nachdem er das „Hafenkino“ mit alten und neuen Klassikern bekannt gemacht hatte, zeigte er auch Filme, die keine Kassenschlager waren und sind, und nahm in Kauf, dass manchmal statt 300 nur 19 Zuschauer kamen, etwa bei „Paris, Texas“ von Wim Wenders.

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